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Die Wahrheit · 1914-07-17 · Heft 27 (17.7.1914) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 27 (17.7.1914)
Date
1914-07-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 5 Nr. 27. Stimmungsgehalte des so demütig flehenden dritten und vierten Tones der allen Kirchentonarten (phrygisch-mixolidisch) geben die liturgische Stimmung in ihrer ganzen Reinheit wieder. Die orchestralen Klänge der Orgel sind wahre, tief, empfundene Musik. Glücklich, wer in unserer oberflächlichen, hastenden, nur dem Allerneuesten znstrebenden Zeit den Sinn so rein und empfänglich bewahrt hat, für solch hohe Kunst, wie es der liturgische Gesang unseres überaus schönen Tempelgesanges ist. Neu,! Jahre sind nun verstrichen, seit der Komponist Heller den ersten Teil seines Werkes der Oeffentlichkeit übergab; und doch ist es mir bekannt, daß bereits beim Erscheinen des ersten Teiles des „Kol T’hilloh.“ ein Großteil der Hohen-Feiertags-Gesänge in der Musikmappe fertiggestellt lag. . Schon dieser Umstand spricht zu Gunsten des Herausgebers. Denn, freudig müssen wir konstatieren, daß der zweite Teil dieses Werkes uns viel reifere, oft und oft geprüfte, sorgsam gefeilte und geglättete Kompositionen und Rezitative präsentiert und wir gestehen gerne: Herr Oberkantor Heller ist zugleich mit seinen Musenkindern gewachsen, er hatte sich allmählich zum reifen und gediegenen Musiker entwickelt. Zwei „Ma tomi“ geleiten uns zum eigentlichen Rosch- Easohonoh-Abendgottesdienst und gleichsam einer Jugendfrenndin begrüßt uns die liebliche traditionelle Weise des „Borcliu“. ... so vertrant in Form und Melodie und doch ganz anders; eine moderne, vornehme Gewandung, ihre Sprache korrekt und gewählt — eine Sofo bruroh. — Wir mögen eben das Kanderivälsch des alten Chasanus nicht mehr, wenn auch seine improvisouistischen Gedanken und Ansdrücke uns ein heiliges Vermächtnis geblieben sind. Das Chatan patack, komez und segol, bas Dagesch, milel und niilra bei der Tora-Vorlesnng soll vom modernen Kantor strenge Beachtung finden. Wollen wir etwa nicht, daß der erste Beste, mit dem wir eine Konversation führen, von uns rühmt, daß wir uns einer gewählten. Sprache bedienen? Und warum sollen wir zu unserem Gotte in uugelänterter Sprache sprechen? Das Rezitativ Heller's sucht keine abseitsliegenden Pfade, das „Tikn-^Vacbodesck“ neigt zur Tonmalerei, es fließt einem klaren frischen Bächlein gleich; und nun gelangen wir zur ersten größeren Komposition: Jigdal’ No. 194. Hier wollen wir etwas länger verweilen. — Eine schöne, melodisch abgerundete Linie in wirksamer Bogeusühruug ist seine Eigentümlichkeit. Der erste Satz weist ein herrliches Motiv aus. Ans einer hochinteressanten Nachahmung dieses Motives wird der zweite Satz gebildet. Die dritte Periode stellt eine Steigerung gegenüber der ersten dar. Das Motiv ist ganz dasselbe wie in den beiden ersten Sätzen, nur eine andere Verarbeitung aus der die Steigerung resultiert. Eine wohltuende Abrundung erfährt der vierte Satz durch seine melodische Stimmführung, selbst in dem eingeschalteten Satze „Andante, Majestoso“ ist das Grundmotiv folgerichtig beibehalten, das dann im „Larghetto cantabile“ eine kleine, aber begründete Aenderung erfährt. Die ganze Melodie ist nicht anderes als die kunstvolle Umspielung der Tonika und der Dominante mit den einfachsten Mitteln in dem engbegrenzten Raum beiläufig einer Oktave. Was die Gesangstimme im besonderen betrifft, so muß ganz lobend hervorgehoben werden, daß nicht bloß in den analysierten Nummern, sondern auch im ganzen Werke nicht ein einziger Querstand zu entdecken ist, der auf weniger gute Akkorde und Stimmführung schließen ließe. Der ganze Gesang ist eine liturgisch vorzügliche und wahre Vertonung des hehren Textes, und nur in dieser.Wiedergabe konnte'die Steigerung bestehen. Wie treffend und geschickt der Komponist dies aber auch vollbrachte, rvird dem. einleuchteu, der ans diesem Gedanken : heraus den Prächtigen Hymnus einwirken läßt. Um nicht diese . Besprechung ins Gigantische wachsen zu lassen, gelangen wir alsoglezch. .zur' Komposition.. Numcher 453 „Emes“. Sie ist eine vM -Araft und Temperament strotzende Kömposition, die auch der „Moderne", Rechnung trägt. Das Werk ist im motorischen Stile geschrieben'und wir finden im Komponisten einen vorzüglichen Vertreter dieser Kunstsorm. Die geistreiche Ausnützung des hauptsächlich auf der aussteigenden Tonleiter gestützten Motives finden wir sowohl am Anfang als auch im Schlußsätze. Selbst in dem eingeflochtenen a capella Sätzen ist dieses Motiv in hübschester Modifikation durchgesührt, ein Kennzeichen eines reifen musikalischen Könnens. Wie richtig der Text im Largo illustriert wird, beweisen die abwärtsstrebenden Sequenzen. Nach dem zum Teil musikalischlyrischen Inhalte könnte man dieses Produkt eine Kantate nennen und hervorhebeu, daß der Komponist der überlieferten alten Reinheit auch modern gu empfinden und zu gestalten im Stande ist. Dieses „Eines“ ist eine herrliche Komposition von reizender Melodik und zeichnet sich sowohl durch einwandfreie Stimmführung, als auch durch vorzügliche Kontrapunktik in dem Orgelpart aus. Ein jubelnder zuversichtlicher Chor: „W’attoh“ schließt die effektvolle Nummer. Und so könnten wir ähnliches Lob vielen prächtigen Kompositionen, mit gutem Gewissen, spenden, denn sie alle find schöne Blümlein und Blumen, gezüchtet von der Hand eines Knnstgärtners par excellence, allein die Würdigung all dieser mehrstimmigen Werke, etwa hundert, würde' die Grenzen des uns zu Gebote stehenden Raumes weit überschreiten. Und nur flüchtig wollen wir noch der markantesten Arbeiten gedenken: „Mechalkel chajim“, sehr sinnig ausgestultel. Melock, ein Rezitativ herzerquickenden Chasanus, der Wechselgesang „Owinu Malkenu“ charakterisier: das Motiv durch den abwechselnden Schluß des gis und a; ein grandioses Werk ist auch das vierstimmige „En komaucho“, dessen wir uns gerne mit dem einzig-schönen En komancho Salzers abwechselnd bedienen werden. Echte, unverfälschte Chasanus atmet die ganze Partie des „El melech“. Und nun gelangen wir zum Uwaschofor godol. Nummer 444. Hier kommt des „Chasans Baß" voll und ganz zu seinem Rechte, ihm folgt (baawonosenu horabbim) der F r a u e nvder Knabenchor, die Orgel singt und pfeift aus allen Registern, eine ausgezeichnete moderne „Nisbore“, die im Larghetto ihre Fortsetzung findet. . . . Viel modernen Geschmack verrät auch das Kantorsole „Brosch-Easekono II.“, das kein Kantor, dem ein gediegener Organist zur Seite steht, im Hohenseiertags-Gottesdienst wird missen wollen. Ein Prüfstein des Chasanus ist bekanntlich das „Sagen“ des „Umipne“ als auch Malchios, Sichronos, Schofros. Hier wird nicht nur der Kautoratseleve reiche Kenntnis schöpfen, auch der erfahrene Kantor wird vollauf Anregung finden. Und so sind wir zum „Eajjom teamzeno“, Tempo di Mareiale gelangt, eine Komposition mit Geschmack und kontrapunktalischem Können gearbeitet. Der ganze „Kol-Nidre“-Gottesdienst fand im „Kol T’hilloh“ meisterhafte Ausgestaltung. Auch hier begegnen wir dem alten Chasanus im prächtigen Seidentalar. Sowohl das „Kol Nidre“ selbst mit dem herrlich-schönen Orgelpart, als auch die daranssolgendeu mehrstimmigen Kompositionen sind von feierlichster Stimmung nmhaucht. „Weal chatoim“ bildet den würdigen Abschluß des weihevollen Abendgottesdienstes. Mit Wehmut und aufrichtiger Anteilnahme betrachten wir das Gedenkblatt, das der hartgeprüste Komponist Heller dem Andenken seines einzigen teueren dahingeschiedenen Kindes, der kunstsinnigen Frau Dr. Elsa Stern seligen Andenkens, widmete. Die Gebete und Lieder, sie alle klagen um ein verlorenes Paradies und wir wünschen Herrn Oberkantor Heller, seine Museukinder, die wohlgeraten sind, mögen ihm einen Teil seines Verlustes ersetzen. Und nun zum Schluß. Herrn Oberkantor und Chordirektor Josef Heller in Brünn braucht nicht um die Existenz seines synagogalen Werkes „KolT’hilloh“ zu bangen! Esist eine Arbeit von bleibendem Werte und wer das moderne Chasanus zu qeiuem Lebensziel sich machen will, wird nie und: nimmer Hellers Werke übersehen können noch dürfen. Dem Komponisten aber rufen wir ein. kräftig es r Jejaseher koach! zu.

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