Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 27 (17.7.1914)
- Date
- 1914-07-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27. Die Wahrheit Seite 7. Das Gemembe-Uorsteheraint in früheren Zeiten. (Schluß). „Maria Theresia!" . Wir haben sehr mißfällig ans Eurem Berichte vom 10. Dezember entnommen, in was verschiedene Wege sich non einigen mutwilligen Inden und hauptsächlich von dem Nikolsburger Jndenrichter, Anspitzer, gegen den Landesrabbiner Lemberger und Landesältesten Berend Goldschmied boshaft in neidischer Weise zngedrungen worden, ehe wir aber zur schärferen Abschen wohlverdienter Zwangsmitteln greifen, so ist unser gnädigster Befehl an Euch hiermit, daß ihr obbenannte beide Aufwiegler für diesmal nacher Brünn zitieren, alda denenselben ihr sträfliches Vergehen zu mahnen wegen der mit Ausschließung des Landesrabbiners gegen Ende des vorigen Monats eigenmächtig zu machen unternommenen gegen die von uns bestätigte Polizeiordnung laufenden ungereimbten Satzungen Ernstermaßen vorheben sofort in unserem höchsten Namen sowohl diese Kassiere, als den wider den Landesrabbiner und Landältesten Goldschmidt_ sträflich verhängten Bann, wann solcher erfolget, allenfalls anuliren, annebst auch diese unruhige Köpfe zu der den Landesrabbiner schuldigen Subordination nachdrucksambst verhallen und sie wahrningen sollt, daß bei der geringsten von ihrer frevelhaften Widersetznng künftighin äußerden Spur auf beider Unkosten nicht nur allein zu einer scharfen Inquisition der neuen und alten Verbrechen eine eigene Kommission ad locorn ab geschickt, sondern wie dieselbe noch einer schweren Bestrafung nach Befund der Umständen ohnfehlbar verhängt werden wird und wieder beiderley Vorfallenheiten die Aufwiegler zn Betrieb und Behauptung ihres Unfuges gemeiniglich Kollekten anzustellen und solche sich zn Nutzen zn machen pflegen, so werdet ihr hierauf wohl Obacht zn geben und befindenden Diensten nach gegen derlei Uebertretungen, wie bei denen christlichen Gemeinden mit aller Schärfe Patentmäßig zn verfahren haben." (W. Jahrb. 1864.) Solch unerquickliche Zustände herrschten in früheren Zeiten immer nur in jenen Gemeinden, wo die würdigen, einsichtsvollen, achtbaren Persönlichkeiten sich gezwungen sahen, auf das Vorsteheramt zu verzichten und die Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten ehrgeizigen und herrschsüchligen Strebern zn überlassen. Als jedoch gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts die Morgenröte der Freiheit zu dämmern begann und selbst hervorragende, intelligente, vorurteilsfreie Christen sich für die Emanzipation der Juden warm einsetzten, haben in den jüdischen Gemeinden großer Weltstädte die angesehensten, achtbarsten und einflußreichsten Persönlichkeiten sich aufgerafft, Versammlungen einberufen und in denselben gemeinschaftlich beraten, welche Mittel angewendet werden müßten, um die während der Jahrhunderte des Druckes eingeschlichenen, das Judentum verunstaltende Mißbräuche bannen, neue den Anforderungen der Religion, wie dem Geschmacke der Zeit entsprechende Formen in Synagoge, Schule und Gemeinde einführen und überhaupt dafür sorgen zn können, daß das Vorsteheramt wie dessen Anordnungen allseitig respektiert werden und keiner es wage, den Frieden in der Gemeinde zu stören. Bei dieser Gelegenheit ergriff einer der anwesenden achtbaren Herren das Wort und sprach: Meine Herren! Ihr Vorhaben, den Kultus zu restaurieren und den Frieden in der Gemeinde zu schützen und zu wahren, verdient unbedingt die vollste Anerkennung, denn es ist wahrhaftig ein dringendes Bedürfnis der Zeit, die alten Mißbräuche, die schon die hervorragendsten rabbinischen Autoritäten früherer Jahrhunderte auf das schärfste getadelt, ohne einen Erfolg erzielt zn haben, zu bekämpfen und den Frieden, dieses kostbare Kleinod der menschlichen Gesellschaft, unter allen Umständen zu erhalten. Diese hochwichtige und erhabene Aufgabe kann jedoch nicht so rasch als erwünscht gelöst werden, denn wenn es zur Wahl eines Präsidenten der Gemeinde kommen wird, werden sich zweifellos mehrere Bewerber einfinden, die ans das Vorsteheramt reflektieren wollen. Und da. nun an der Spitze der Gemeinde bloß ein Präsident Raum hat, so würden ohne Zweifel die Nichtgewählten verstimmt und erbittert sein und sich bestreben, dem gewählten Rosch. hakohol die schwere Bürde des Amtes so viel als möglich unerträglich zn machen. Deshalb brauchen wir uns aber nicht abschrecken zn lassen, denn auch dieses Nebel kann radikal geheilt werden, wenn man nur das richtige Mittel hiezu zu verwenden versteht. Bekanntlich beruht das ganze schöne, prachtvolle imposante Religionsgebände des Judentums auf drei Säulen. Und diese heißen Thora, Aboda, Gemilut Chasodim. Thora! Jede Gemeinde Israels muß, wenn sie als solche gewissenhaft ihre Pflichten erfüllen will, vor allem dafür sorgen, daß in ihrer Mitte Lehranstalten sich befinden, in welchen sowohl die Jugend als die Erwachsenen mit der Kenntnis der Thora, mit den Grundprinzipen der heiligen Lehre, mit der Ethik der Religion vertrant gemacht werden; denn ein Judentum ohne Thora gleicht einen Körper ohne Seele, hat keine Zukunft, keinen Halt, keine Stütze und keine Existenzberechtigung. Aboda! Jede Gemeinde Israel hat als solche dafür zn sorgen, daß in ihrer Mitte eine, oder nach Bedarf mehrere Synagogen bestehen, in denen jeder Jude, der das Bedürfnis fühlt, sein Herz in inbrünstigem Gebete vor dem himmlischen Vater auszuschütten, sein Gebet in würdiger, weihevoller Weise ungestört verrichten kann. — Gemillut Chasodim! Jede israelitische Gemeinde ist verpflichtet dafür zn sorgen, daß in ihrer Mitte humanitäre Anstalten existieren, die den edlen Zweck verfolgen, das materielle Heil und Wohl der Armen und Bedürftigen, der Witwen und Waisen, der Kranken und Schwachen, der schwer Geprüften und hart Heimgesnchlen nach jeder Richtung hin zn fördern. Sollen nun die hier erwähnten hochwichtigen religiösen Anstalten und humanitären Institutionen sich stets der schönsten Prosperität erfreuen, so müßten unter dem Protektorate des Knltnsvorstandes zahlreiche Vereine (Chewrot) ins Leben gerufen werden, deren Aufgabe es wäre, sämtliche hier bestehenden Anstalten und Institutionen kräftigst zn utlterstützen ttnd je nach Bedarf neue zu kreieren. Jeder dieser Vereine hätte, so bald er sich konstituiert, vor allem einen Vorstand zu wählen, dem die Verwaltung der Vereinsangelegenheiten übertragen wird. Auf diese Weise würde nicht nur für die Erhaltung der drei Säulen Thora, Aboda, Gemilut Chasodim sondern auch für die des Friedens reichlich gesorgt sein, denn anch jene Herren, die sehnlichst wünschen, ein Vorsteheramt zu bekleiden, nm sich Verdienste um das Judentum erwerbelt zu können — für die aber im Knltusvorstande kein Platz mehr frei sein wird — werden bei dem einen, oder dem andern der zahlreichen Vereine leicht zn einem solchen Ehrenamte gelangen, denn je mehr Vereine, desto mehr Chargen. — Wie hat nur Jetro, als er seinem Schwiegersohn Moses den wohlmeinenden Rat erteilte, nicht allein s ä m t l i ch e Angelegenheiten des Volkes zn verwalten, sondern Vorsteher über Tausende, V o r st e h e r über Hunderte, Vorsteher über Fünfzig und Vorsteher selbst über Zehn zn wählen, zum Schlüsse gesagt? „Wenn du diesen meinen Rat befolgst, so kannst du unangefochten deines Amtes als Präsident des Volkes walten und das ganze Volk wird sich befriedigt fühlen, jeder wird auf seine mPlatze sein, wohin er gehört — al mekomo jowau bescholaum — und der Friede wird nicht gestört werden." Dieser Antrag wurde in der Versammlung von sämtlichen Anwesenden per Akklamation akzeptiert. Und bei der Neukonstitnierung der Gemeinde wurden in diesem Sinne die Statuten ansgearbeilet und die erforderlichen Anstalten errichtet. Die Erfolge waren äußerst glänzend, so daß der Ruf dieser Mnstergemeinde gar bald weit hinaus über die Grenzen drang und von ihr überall mit besonderer Hochachtung und Verehrung gesprochen wurde. Nach und nach haben