Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 25 (3.7.1914)
- Date
- 1914-07-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 25. Die Wahrheit Serie 5 ganze jüdische Schrifttum hindurch, indem die Ueberzeugung vertreten war. daß die Sünde nicht das Dauernde sei> sondern eine flüchtige, durch inbrünstiges Gebet und Buße vorübergehende Hemmung des wahren Besitzes unserer Seele. Nicht etwa als ob das Judentum die Sünde nicht ernst genug erfassen wollte. Ueber diesen Vorwurf muß eine Gemeinschaft erhaben sein, die die herrlichen Bußpsalmen geschaffen, den Begriff der Sünde aus dem Bereich des Kultischen und Reich des Sittlichen erhoben, die Männer wie die Propheten hervorgebracht hat, die mit so unübertrefflichem Ernst den Sündern ihre Sünde vorhielten. Das Judentum verschließt wahrhaftig seine Augen nicht vor der Tatsache, daß an alle unterschiedslos die Gefahr herantritt, in Schuld und Sünde zu fallen, daß auch die Besten in Irrtum verfallen können und nicht immer auf den Höhen der reinen Sittlichkeit sich bewegen; mit aller Energie sucht es zu verhüten, daß jemand in öder Selbstgerechtigkeit sich im Bewußtsein seiner Guttat sonne und längst ehe das Christentum in der Welt war, hat das Judentum seine Bekenner gelehrt, daß die Folgen der Sünde nur getilgt werden können von dem erbarmenden Gott. Was aber das Judentum ablehut, das ist, daß es der Mittelpunkt aller Religion sein muß, sich unter der Herrschaft der Sünde zu fühlen und am Menschen itnd seiner Kraft zu verzweifeln. Das Christentum richtet seine Erziehung zur Frömmigkeit darauf, daß der Mensch sich in einer durch seine Kraft nnsühnbaren Schuld empfinde, um dann dem in trostloser Verzweiflung Verfallenen die Lehre von Christus uud dem allerbarmenden Gotte zu predigen. Das Judentum aber gibt sich mit voller Absicht und mit Nachdruck als die Botschaft von der Kraft des Menschen, die ihm als Geschenk Gottes gegeben wird, in der seine Gottesebenbildlichkeit besteht und es sagt, daß diese Botschaft mit gleichem Recht und derselben religiösen Wichtigkeit neben der von dem Erbarmen Gottes steht. Dem christlichen Bewußtsein wird die Sünde zum Tummelplatz der Sünde; nach ihm tragen alle irdischen Dinge den Keim der Sünde in sich und bedeuten eine ständige Versuchung und Gefahr für den Menschen. Das Judentum hingegen bekennt, daß keine Anlage des Menschen an und für sich gut oder böse ist, sie wird erst gnt oder böse durch den Gebrauch, den der Mensch von ihr macht. Jeder Kraft des Körpers und der Seele mnß das ihr gebührende Maß zugestanden werden, die gleichmäßige Ausbildung aller Kräfte ist das Ziel, zu dem das Judentum den Menschen hiulenkeu will. Möge diese Schrift, die noch anderweitige, wissenschaftlich hochstehende Themen behandelt, einen weitausgedehnten Leserkreis und allenthalben wohlverdiente Würdigung und warme Beherzigung finden, ihr Nutzen würde unermeßlich sein. Midja« imd Moab in der bibl. nnd in der modernen Zeit. Als Israel, das Jahrhunderte lang unter dem unsäglich schweren Drucke der Pharaonen seufzte, durch wunderbare Begebenheiten, durch außergewöhnliche, welterschütternde Ereignisse ans der Knechtschaft Egyptens, aus . dem Rachen blutgieriger Tyrannen befreit und erlöst wurde und auf seinem Zuge in das verheißene Land die sich ihm entgegenstellenden Feinde, Sichon, König von Emori und Og, König von Bofchan, glänzend besiegte, geriet Balak, König von Moab, in Furcht. Angst, Bangen und Graneil hemächtigten sich seiner umso mehr, als die zwei vollstäudig niedergerungenen Könige, Sichon uud Og. seine Verbündeten waren und er sich nunmehr seiner Hauptstützen verlustig sah. In dieser verzweifelten Lage wandte er sich au seinen alten Feind, an Midjan — denn Midjan nnd Moab waren von jeher feindlich gegeneinander, wie es heißt (I. M. 36. 35) der König von Edom schlug Midjan im Gefilde Moabs; nur ans Furcht vor den Israeliten versöhnten sie sich und schlossen miteinander einen Bund des Friedens — und bat ihn um Rat. Moab sprach daher zu den Aeltesten des Volkes Midjan: „Dieses zahlreiche Volk wird jetzt die ganze Gegend abfressen, wie der Ochs das Kraut vom Felde abfrißt. Was ist also zu tun? — Was aber bewog den Moab, Midjan um Rat zu befragen? Als sie nämlich sahen, daß die Israeliten auf außergewöhnliche Weise Siege errangen, da dachten sie, der Anführer Israels (Moses) wurde in Midjan erzogen, wir fragen daher dort au, worin eigentlich seine unbezwingliche Macht bestehe; jene antworteten, daß seine große Kraft in der Macht des Wortes, des Gebotes ras rr*?rr ins p« bestehe. Nun sagten sie, auch wir wollen ihnen einen klllgen scharfsichtigen Mann entgegenstellen, dessen unbesiegbare Macht ebenfalls in der Kraft des Wortes bestehe (Raschi 4. M. 22. nnd Synhedr. 105). Nun wandte sich der moabitische König Balak an den damaligen heidnischen Propheten Bileam, der als der einflußreichste Diplomat seiner Zeit galt und ließ ihn bitten, er möge ihn besuchen, um Israel durch die Kraft seiner Beredsamkeit, durch den Zauber seines Wortes zu vernichten, es der allgemeinen Verachtung preis zu geben, mit einem Worte, er möge kommen, um den I u d e n h a ß zu wecken, den „A n t i h e b r ä i s m u s" zu verbreiten. „Es ist noch gar nicht so lange her", ließ Balak durch seine Abgeordneten dem Bileam sagen, „daß dieses Volk die Sklavenketten Egyptens gesprengt, nnd schon bedeckt es den Schein der Erde". Wohin man blickt, trifft man die Söhne Israels, alles okkupieren sie, auf alleu Gebieten des Lebens trachten sie uns zu überflügeln, zu verditukeln und in den Schatten zu setzen, komme daher nnd verwünsche mir dieses Volk, vielleicht gelingt es mir dann, es niederzuschmeltern, oder, was die Hauptsache ist, aus dem Lande zu vertreiben; denn ich weiß, daß du allein, vor dem Könige und Fürsten das Knie beugen, die Macht besitzest dieses Volk zu entwaffnen, unschädlich zu machen. Ich weiß, wen du segnest nnd verherrlichst, der ist gesegnet nnd wird allgemein geachtet, und wen bu verfluchst uud verwünschest, der ist verflucht und vernichtet. Und als Bileam nach langem Zögern sich endlich entschloß, der Einladung Balaks Folge zu leisten, war dieser unendlich bestrebt und bemüht, die Aufmerksamkeit des scharfsichtigen Sehers auf die Schwächen, Mängel und Gebrechen Israels zu lenken, um ihm durch diese Information Gelegenheit zu bieten, das israel. Volk moralisch vernichten, der allgemeinen Verachtung preisgeben zu können. Bileam aber, der kein Diplomat des 19. oder 20. Jahrhunderts, sondern der biblischen Zeit war, Bileam, der Manu mit scharfsichtigem Auge, der nicht käuflich war und sich durch nichts kaptivieren ließ, ja der sogar den Mut hatte, dem Balak, bevor er sich entschloß ihn zu besuchen, sagen zu lassen: „Wenn Balak mir auch sein ganzes Haus voll Silbers und Goldes gäbe, so könnte ich doch den Befehl des Ewigen meines Gottes nicht übertreten, etwas Geringes oder Wichtiges vorzunehmen", konnte nicht umhin alle von Balak den Israeliten angedichteteu Laster und Fehler als lächerliche Märchen, als törichte Erfiitdungeu, als lügenhafte Verleumdungen zu bezeichnen und die hohen Tugenden uud herrlichen Eigenschaften Israels zu glorifizieren nnd dabei anszurnsen: Meworachecho boruch weorarecho ornr: „Israel! wer dich segnet, sei gesegnet, wer dich verflucht, sei verflucht". Hierüber entrüstet, schlug Balak seine Hände zusammen und ries dem Bileam zu: „Meine Feinde zu verwünschen habe ich dich kommen lassen nnd du hast nun schon dreimal sie gesegnet! Nun eile zurück nach deinem Orte" usw. Solche und ähnliche Fälle haben sich im Laufe der Jahrtausende öfters ereignet, vermochten aber dennoch nicht das Judentum — gleichviel ob der jeweilige Bileam ein echter oder ein verkappter Judenfeind war — zu vernichten. Auch in j ü n g st e r Zeit kam eilt in vieler Beziehung ähnlicher Fall vor. Rußland und Rumänien waren seit vielen Jahren, wie einst Midjan und Moab, stark verfeindet. Rumänien hatte