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Die Wahrheit · 1914-07-03 · Heft 25 (3.7.1914) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 25 (3.7.1914)
Date
1914-07-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Die Wahrheit Nr. 25. untertänigste Bitte, Seine Majestät geruhen diese Aeußerung der innigsten, herzlichsten Anteilnahme allergnädigst entgegen zn nehmen. In treuer Ergebenheit zu Thron und Vaterland vereinigt sich die österreichische Jndenschaft zn dem tiefinnigen Gebete: Gott leihe Seiner Majestät die Kraft, auch diesen herben Schlag zn verwinden, Gott bewahre Seine Majestät vor jedem ferneren Leid, Gott erhalte und beschütze unseren geliebten Kaiser und unser geliebtes Vaterland. Der Unterzeichnete Vorstand bittet ergebenst diese Trauerknndgebung au die Stufen des Allerhöchsten Thrones gelangen zu lassen. Dr. Alfred Stern Präsident. Dr. Gustav Ko h n- Hofrat Dr. B. Rappaport Erster Vize-Präsident. Zweiter Vize-Präsident. Kaiserlicher Rat Dr. Theodor Lieben Erster Sekretär/ Zum Zeichen der Trauer schließe ich die Sitzung. Die für heute ausgeschriebenen Geschäftssitznngen entfallen. Judentum und Christentum. Bon Max Dienemann--Ratibor. Besprochen von A. Stößler, Olmütz. Dieser Tage wurde mir die von Dr. Ziegler, Karlsbad, heransgegebeue nnd von M. Dienemann ,Ratibor, verfaßte Monatsschrift „Judentum und Christentum" durch den Frankfurter Verlag übermittelt. Nach Durchsicht der in dieser Broschüre behandelten religions-philosophischen Themen war ich von der Ueberzeugung durchdrungen, eine Schrift von solch' gediegener, in Stil nnd Form volkstümlicher Eigenart nicht sobald gelesen zn haben. „Es ist kein leeres Wort für euch, sondern es ist euer Leben." Diesen Ausspruch des gotterleuchteteu Religionsstifters Moses möchte ich zn die s e r Broschüre, die mir im V. Hefte vorliegt, in Beziehung bringen. In dieser Arbeit sprudelt auch dem ernsten Forscher und tiefen Denker ein Quell der Belebung, Erquickung und Erkenntnis. Die mit Geist liub Gelehrsamkeit behandelten philosophischen Themen befriedigen jeden nach Neigung und Verlangen. Jedem Seelendrange erschließt diese epochale Schrift ihre Pforten. Das Gemüt des nach Wahrheit und Erkenntnis lechzenden Mannes wird durch sie erbaut, erhellt und beleuchtet, das Herz des in religiöser Beziehung Wankenden und Irrgläubigen wird gestählt nnd gestärkt. In unserem unseligen Zeitalter der herrschenden nationalen und konfessionellen Gegensätze, wo nationaler Chauvinismus, Klassen- und Rassenhaß ihr brutales Szepter schwingen, die Glieder der Gesellschaft zerfetzen, gewinnt diese Schrift an aktueller Bedeutung. Der Autor hat bei dieser verdienstvollen Arbeit viel Geist und Gelehrsamkeit aufgewendet und hat ebenso klar und entschieden gezeigt, wie durchgehends eine geschlossene jüdische einer ebenso geschlossenen christlichen Anschauung gegenübersteht. Es liegt jedoch dem geschätzten Autor gänzlich ferne, eine Kritik des Christentums zu geben. Glaubenssätzen nahe zu treten, in denen Millionen Menschen Beselignng nnd innere Ruhe stnden. Worauf es dem Autor ankommt, ist einzig nnd allein, zn zeigen, welche Lehren dem Judentum eigentümlich sind, was die Juden von altersher von dem Eintritte in das Christentum abhielt und auch in aller Zukunft abhalten muß. Es handelt sich, um es mit einem Worte zu sagen, darum, für das Judentum das Recht auf die eigene Anschauung erneut auszustellen nnd zu begründen. In ersten Kapitel dieser Schrift betreffend „das Wesen des Menschen", wird in wenigen Worten der zwischen der katholischen und jüdischen Religion obwaltende, grundlegende Unterschied dargestellt, indem darauf hingewiesen wird, daß nach der Lehre des Judentums die Seele des Menschen von Geburt rein und süudlos ist, daß der Mensch von Natur ans mit der Fähigkeit begabt ist, das Gute zu tun' und rechtschaffen, zn handeln a n s e i gen e r K r a f l. Nach der Lehre des Christentums ist der Mensch von Geburt an mit der Erbsünde behaftet und reicht seine eigene Kraft nicht ans, das Gute zn tun, sondern Sünde nnd Schuld ist die herrschende Macht im menschlichen Leben. Durch seine Sünde habe Adam Kräfte Und Gaben, mit denen Gott den Menschen ursprünglich ansgestatlet hatte> verloren. Diese Sünde des Adam aber mit allen ihren Folgen sei nicht bloß seine Sünde geblieben, sondern sie sei von ihm auf die ganze Menschheit übergegangen, sodaß fortan jeder Mensch in dem Zustande in die Welt eiutriu, in dem Adam nach'der Sünde war. Sie wird gedacht als eine innere, in der Seele haftende, allen Menschen eigene Ungerechtigkeit nnd Schuld. Diese Erbsünde bringe dem Menschen ewige Verdammnis; ihr fallen selbst die Kinder anheim, die noch nicht mit Willen sündigen konnten. Dem Reiche Gottes setze sich so auf Erden ein Reich des Zornes entgegen. Es ergibt sich sonach als die den Katholiken nnd Protestanten gemeinsame Vorstellung, daß die Sünde die Herrschaft über das menschlicheLeben gewonnen habe, daß die Kraft des Menschen in frommer und reiner Tat den Weg zn Gott zu finden, gebrochen sei, daß er in Sünde und Schuld verstrickt sei, die ihn gefangen nimmt und gefangen hält auch wieder seinen Willen. > Mit aller Schärfe ist diese ganze Lehre in den Briefen des Apostel Paulus ausgesprochen; so in dem Briefe an die Römer: „Denn ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleische, wohnt nichts Gutes. Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht. Denn das Gute, das ich will, tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich." Jetzt wird verständlich, wie aus der ' vorgetragenen Grnndanschauung vom Wesen des Menschen, seiner Geburt in Sünde, seine Unfähigkeit, aus eigener Kraft sittlich zn handeln, die Lehren über Gott und Christus entstehen mußten. Hat durch Adam die ganze Menschheit eine so schwere Schuld auf sich geladen, dann erfordert es die Gerechtigkeit, daß dafür Sühne geleistet werde. Durch wen soll aber diese Sühne geschehen? Durch deu Menschen selbst? Unmöglich, er hat doch eben keine eigene Kraft dazu. Da ist nur eine Hilfe möglich: wenn jemand, der rein und schuldlos ist, sich für die Menschen opferte und ihre Sünde auf sich nähme. Denn der Tod des Reinen, Unschuldigen, so war ein weitverbreiteter Glaube unter den Völkern des Altertums, kann eine Sühne werden für den Sünder. Aber wo ist dieser Sündlose? Ein Mensch kann es nicht sein, denn die Sünde hat doch über alle Menschen Macht. Da sagt nun das Christentum : Gott s e l b st gab die Sühne. Er nimmt in Jesus Menschengestalt au und so ist dann auf der Erde einer, der rein und fleckenlos ist. Jesus nimmt die Sünden der Menschen auf sich und stirbt znr Sühne für sie. Wer an ihn und seinen Opfertod glaubt, ist durch diesen Glauben befreit von der Macht der Sünde. Anders das Judentum. Seine Anschauung gipfelt in dem Bekenntnis: Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen besteht darin, daß er i n s i ch die Kraft zum sittli che u Handeln trägt; nicht Schwäche und Hilflosigkeit ist das unauslöschliche Me r k - mal seines G e i st e s -, sonder n Kraft und Reinheit. „Wir treten in das Leben ein . . ., a l s ob wir das erste M en s ch e n g e b i l d e w ä r e n, das ans Gottes S ch o.p f e r h a n d h e r v o r gegangen ist." Das Bewußtsein der seelischen Reinheit, mit der uns Gott begnadet hat, üer m i t t eit u n s i m mer anfs neue bö§ Kr af tgefü h l, aus dem die sittliche L ä u t e r u n g s i ch vollziehen kann. So Prägt es sich aus in dem Bekenntnis, mit dem das tägliche Morgeugebet anheben soll: „Mein Gott, die Seele, die Du mir gegeben hast, ist rein." Die Sünde ist nach der jüdischen Lehre also nichts Notwendiges, nichts dem Menschen Angeborues, von ihm Untrennbares. Und diese Anschauung zieht sich durch das

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