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Die Wahrheit · 1914-06-26 · Heft 24 (26.6.1914) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 24 (26.6.1914)
Date
1914-06-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Leite 6. Die Wahrheit .Nr. 24. ein ungeheures Auditorium. Sie verlassen die Schenke und gehen gewöhnlich zu den „Brüdern" oder zum Mönch Jnnofenti oder zu den Stundisteu. Zu dem Mönch Juuokenti sind ganze Dörfer bis an das andere Ende Rußlands gezogen; sie haben ihr Hab und Gut verkauft, ihr Geld Gott geopfert und alles weggebeu, nur damit „batuschka“ (Väterchen) ihnen vom Reiche Gottes erzähle. Die Schenke war vergessen und der Mönch zog das Volk zu sich. Das hat aber nicht die Kultur getan, sondern ein listiger Mönch, der die vertrauensseligen Bauern ausplünderte, indem er sie mit dem Untergang der Welt und dem jüngsten Gericht schreckte. Die Kultur, in der Person Petersburgs, beeille sich, dem ein Ende zu machen; man nahm den Mönch fest und schickte die Bauern in ihre Heimatsdörser zurück. In Petersburg wundert man sich darüber, daß diese Leute ihre Wirtschaft ausgaben, Hab und Gut für Nichts verkauften, um einem Reiche Gottes auf Erden uachzujagen. Man hielt diese Bauern einfach für verrückt. Aber die Bauern antworteten: das geschieht, weil wir die Seele höher schätzen, als Kühe, Hütte und Land. So lange wir lebten wie das Vieh, soffen und stahlen, nanntet ihr uns „Rechtgläubige", als wir aber durch unseren Batuschka das Leben in Gott kennen lernten, da wurden wir „Abtrünnige". Was waren wir. bevor wir ihn halten. Ungetanste Hunde. Wir nannten uns Christen und lebten dem Bauche!" Man hat ihnen den Mönch genommen, und was soll weiter geschehen? Wer wird seine Stelle einnehmen. Das Volk hat sich bereits in den Gedanken gesunden, daß sein einziger Trost Wodka heißt...." So weist alles darauf hin, daß parallel mit der furchtbaren Verwilderung der russischen Dorfjngend eine religiöse Bewegutrg durch das Land zieht, die von der offiziellen Klrche nicht befriedigt wird. In den höheren Kreisen der Gesellschaft mündet das religiöse Bedürfnis in einen Mystizismus aus. den sich Persönlichkeiten wie der vielgenannte Raspntin (der übrigens wieder in Petersburg ist) zunutze zu machen verstanden haben, und anderseits hat man gesucht rhu durch die ganz ungewöhnlich große Zahl der Heiligsprechungen, die in den letzten Jahren stallfanden, zu befriedigen. Aber Raspntin, Jnokenti und Jlidor waren Unternehmer und Ausbeuter und scheinen ausgefpielt zn haben. Jene, Bulotowitsch, Jeremias und Dementi und die zu ihnen stehenden Jmjaslawzen aber sind, wie Th. Schiemann meint, lautere, von der Wahrheit ihrer Lehre überzeugten Persönlichkeiten, und wenn die Regierung sie nicht mundtot zu machen vermag, wird ohne Zweifel die Zahl ihrer Anhänger stetig wachsen. ,F„rt,-tznnz Uor dem Kantoren-Kongreß. Von Joses Grob, Wien. In einer seiner letzten Sitzungen hat der Vorstand des Oesterr.-nng. Kantoren-Vereines beschlossen, im Herbst d. I. einen Kantoren-Kougreß in Wien abznhalten und ich möchte mir als Vorstandsmitglied dieses Vereines, der heute nicht zum ersten Male in dieser Zeitung für die Interessen unseres Standes die Feder ergreift, auch dieses Mal erlauben vor dem Kongreß einige Bemerkungen zn machen, welche mir zur Vorbereitung desselben notwendig erscheinen. Der Oesterr.-nng. Kontoren-Verein wird von sehr vielen Kollegen irrtümlich bloß als Unterstütznngsverein für unversorgte, nach Kantoren Hinterbliebene Witwen und Waisen betrachtet. Gewiß, in seinen Statuten ist auch darauf Bedacht genommen und ist der Verein zn jeder Zeit bestrebt, den diesbezüglichen Anforderungen Itach Möglichkeit gerecht zu werden. Viele bemängeln es sogar, daß unser Verein nicht auch wie andere Kraukenvereine seinen Mitgliedern Krankengeld und sonstige Benesizien eines Krankenvereines gewährt. Solche Tatsachen beweisen am besten, wie sehr so manche Kollegen die Bestrebungen unserer Organisation verkennen. Wir unterstützen die Witwen und Waisen unserer Mitglieder, wir helfen auch nach Möglichkeit armen kranken Kollegen aus, 'jedoch ist nicht das allein unser Zweck, der ja schließlich durch Eintritt in jeden beliebigen Krankenverein erreicht werden könnte. Wir Kantoren aber haben einen sehr schweren Kranken, zn dessen Genesung unzählige Krankenvereine mit ihren Krankengeldern nicht ausreichen. Unser ganzer Stand ist krank und diesem kann man weder mit Krankengeldern noch mit Arzeneien heilen. Zur Genesung und Kräftigung unseres Standes gehören ganz andere Mittel: Selbstbewnßtsein, feste Moral, Ethik, Standesstolz, soziale Reform, solche und ähnliche Mittel, die in den Apotheken nicht zu haben sind, hat der - Kantoren-Verxin zur Heilung unseres schweren Kranken zn fördern und anzuweuden gesucht. Wer von unseren Kollegen mit offenen und ehrlichen Angen die Leistungen des von dem gegenwärtigen Präsidenten gegründeten Vereines seit Dezennien verfolgt, der wird auch wahrgenommen haben, wie vieles nach dieser Richtung, zur Hebung unseres Standes nämlich, bereits erreicht wurde. Wir wollen aber nicht ans halbem Wege stehen bleiben. Immer vorwärts streben wollen wir, weiter kämpfen bis wir das erreicht haben, was unserem Stande gebührt: den Kantor moralisch, sozial und materiell sicher gestellt zn sehen. Wir haben in unserer Reihe Männer aufznweisen.. welche uns zur Zierde sind und der Scolz einer jeden Gemeinde wären, wenn wir auch nicht gleichzeitig in unserer Mitte auch solche hätten, die mit ihrem Tun und Lassen den Stand schädigen und herabwürdigen. Gibt es doch unter uns leider solche, die in ihrer, freien Zeit keinem besseren Sport huldigen, als auf ihre eigene Kollegen zn schimpfen und sie, soweit das Gesetz es erlaubt, zn besudeln, wodurch sie sich selbstverständlich allein erniedrigen. Kein größeres Hindernis gibt es auf dem Wege zur Hebung unseres Standes als diese Erscheinung, ans welche wir in unserem eigenen Lager so oft stoßen. Wird dieses Hindernis einmal behoben, dann ist der Weg zur Erreichung unserer Standesbestrebungen ein viel leichterer.: Und nun zum eigentlichen Thema, znm Kantoren-Kongreß. Nachdem ich bereits auf die Hauptbestrebnngen unserer Organisation und ans die Mängel in unserem eigenen Lager, die geeignet wären, die Kongreßstimmnug zn trüben, hingewiesen habe, möchte ich ans folgende Kongreßpnnkte aufmerksam machen und gleichzeitig klarlegen, was wir vom Kongreß erwarten. Beim Kantoren-Kongreß, der gewissermaßen ein Demonstratiouskongreß für die Ehre unseres Standes bilden wird, erwarten wir nicht nur unsere Kollegen ans den weitesten Kreisen unserer Bernfsgenossenschaft, sondern wir hoffen, daß auch die Knltnsgemeinden ans Einladung unseres Vereines es nicht unterlassen werden, ihre Delegierten zu entsenden. Wenn es auch als selbstverständlich gilt, daß einzelne Kongreßteilnehmer spezielle Fachreferate erstatten werden, so rechnen wir auch damit, daß jeder Delegierte in der Lage sein wird, die Lage unserer Kollegen in seinem Sprengel auf das genaueste zn schildern und gleichzeitig dem Vorstande des Vereines Winke zn geben, durch welche derselbe in der Lage wäre, dorr wo es notwendig erscheint, hilfreich einznschreiten. Auch von den Gemeindedelegierten erhoffen wir Jiueressantes über die Lage unserer Standesgenossen in ihren Gemeinden zn hören. Diese Referate, Schilderungen, Mitteilungen und überhaupt die Kongreßdisknssionen werden es dem Vorstande des Oesterr.-nng. Kantoren-Vereines ermöglichen, sich mit der Lage unseres Standes genauer bekannt zn machen, wodurch es thm auch leichter sein wird, in Zukunft für die Interessen des Standes zn arbeiten. Was wir aber bei diesem Kongreß unbedingt unterlassen müssen, ist das unnötige und unpraktische Kritisieren und Nörgeln. Kritik ist überall berechtigt, auch bei uns selbstverständlich, wenn nur nicht dieselbe leider, was schon so . oft der Fall war, gerade bei uns in persönliche Beleidigungen übergehen würde. Und schon ans diesem Grunde ist das Kritisieren am Kongreß zll unterlassen. Wir wollen unsere Lage schildern und Mittel und Wege suchen, um dieselbe zn verbessern.

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