Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 23 (19.6.1914)
- Date
- 1914-06-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Ar. 23. Die Wahrheit. Seite 9. Heu niedrigen, gemeinen, mit Sünden und Verbrechen schwer .belasteten Menschen? Mit Nichten! Wen denn? Den edlen, tugendhaften, wohltätig wirkenden, hochangesehenen Mann, .der sich seiner vielen Verdienste wegen, die er sich erworben, -der allgemeinen Achtung und Liebe ersrent. Böse, freche, verächtliche Gestalten werden beim Anblick hochverdienter Menschen vom Neide ergriffen und so beeilen sie sich dieselben sofort durch lügenhafte Verleumdungen zu verdächtigen und zu verunglimpfen. Möses, der seine ganze Zeit und .Kraft in edler, selbstloser Weise dem Heil und Wohl seines Volkes gewidmet, hatte gewiß keinen Menschen ohne Grund gekränkt und beleidigt, und dennoch hatte er erbitterte, nnwersöhnliche Feinde, die ihn ingrimmig haßten, weil sie ihm .die Führerschaft in Israel, wie die höchst günstigen Erfolge, .die er erzielte, nicht gönnten. Um ihm sein hohes Amt, das er so würdevoll bekleidete, verleiden zu können, haben sie ihn unausgesetzt verleumdet. In Bezug auf das Wort Wehibito achere Mosche, sie schauten dem Moses nach, heißt es im Jerusch Bikkurim schosekduhu beeseh.es isch, sie, die Entartete n. haben ihm, dem wahrhaft Heiligen, Verbrechen angedichtet, die zu begehen sie nur allein fähig waren. Bezüglich seiner Klage „Echo esso lewaddi torcha- -chem masachem werrwechem“ bemerkten die Weisen: Moses konnte den Leuten nie recht machen, immer verdächtigten sie ihn. Ging er früh ans, so stüsterte einer dem andern zu: „Weiß der Himmel, was in seinem Hause vorgeht, .gewiß herrschen dort sonderbare Zustände, ging er spät aus, da lispelten sie wieder: „Zweifellos schmiedet er jetzt böse Anschläge gegen uns, um uns wehe zu tun", daher hatte er in seinem Unmute ansgerufen: „Aber ach! Wie kann ich allein euere Mühe, Last und Streitigkeit ertragen." .(Sifre V. M.) Wenn also einem Moses*) von Neidern das Leben .verbittert und vergällt wurde, was Wunder daher, daß späterhin, nicht nur in der talmndischen und nachtalmndischen .Zeit, sondern überhaupt während der langen Jahrhunderte des finstern Druckes, die würdigen, verdienstvollen Gemeindevorsteher, Parnasim, Ursache hatten darüber zu klagen, daß ihre edlen Bestrebungen und Anstrengungen von Neidern verkannt und verdächtigt wurden, so daß ihnen die Amtsführung lästig und unerträglich wurde. Ja, nicht selten jam es in früheren Zeiten vor, daß die B e st e n in der Gemeinde, die allein wert und würdig, fähig und berufen gewesen wären die Gemeinde Gottes nach innen wie nach außen würdevoll zu repräsentieren, die Annahme des Vorfteheramtes entschieden verweigerten, um nicht von den Korachiden behelligt und belästigt zu werden. Die Folgen solcher Zustände waren traurigster Art. Die Verwaltung der Angelegenheiten der Gemeinde mußte zumeist Emporkömmlingen übertragen werden, unter denen es oft Leute gab, die sich nur deshalb um das Mandat eines Vorstehers bewarben, damit ihnen Gelegenheit geboten werde ihren E h rg e i z wie ihre Herrsch- und Habsucht befriedigen zu können. Die hervorragenden Rabbiner früherer Jahrhunderte, die das Recht und . die Pflicht hatten die Rechnuugsauslegnng und überhaupt die ganze Verwaltnngstätigkeit des Vorstandes zu kontrollieren, haben sich oft über die Mißwirtschaft gewisser Vorstände tadelnd geäußert. So z. B. schrieb R. Jakob Weil (einer der vorzüglichsten Schüler des berühmten R. Jakob Möln Halewi (Mahapil), der anfangs in Nürnberg, später in Erfurt das Rabbineramt bekleidete) an einen befreundeten Kollegen: Leider Gottes kommt es in den meisten Gemeinden vor, daß die Vorsteher das Volk bedrücken und belästigen, nicht etwa leschem schomajim, sondern zu ihrem eigenen Vorteil. Sich selber befreien sie von allen Lasten'und legen sie dem Nacken der Bedauernswerten auf. (I. Weil. Gutachten 173). Besonders grausam war die Wirtschaft der Vorsteher im 15. -Jahrhundert in der heiligen Stadt *) Im bearosim noflo schalhewes ma jaasu Esowe Hakir. Wenn selbst die Zedern von den Flammen ergriffen werden, was könnte dann den Manerysop schützen. Jerusalem. Der bekannte Verfasser des Mischna-Kommentars Obadia da Bertenoro verließ 1486 seinen Wohnort Citta di Castello in der Romagna, um nach dem heiligen Lande zu übersiedelu. Von dort alls sandte er zwei Briefe, in welchen er die dortigen Zustände schilderte, nach Hailse, den einen an seinen greisen Vater und den anderen an seinen Bruder. Die hebräischen Originale desselben waren im Besitze des Herrn Günzbnrg in Paris. Herr Neubauer halte sie in deutscher Uebersetznng veröffentlicht. Die wichtigsten Stellen derselben mögen hier, zur Begründung der oben ausgesprochenen Behanpcnng reproduziert werden. In dem Brief an den greisen Vater heißt es: Meine Trennung hat Dir Kummer und Leiden verursacht; ich bin untröstlich, daß ich Dich zu einer Zeit, wo Deine Kräfte schwinden, verließ. Wenn ich daran denke, teurer Vater, daß ich Dein graues Haupt znrückgelassen habe, so kann mein Auge sich der Tränen nicht erwehren. Ist mir nun das Glück, Dich bedienen zu können, w i e e s sich gebühr t, versagt, so will ich Dir wenigstens meine Reiseersahrungen mitteilen und die Sitten und Gebräuche der Inden in allen Orlen, wo ich hingekommen, schildern. Im vierten Monate, am Fasttage 10. Tebet 5247, reiste ich von Neapel nach Palermo, der Hauptstadt von Sizilien. Ich blieb in Palermo vom 22. Tamns 5247 bis Sabbat Bereschit 5248. Als ich dahin kam, forderten mich die Vorgesetzten auf, am Sabbath vor dem Mincha-Gebet Vorlesung zu halten; ich habe es getan. Aber soll ich denn meine Zeit unter einem Volke zubriugen, daß mich verehrt und leider sogar vergöttert! Ja sie machten es mit mir, wie die Andersgläubigen mit ihren Heiligen. — Die Niederen des Volkes sagten, daß Gott mich zn ihnen geschickt hätte; viele verlangten ein Stück von meinen Kleidern zum Andenken. Dem Vorabend von Snkkot 5248 fuhr ich mit einem französischen Schiff von Palermo nach Alexandrien. Hier befinden sich ungefähr 25 Familien und zwei alte Synagogen. Die eine ist sehr groß, die andere kleiner. Die meisten bereu in der kleineren, da sie dem Propheten „Elijahn" zugeschrieben wird; es heißt nämlich, er soll hier jemandem in der süd-östlichen Ecke, wo nun immer ein Licht unterhalten wird, erschienen sein. Man sagte mir, er soll erst vor zwanzig Jahren einem alten Manne wieder hier erschienen sein. — Nur Gott weiß die Wahrheit! Alle sitzen auf dem Boden auf Matten oder auf Teppichen." „Der jüdische Fürst (Nagid) und Rabbiner, der in Kairo seinen Sitz hat, wohnte früher in Jerusalem und mußte sich von dort wegen der „Alten" das heißt, der V o r st e h e r, der Vertäu m der und Angeber, flüchten. Er heißt R. Natan Makohen. Er ist reich, weise, fromm und alt und aus der Berberei gebürtig. _(Fortsetzung folgt.)_ Verschiedene Unchrichte». Wir». (Verein zur Schaffung von K n r se n für religiöse Fortbildung von i s r a e l l r i s ch e n F r a u e n und Mädchen in Wien.) Dieser Verein konstituierte sich am 4. d. M. unter stattlicher Beteiligung von Frauen und Herren unserer Kreise im Sitzungssaal« der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. Die hierbei von berufener Seite gehaltenen Reden zeigten, daß solche Kurse, die im kommeuden Herbste nach den Feiertagen ihren Anfang nehmen sollen, für besonders wichtig, ja für dringend angesehen werden. Znm Präses des neuen Vereines wurde Herr Landesschulrat Dr. Gustav K o h n. erster Vizepräses der Wiener israelitischen Kultusaemeinde und Herr Rabbiner Dr. M. G r u n w a l d und Herr Hofrat Dr. Schlag wurden zu Vizeprästdeulen und 11 Vorstandsmitglieder, darunter 2 Damen einstimmig gewählt. Sv möge das löbliche Unternehmen dieses neuen Vereines, der neues religiöses Leben in unsere Familien und unsere erwachsene weibliche Jugend bringen und erhalten will, seine erhabenen Ziele auch erreichen! Wien. (Verein zur Unterstützung armer kranker Israeliten in Wien.) Der Verein zur Unterstützung armer kranker Israeliten in Wien, der die statutenmäßige Aufgabe hat, armen Inden, bre in den Wiener Krankenhäusern sich in Pflege befinden, mit Koscherkost zu versehen, har nun einen großen Erfolg zu verzeichnen. Nach jahrelangen Bemühungen gelang es endlich der Vereinsleitung von der Krankeuhausverwaltung im allgemeinen Krankenhause eine Räum-