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Die Wahrheit · 1914-06-19 · Heft 23 (19.6.1914) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 23 (19.6.1914)
Date
1914-06-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 23. Die Wahrheit' solche gesetzliche Festlegung abzuwehreu. Herr Tomola machte bei dieser Gelegenheit auch die u n w a h r e Behauptung, niemals habe noch eine junge Lehrperson beabsichtigt, in den Status' der städlischen Beamten einzutreten, weil di» Slellnng des Lehrers lockender sei als die des Beamten. (?) Er mache doch einen Versuch in dieser Richtung! Herr Sebastian Grünbeck verleumdet die verheirateten Lehrerinnen als gewissenlose Erzieherinnen ihrer Kinder (!) und um auch den männlichen Lehrpersonen eins anzuhängen, behauptet dieser Herr, die Matura der Lehrer (die Reiseprüfnng) „lasse sich ja doch mit der Matura eines Mittelschülers nicht vergleichen". (?!) Landlagsabgeordneter Pfarrer Banchinger glaubte die Fordernngsberechtigung der meist mit Familiensegen bedachten Lehrpersonen um Gleichstellung in den Bezügen mit den Landesbeamten dadurch abschwächen zu können, daß er ihnen schlecht entlohnte Geistliche am stachen Lande entgegenhielt. Er provozierte dadurch aber nur den Sozialdemokraten Seitz zu einer Rede gegen die Bischöfe als eigennützige Festhalter ihrer übergroßen Einkünfte. Der Großgrundbesitzer Baron Ehrenfels kanzelte den n.-ö. Landeslehrervereiu wegen seiner energisch abgefaßten Petition an den Landtag ab und wünscht, der Landesausschnß möge „anders Vorgehen" gegen Volkserzieher, „die sich eines solchen Tones in den Versammlungen befleißigen." (Disziplinierung gefällig, Herr Baron?) Bei dieser Gelegenheit passiert Herrn Baron auch der unangenehme Lapsus, einen historischen Ausspruch der großen Kaiserin Maria Theresia unrichtig zu zitieren. Diese große Schulgrüuderin sagte nämlich: „Die Schule ist ein Politikum" und nicht: „Die Schule soll kein Politikum sein." Schließlich behauptet der Lehrerfreund Herr Knnschak noch, im Arbeiterstaud bleibt gewöhnlich (?) die Frau aus der Arbeit zu Hause sobald sie heiratet." (!) Ist das auch wahr? Muß die Arbeitersfrau nicht gewöhnlich waschen, reiben, bedienen gehen, um ihre Kinder vor Not zu bewahren? Die freisinnige Lehrerschaft glaubt an diese Lehrerfreundlichkeit der Christlichsozialen nicht und hält sie vielmehr für eingesteischte Schul- und Lehrerseinde R. L. Das religiöse Kied als Mittel;nr Förderung der religiösen Erziehung der Jugend. Ein Vorschlag von Dr. B. „Gesänge sind Deine^Satzungen mir" (Psalm 119, 54). (Schluß.) Ich denke mir die Sache ungefähr folgendermaßen: Dem Pensum des Religionsunterrichtes an Volks- und Bürgerschulen werden 48 Lieder — je sechs für jedes Schuljahr — eingefügt. Ob nun diese Lieder dem Lobe Gottes oder dem Preise der Thora gelten, ob sie hervorragende Personen unserer Vergangenheit oder bedeutende Momente unserer Geschichte zum Gegenstände haben — in ihrer Gesamtheit müßten für jeden Fall die wesentlichen religiösen und ethischen Ideen des Judentums geschickt verarbeitet und verwoben sein. So mancher dieser Ideen, wie z. B. der der Gotteseinheir, Heiligkeit und Selbstheiligung, Messiasidee, Malchuth Schomajim (Gottesreich) und dgl., könnten wohl auch selbständige Lieder gewidmet werden. Daß die Liedertexte dem Fassungsvermögen des hier in Betracht kommenden kindlichen Alters angepaßt sein müßten, ist selbstverständlich. Als unabweisliche an diese Texte zu stellende Anforderung wäre ferner, daß sie echte, wahre und edle Lyrik darstellen sollen, v o l l W ä r m e und Innigkeit und Schwung und Schönheit. Und was die Vertonung derselben betrifft, so müßte sie sich innerhalb des Stimmumfanges der Kinder halten, dem Inhalte und Cüärakter der Texte entsprechen und echte> edle Musik darbieten. Bezüglich des Unterrichtes sei bemerkt,, daß in jedem neuen Schuljahre neben den dnrchznnehmenden neuen Liedern auch die bereits in den vorhergehenden Klassen dnrchgenommenen fleißig wiederholt werden müßten, damit Texte und Melodien sich dem Gedächtnisse der Kinder fest eurprägen. .Da jährlich bloß sechs neue Lieder zu lernen wären, so würde dieses bescheidene Pensum von der dem Religionsunterrichte zugemesseuen Zeit sehr wenig für sich in Anspruch nehmen und den anderen Gegenständen des Religionsunterrichtes keineswegs irgend welchen Abbruch tun. Hingegen würde der Erfolg, den man von diesem neneinzuführenden Lehrgegenstande erwarten darf, ein sehr beträchtlicher sein. Diese Lieder würden nämlich wenn sie den Anforderungen, die an sie zu stellen sind, genügen werden — bei n n sere n Kindern w a r m e s religiöses E m p f i n d e n und Liebe zu m a u - g est a m mten Volke wecken, zur Veredlung u u d H e b u n g ihres G e m ü t s l e b e n s v i e l b e itragen u n d — was am schwersten in die Wagschale fällt — ihnen d i e w i ch t i g st e u Gedanken n u b Lehren des Judentums so beibringe n, daß sie ihnen in Fleisch und Blut übergehen und von n a ch h a l t i g st e r Wirkung ans ihre Gesinnung bleiben. Es bedarf nicht vieler Worte, um Gesagtes zu begründen; es sei nur daran erinnert, daß hier zwei Faktoren in den Dienst der religiösen Jugenderziehung gestellt würden, nämlich Poesie im Vereine mit Musik, die, so sie nur echt sind, ihre Wirkung auf das Gemüt nie verfehlt haben und auch in aller Zukunft nicht verfehlen werden. Welche Wunder hat z. B. schon das patriotische Lied gewirkt und wie hat es zu allen Zeiten die Herzen zu entflammen vermocht! Man denke bloß an die Wirkung der Arndtsichen Vaterlandslieder im Jahre 1813! Und wo immer heute die Herzell der reifen Jugend in Liebe zu ihrem Vaterland erglühen, da hat das in der Schule öder im Vereine erlernte und oftgesungene patriotische Lied sicher einen großen Anteil daran. „Was man oft und mit Lust singt, das dringt tief hinein in Herz und Gemüt, daß es schwerlich so bald wieder herauszubringen ist." Daß die Schulkinder mit Lust und Freude die hier in Vorschlag gebrachten Lieder lernen würden, unterliegt keinem Zweifel. Jeder Schullehrer wird es bestätigen, welch mächtige Anziehungskraft Poesie und Gesang auf das kindliche Gemüt ausüben und wie die meisten Kinder darum so gerne am Gesangunterrichte in der Schule teilnehmen. Auch den Eltern wird es nicht entgangen sein, daß ihre Kinder die in der Schule gelernten Lieder auch zu Hanse gerne und oft singen, ohne ihrer überdrüßig zu werden. Die Kinder würden also die Erlernung von sechs Liedern während eines Schuljahres durchaus nicht als eine Last empfinden; dies winzige Pensum kann ja ihnen auch tatsächlich keine Mühe und Anstrengung verursachen und selbst überängstliche Eltern würden hierin keine Ueberbürdnng erblicken. Auch sonst wüßte i ch gar kein Bedenken gegen die Aufnahme des religiösen Liedes in den Religionsunterricht. Wurde es doch schon früh in unseren öffentlichen Gottesdienst anfgenommeu und fand in der ganzen jüdischen Gemeinschaft so großen Anklang, daß der Schatz der synagogalen Poesien, unserer Piutim uämlich, im Laufe der Jahrhunderte so mächtig anwachsen konnte. Was aber für den Gottesdienst in der Synagoge gut ist, das kann auch für die Schule nicht schlecht sein. * * * Die Beschaffung der hier in Betracht kommenden Liedertexte anbelaugend, so wäre es zunächst die Aufgabe einer für diesen Zweck einzusetzenden Kommission, die von Michael Sachs, Heller und anderen vortrefflichen Uebersetzern geschaffenen meisterhaften Uebertragungen unserer

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