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Die Wahrheit · 1914-06-12 · Heft 22 (12.6.1914) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 22 (12.6.1914)
Date
1914-06-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 22. Die Wahrheit Seite f französischenArmee, avancieren jüdische Offiziere , bis ln die höchsten Stellendes gab bis znm vorigen Jahre sogar drei jüdische Generäle. Man hat nicht gehört, daß sich die französischen Truppen in den letzten Kolonialkriegen schlechter geschlagen Haben, -weil, etwa der jüdische Geist die Manneszucht gelockert oder die kriegerische Begeisterung gedämpft habe. Den 5000 Juden, die in den letzten Balkankriegen in Her bulgarischen und den 1200 Inden, die in der griechischen Armee gesochten haben, ist von den maßgebenden Stellen und sonstigen kompetenten Beurteilern das Zeugnis ausgestellt" worden, daß sie sich nicht minder tapfer geschlagen haben wie ihre christlichen Kameraden. Es bleibt eben dabei: Die bisherige Praxis der Ablehnung jüdischer Offiziersaspiranten und ihre ständige Verteidigung durch die höchste Instanz in der Heeresverwaltung stellt eine Verschleiernngsmethode dar, mit der man „in fraudem legis" — wie der Jurist sagt — „unter Anwendung von Rechtskniffen" —- möchte man mit der „Köln. Zeitung" übersetzen — jegliches Recht verweigern kann, ohne einer Nachprüsnng seiner Entschließung zu unterliegen. Kttltnrvilder ans dem Dorado des Anlisemilisnms. (Fortsetzung.) Nur in einem total versumpften Staate, in dem der ^Patriotismus" znm schnndigen Gelderwerb geworden ist, lann, wie der Korrespondent der „Tügl. Rnndsch." seine neueste Anklageepistel gegen die Reaktionären Gewalthaber im heutigen Rußland schließt, „ein verbummelter Student von Rechts wegen zum amtlichen Denunzianten seiner Komilitionen bestellt werden, ein zweiter sich zum eigentlichen Diktator einer ganzen Provinz aufschwingen, ein Züchthäusler zum Statthalter des Zaren ernannt werden. Auch Herr Pnrischkewitsch, der Chef des Verbandes der „echt russischen Leute", der bei seiner letzten Anwesenheit in Deutschland einen Frenndschaslsbund mit Herrn von Oldenburg-Jannschan schloß, macht wieder von sich reden. Dieser Mann, den der Petersburger Korrespondent der „Tägl. Rnndsch." (25. 5. 14) also charakterisiert: „Ein wenig angenehm duftendes Gemisch von politischem Hanswurst. Spitzel aus Liebhaberei und skrupellosem Geschäftsmann, dem diese dreifache Beschäftigung nicht nur einen Sitz in der Reichsdnma. sondern auch noch den Exzellenztitel und ein sehr hübsches Bankkonto eingebracht", hat von der Regierung das Recht erhalten, eine Art privates Unterrichtsministerium zu errichten: den „Philaretes-Verein", der ansgesprochenermaßeil das amtliche .Unterrichtsministerium überwachen '.solli, Freilich bedarf auch der Herr Unterrichtsminister für seine Person dringend einer Ueberwachnng. Er stand im Mittelpunkt des traurigen Skandals in der Familie des in Petersburg wohlbekannten Reichsratsmitgliedes und Präsidenten der Exportkammer Denissow. Der Unterrichtsminister Casio, der von den Söhnen des Herrn Denissow mit Frau Denissow in einem Chambre separee des vornehmen Restaurants „Zum Bären" überrascht wurde, bleibt gegen alle Erwartung ans dem Posten, einer der jungen Rächer für die verletzte Familienehre des Vaters ist aber bereits tot. Er hat sich eine Kugel ins Herz-gejagt, weil er nicht Zeuge der Schande seines Vaters sein wollte. Kein Wunder, wenn selbst ein so milder Beurteiler russisch er Zustände wie Pro f. Otto! Hoetzsch, der frühere langjährige Herausgeber des Vereinsorgans des antisemitischen „Vereines deutscher Studenten", in feinem jüngst erschienenen Buche „Rußland" ganz allgemein .zu dem Schluffe gelängt, daß die „Laxheit in der Auffassung des Berufes und die moralische Defektheit" im russischen Beamtenkörper jedenfalls größer sind, „nls sich mit dem Begriffe -des Rechtsstaates und den moralischen Anforderungen I der Gegenwart verträgt". I Im Heere Geht es freilich noch viel schlimmer aus, so! daß Menschikow in der „Vöwoje Wremja", nlso dem.Hauptantisemitenblatt Rußlands, ganz melancholische Betrachtungen anstellte („Kreuz-Ztg." 28. 1. 14): „Nach den Niederlagen des mandschurischen Krieges hätten Armee, Flotte und Nation trällern müssen, uiiö auch die traurige Gegenwart sollte nicht znm Schmausen und Zechen auffordern, aber es scheint, daß die Unbändigkeit immer mehr im Zuuehmen sei. Wie viele unerhörte Szenen seien allein in Petersburger Restaurants von betrunkenen Offizieren ansgegangeu. Es sei doch nicht normal, wenn ein Stabsoffizier der Marine mit blankem Hirschfänger durch den ungeheuren Saal eines Restaurants mit dem Ruf läuft, er müsse heute einen Menschen abschlachten. Normal sei es doch nicht, wenn ein junger Offizier in der Droschke einer jungen Dame, wie sich erwies, der Tochter eines Generals, nachjagt, um mit dem Säbel auf ihren Hut zlt schlagen, oder wenn ein junger Offizier aus guter Familie plötzlich seinen Revolver aus einen Hansen Zigeuner abfeuert? usw. uslv. Hinter diesen Tatsachen, die in das Gebiet des Verbrechens fallen, verstecke sich eine unbestimmbare Zahl anderer, die als weniger flagrant der Oeffentlichkeit verborgen bleiben. So sehe es in den kultivierten Spitzen der Nation aus, was aber solle mau von den Schichten der Gesellschaft sagen, die in ihrer Bildung der Barbarei nahestehen?" Man sieht, das russische Offizierskorps scheint aus dem moralischen Znsammenbrnch im russisch-japanischen Kriege sehr wenig gelernt zu haben. Damals machte der bekannte russische Arzt Weressajew, der in Ostasien als Lazareltarzt mit in der Front stand, seine Beobachtungen, die er einige Jahre darauf in seiueu „Erlebuissen im russisch-japauischen Kriege"' znm Staunen und Entsetzen der ganzen gebildeten Welt veröffentlichte. Obwohl das Buch die vollzähligste Sammlung von Beispielen ausgesuchtester Uuterschleife durch die russischen Offiziere und Militärbeamten enthält und es in schonungslosester Weise die empörende Unfähigkeit und Gewissenlosigkeit aller militärischen Obrigkeiten aufdeckt, ist es mit Genehmigung der russischen Zensur erschienen. Einen gültigeren Beweis für die Wichtigkeit und Wahrhaftigkeit der Enthüllungen kann es nicht geben. Und so haben wir denn in diesem Anklagebuche eine wahrheitsgetreue Schildernng der russischen Armee, die uns Zustände schauen läßt, die heute noch ähnlich liegen müssen. Die nachstehenden Einzelheiten sind einer Besprechung des bei Robert Lutz-Stuttgart erschienenen Werkes von Leopold Froben im deutschnatioualen „Grazer Wochenblatt" entnommen: „Charakterlosigkeit, Unfähigkeit, Mangel an allem soldatischen Ehrgefühle bei den Offizieren, dazu noch insbesondere bei der Verwaltung eine geradezu chinesische Bnreankratie und die allgemeine Bereicherungssucht, das finb die Hauptmotive, um die sich Weressajew» Erlebnisse gruppieren. Die Truppen leiden Hunger und revoltieren, aber ein Dutzend Jntendantnrbeamte hat ein gutes Geschäft gemacht. Fast allen ist der Krieg nichts weiter als eine Gelegenheit, nun einmal anders als in Friedeuszeiteu, diesmal ans dem Bollen zu stehlen. Die Krankenschwestern sind häufig nur die verkappten Maitressen höchster Offiziere und Beamten — die Verwundeten gehen dabei zugrunde. Besonders empörend ist das Benehmen des Barons Stakelberg. Weressajew erzählt von seiner berühmten Kuh, von seinen Spargeln und davon, wie in der Schlacht bei Wafango eine große Menge Verwundeter auf dem Schlachtfelde znrnckgelassen werden mußte, weil Stakelberg mit seinem Luxuszuge den Sanitätszügen den Weg versperrte : während der Schlacht waren zwei Kompagnien damit beschäftigt, unaufhörlich Wasser auf die Leinwand zu gießen, die über dem Zuge des Generals altsgespannt lvar: denn im Zuge befand sich die Gemahlin des Barons Stakelberg, und sie fühlte sich von der Hitze belästigt." Aber — wird man vielleicht einwenden — im Kriege stand dieses vielleicht nur moralisch etwas verlotterte Offizierkorps, das sich bekanntlich einer völligen „Hudenr.einhest" erfreut, gewiß seinen Mann. Ach nein : Weressajew berichtet von zahlreichen Fällen, wo die Offiziere sich wegen Erkältung, Rhenma und dergleichen ans der Feuerfront drückten mä

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