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Die Wahrheit · 1914-06-12 · Heft 22 (12.6.1914) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 22 (12.6.1914)
Date
1914-06-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 22. Hierauf hielt Professor Arthur Ghez iu Triest, eiuer der schueidigsteu Vorkämpfer der Esperanto-Bewegung in Oesterreich, iu echt südländisch-temperamentvoller Weise die Festrede, die wiederholt durch stürmischen Beifall der im Saale anwesenden Esperantisten (gegen 300 an der Zahl) unterbrochen, wurde. Sodann trat Präsident Hechtl aus ihn zu und überreichte ihm mit einer entsprechenden Ansprache ein Ehrendiplom über seine Ernennung zum Ehrenmitgliede des Esperanto-Vereines in Franzensbad, sowie ein Ehrenabzeichen in Emi. Tiefbewegt dankte Professor Ghez für diese Auszeichnung und umarmte und küßte den Präsidertten des Kongreßkomitees auf der Tribüne, was mit stürmischem Beifall und donnernden Vton-Rnseit ausgenommen wurde. Sodann schloß Hosral Jnngwirt die Versammlung und forderte die Anwesenden ans, sich znm Esperanto-Monument im Kurparke zu begeben. Um 11 Uhr fand der Akt der feierlichen Enthüllung des Esperanto-Monumentes statt. Aus dem Festplatze im oberen Kurpark neben der idyllischen Teichanlage, hatten sich mittlerweile Deputationen des priv. bürgerl. Schützenkorps, des Franzensbader Milltär-Beteranenvereines, der Franzensbader Freiwilligen Feuerwehr, sowie eine nach Tausenden zählende Znschanermenge eingesnuden. Eröffnet wurde die Feier durch einen Choral der Kurkapelle, dem die groß angelegte Enthüllungsrede des eigentlichen Initiators des ersten Esperantomoilnmenles, Jakob Hechtl, folgte. Der Kongreß ist, vom schönsten Wetter begünstigt, iu durchaus harmonischer Weise verlaufen. Wohl rüsteten sich die Schönerianer, deren wichtigster Programmpnnkt in der Politik Stänkerei und Radanmachen sind, zu einer Anti- Esperantischen Demonstration, allein sie dürften rechtzeitig gesehen haben, daß sie bei dieser großzügigen Kundgebung nur ein schmähliches Fiasko erleben würden. Franzensbad ist eben ein internationaler Wettkurort und sein einsichtsvoller Bürgermeister Herr Loünann, dessen Dentschtnm unanfechtbar ist, verwirft jede Kräbwinkelpolitik und respektiert, schon' im Interesse der Entwicklung Franzensbads jede Nationalität und jede Konfession, begegnet mit gleichen liebenswürdigen Wesen dem Franzosen, Engländer, wie dem östlichen Juden im Kaftan und Paies. Aachklänge;n der Reichstagsdekatte über die Inden im Heere. Genau so wie die antisemitische Presse seinerzeit es mit „großem Befremden" ausgenommen hat, daß Herr v. Einem fein Bedauern über die tatsächlich vorhandenen antisemitischen Strömungen im Offizierkorps noch besonders „dick'unterstrich", wird Herrn v. Falkenhayn jetzt sehr deutlich zu verstehen gegeben, daß er mit seiner Erklärung über die Verfaffnngswidrigkeit einer grundsätzlichen Nichtbeförderung jüdischer Offiziersaspiranten dem deutschen Volke einen sehr „schlechten Dienst erwiesen" habe. Das sächsische Organ der deutschvölkischen Antisemiten, die „Deutsche Wacht" (24. 5.) kreidet dies Herrn v. Falkenhayn geradezu als ein Staatsverbrechen an: „Und es liegt ein Vergehen gegen die Sicherheit des Reiches darin, wenn Behörden in solchem Falle einen tatsächlich nicht zutreffenden Grund der Abweisung vorschützen, oder wenn sie die Meinung laut werden lassen, daß sie eigentlich sündigten gegen die Verfassung des Reiches und so dem Judentum Waffen gegen die offizielle Wallung in die Hände geben." In der agrarisch-antisemitischen Presse ist man insofern etwas milder geworden, als man Herrn v. Falkenhayn nach feiner den Wünschen des Bundes der Landwirte entsprechenden Aenderung des Stenogramms ans der Schußlinie zu stellen sucht und — wie der Abgeordnete v. Bonin-Bahrenbusch es in einem Artikel der „Deutschen Tageszeitung" vom 23. 5. es tut — die Wünsche des Offizierkorpsals ausschlaggebend und allein maßgebend hinstellt: „Mit Rücksicht auf die doch tatsächlich einmal bestehende Beurteilung der Inden bei den Offizieren sowohl wie bei den Mannschaften" empfehle es sich nicht — selbst in. den seltenen Fällen, wo bei jüdischen Bewerbern das Vorhandensein der für den Offiziersbernf unbedingt' erforderlichen Eigenschaften angenommen werden könnte —, Juden zu Offizieren zu ernennen. „Abgesehen von manchen anderen müßte die Kameradschaftlichkeit und die Disziplin darunter leiden." Also die alten. Ladenhüter, die immer wieder vorgebracht werden, um das Fehlen von stichhaltigen Gründen zu verdecken. Originell ist nur, wie Herr von Bonin-Bahrenbusch den unbequemen Einwand, daß „getaufte Inden" anstandslos, zu Offizieren befördert werden, spielend „wiederlegt": „Mit dem Hebertritte znm Christentum,: bekundet der Jude, daß er gleichzeitig auch ans der jüdischen Nationalität ansscheideu will. Die Wirkung der im Glauben begehrten und empfangenen Taufe erschöpft sich nicht ans dem religiösen Gebiete, sondern reiht den Getauften nach seinem Willen in unser christlich-deutsches Volkstum ein." Wer das glaubt, muß allerdings sehr stark im Glauben sein! Uebrigens wird gerade von den völktschen Antisemiten dieser „Irrlehre" sehr energisch entgegengetreten. In der letzten Nummer der „deutsch-völkischen Hochschnlblätter" (April/Maiheft) wird hervorgehoben, „daß man früher unter Stöckers Führung znm Teil der Ansicht war, daß der Jude nach dem Hebertritt zum Christentum als Deutscher zn betrachten fei, eine Ansicht, die jetzt niemand mehr vertreten wird. Man weiß jetzt, daß Blut dicker ist als Wasser, auch als Taufwasser". Nun hat selbst ein völkisch so unverdächtiger Politiker wie der frühere antisemitische Reichstagsabgeordnete Professor Dr. Paul Förster im vorigen Jahre in einem Artikel des „Tag" (3. 4.) den bisherigen Modus der Offizierswahl, den „Kastengeist, den wir nun einmal im Lande der Mitte und der Mandgrine nicht los werden", bitter beklagt und die „Auswahl der Besten" verlangt. Vielleicht scheut man aber gerade ans diesem Grunde auch die Konkurrenz der „Fremdstämmigen". Einer der Führer der Konservativen im Kreise Preußisch-Cylau, Herr Gauda-Borken, hat ^ui einer Versammlung im März d. I., wenn das Hamburger „Israelitische Familienblatt" recht berichtet ist, in einer Polemik gegen den liberalen Diskussionsredner eine in dieser Beziehung höchst charakteristische Bemerkung ' gemacht: er sagte nämlich: „Die höheren Stellen in Verwaltung und Heer können nicht durch die Tüchtigsten besetzt werden, weil daun nur Juden an diese Stellen kommen würden". Dieses Motiv entbehrt znm mindesten nicht des Reizes der Neuheit. Bisher war man in der agrarisch-antisemitischen Presse immer gewöhnt, das Judentum als die Verkörperung aller schlechten Eigenschaften charakterisiert zn sehen. Man ist sogar nicht davor zurückgeschreckt, den jüdischen Offizier als einen Verbreiter revolutionärer Anschauungen im voraus zn brandmarken. Die „Sächsische Landeszeitnng" (26. 4.) hat sogar die Entdeckung gemacht: „Die Monarchie Portugal ist dadurch zugrunde gegangen, weil jüdische Offiziere die Mannschaften znm Treubrnch gegen das gesamte Königshaus verleitet halten." Graf Reveutlow, der Redakteur der militärischen Beilage der „Deutschen Tageszeitung" hat im vorigen Jahre (25. 8.) ebenfalls ausländische Verhältnisse znm Vergleich herangezogen. Dem Verfasier eines Artikels der „National- Zeitung". der das unwürdige Versteckeuspielen in der Frage der Zulassung jüdischer Offiziere gegeißelt hatte, gab der Graf Reveutlow den Rat, einmal nachzuforschen, „wodurch in einigen fremdländischen Offizierskorps verderbliche Spaltungen eingetreten sind". Er habe versäumt, „sich einmal von den Franzosen ins Ohr flüstern zn lassen, daß sie nur. auf den Moment warten, wo das Judentum in das deutsche Offizierskorps eindringt, um gewiß zn sein, daß es den Weg von seiner Höhe herunter angetreten hat!" Wer mag wohl dem Herrn Grafen Reventlow diese faustdicke Unwahrheit „ins Ohr geflüstert haben"? In der

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