Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 22 (12.6.1914)
- Date
- 1914-06-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DieLWahrheit Nr. 22 achtet werden, zu dezimieren und sie mit der Zeit zu Volljuden umzugestalten. Der „jüdische Antisemitismus", der von den Volljuden am schmerzlichsten verspürt wird, weil er ihnen im wirtschaftlichen und Politischen Leben verräterisch in den Rucken fällt, tonn glücklicherweise auf keine lange Lebensdauer mehr rechnen. Der Judenhaß macht eben auch vor dem gleißuerischen Halbjudeu uicht Halt und wirkt unfehlbar zur Wiederentfachung des jüdischen Solidaritätsgefühles. So ist es auch nicht mehr aussichtslos, daß es bei künftigen Wahlen die Mehrzahl der jüdischen Wähler anfgeben werde, notorische Judenhasser wegen einiger freundlichen Worte in Wählerversammlungen zu wählen. Für Volljnden muß es maßgebend sein, wie sich der Wahlwerber den Juden gegenüber gestellt hat und nicht wie er sich in Zukunft zu stellen verspricht. Mit .Versprechungen vor der Wahl sparen bekanntlich sogar die Christlichsozialen und Deutschradikalen nicht. . R. L. Das religiöse Kied als Mittel zur Förderung derreligiösen Gepehang der Iugeud. Ein Vorschlag von Dr. B. „Gesänge sind Deine Satzungen mir" (Psalm 119, 54). Es wird in unseren Tagen mit Recht darüber geklagt, daß die treue und begeisterte Anhänglichkeit an die Religion unserer Väter sehr viel von ihrer alten Kraft verloren hat und bei so manchen unter uns total fehlt, daß überhaupt inniges religiöses Empfinden, wie es einst unsere Vorfahren beseelt und beherrscht hatte, einem großen Teile unseres Geschlechtes nahezu fremd geworden ist. Die Gründe dieser betrübenden Erscheinungen, die Verhältnisse, die sie herbeigeführt haben, sind nur zu gut bekannt. Ehedem wuchs die jüdische Jugend in einer religiösen Atmosphäre auf. Die Religion war vormals die treue Begleiterin des Israeliten durchs ganze Leben und bildete zumal in seinem Hanse den wichtigsten Faktor; die ganze Umgebung der Heranwachsenden Jugend atmete so Religion. Welche tiefen Eindrücke religiöser Natur empfing sie da schon bloß ans der Feier der Sabbathe und Festtage! Zudem kam noch ein sehr ausgiebiger Unterricht in den Quellenschriften der Religion selbst, welcher dem im elterlichen Hause bereits geweckten religiösen Empfinden neue und reiche Nahrung gab. Bei aller Mangelhaftigkeit der alten Unterrichtsmethode erwarb die Jugend im allgemeinen dennoch eine gewisse Kenntnis unseres religiösen- Schrifttums. Dieser' Unterricht trug neben dem stets fortwirkenden Einfluß des Hauses und der ganzen Umgebung uicht wenig dazu bei, daß die Anhänglichkeit an den angestammten Glauben sich immer tiefer in den jungen Seelen befestigte und daß ihnen die Religion zum Leitstern und zur Richtschnur für das ganze Leben wurde. Was vermag aber gegenwärtig das jüdische Haus für die religiöse Erziehung der Jugend zn bieten, zumal bei den in den folgenden Zeilen vornehmlich ins Auge gefaßten Glaubensgenossen im Westen? Die gewaltigen Wandlungen auf allen Gebieten des menschlichen Lebens, die im Westen ganz besonders zur Geltung kamen, konnten nicht ohne Einfluß auf das religiöse Leben bleiben. Die völlig geänderten Erwerbsverhältnisse, der schwere Daseinskampf, der den ganzen Menschen in Anspruch nimmt und die gesteigerten Anforderungen ans Leben lassen für die Pflege der Religion sehr wenig Zeit und Aufmerksamkeit übrig. So ist in den letzten Jahrzehnten das religiöse Leben nach und nach immer mehr, zurückgegangen und heute nahezu aus dem Nullpunkt augelangt. Indische Häuser, die vom Geiste echter Religiosität so durchweht waren, daß deren Kinder schon durch das alltägliche lebendige Beispiel reiche Anregung zn religiösem Denken und Fühlen erhielten, - gehören heute zu den größten Seltenheiten. Bon der hehren Weihe der Sabbathe und Festtage, die einst den Israeliten seelisch erfrischte und aufrichtete, wird man bald nnr noch in belletristischen Schriften Mit -„Rührung" lesen können, da sie unter den obwaltenden Verhältnissen aus dem wirklichen Leben bald völlig geschwunden sein wird, wenn sie es nicht schon jetzt ist. Man würde sich daher nur einer Täuschung hingeben, erwartete man jetzt noch vom Hanse religiöse Impulse für die Jugend oder gar deren religiöse Belehrung durch die Eltern, die heutzutage in ihrer überwiegenden Mehrheit selbst entweder gar keine Kenntnis vom Judentum besitzen oder— was noch schlimmer ist — schiefe und falsche Vorstellungen von demselben haben. Und wie ist es nun mit dem R e l i g i o n s u n t e rrichte in. der Schule bestellt? Es genügt der Hinweis darauf, daß ihm im günstigen Falle bloß zwei Stunden in, der Woche gewidmet sind. Was könnten min unsere Religionslehrer bei solch geringem Zeitanfwaude auch beim besten Willen erreichen? Die Erfolge des jetzigen Religionsunterrichtes selbst da, wo zn dessen Ergänzung und Vervollständigung Bibel- oder Talmud-Thora-Schulen bestehen, können sich daher kaum mit den der alten jüdischen Schule messen, in der auf den Unterricht in der Bibel im Urtexte allein schon so viel Zeit verwendet wurde. Wenn aber die Erwerbung einer Kenntnis der Bibel in der Ursprache durch die Schule gegenwärtig ausgeschlossen ist, so wird doch auch jeder Laie zugeben, daß die Jugend wenigstens eine ausreichende Kenntnis des wesentlichen Lehrgehalles des Judentums, seiner wesentlichen religiösen und ethischen Ideen, in der Weise erwerben müßte, daß dieser Lehrgehalt ihr Bewußtsein erfülle und ihre Gesinnung durchdringe. Wird dieses erstrebenswerte, unabweisbare Lehrziel jetzt durch die Schule erreicht? Es mag sein, daß solcher Erfolg hie und da erzielt wird, im allgemeinen jedoch muß diese Frage leider verneint werden. Nun dauern die oben angedenteten Verhältnisse in Schule und Hans bereits seit einer Reihe von Jahrzehnten fort Und da wundert man sich noch, daß die Gleichgültigkeit gegen alles Jüdische in Vergangenheit und Gegenwart immer mehr um sich greife. Woher sollte denn z. B. das Interesse für unsere erhabene Lehre oder unsere Geschichte kommen, wenn diese Dinge einem großen Teile unseres Geschlechtes nahezu unbekannt sind. Und ans eben demselben Grunde kann auch ein inniges Interesse für das Israel der Gegenwart, eine warme, tätige Teilnahme des einzelnen Israeliten am Schicksal seiner Glaubensgemeinschaft kaum erwartet werden. Woher sollte denn das, Gemeinschaftsgefühl in ihm Nahrung erhalten und Stärkung erfahren? Etwa aus dem Gedanken an die gemeinsame Religion, die gemeinsame Geschichte. die er wenig oder gar nicht kennt? . Eine Besserung dieser geradezu unseren Bestand bedrohenden Verhältnisse kann, - wie nun .einmal die Dinge liegen, doch vornehmlich.durch die Schule erfolgen. Solange ihr aber für die Unterweisung der Jugend in der ererbten Lehre nur so wenig Zeit zur Verfügung, steht, solange also ein ausgiebiger Unterricht , in den Quellenschriften unserer Religion selbst, für den es ja überhaupt' keinen Ersatz gibt, eine Unmöglichkeit ist, muß jedes Mittel, das zur Erreichung des oben bezeichneten Lehrzieles,., nämlich Kenntnis des. Lehrgehaltes des Judentums, beizntragen vermag, höchst , willkommen sein und ein solches Mittel wäre nach meiner Ueberzeugnng das religiöse Lied. (Fortsetzung folgt.) .... ...... Ans der Wiener Knitnsgemeindc. Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der Wiener israel. Knltusgemeinde vom 3. Juni 1914, 5 Uhr nachmittags, unter dem Borfitz des I. Vizepräsidenten Dr, Gustav Kohn. An Spenden sind eingelaufeu: Von Herrn Julius Kohn im Sinne eines geäußerten Wunsches seiner verstorbenen Mutter, Frau Rosa Kohn s. A., für den israel. Waisenverein in. Wien K 1000.—, für das israel. Blindeniustitut