Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 22 (12.6.1914)
- Date
- 1914-06-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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: Redaktion uub »idminiftration: - Wien, II/, Novaragasse 27 Telephon: äfebaftiou 6509/1V. Administration 198811, Hmtbhängige Aertschrift für jüötsche (N»n»i,ib> ig.K 14.— Halbiäinig. K 7.— K f. öftere. Vostfvartasfa- .. .Scheck-Konto Nr. 100.918. Inlrrnie: Internen. Für JtitUn5hnimte- .K 10. — - -' ' Dir viermal gesvalten- Konpareille-Zeiie 25 Helle:. Erscheint jeden Ilreitng. Für VIUrlaub: . LdonuemeütS- und Insertion», betrüge find, in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ tMiiiijIilQliii ...... 0 Mark I 6 ütubel ober IN Src». M. 22. 12 Juni Inhalt: Der Volljude und der Halbjude. — Das religiöse Lied als Mittel zur Förderung der religiösen Erziehung der Jugend. — Aus der Wiener Knltnsgemeinde. — Oesterr. Esperanto-Kongreß in Franzensbad. —■ Nachklänge zu der Reichstagsdebatte über die Juden im Heere. — Kulturbilder ans dem Dorado des Antisemitismus. — Verschiedene Nachrichten. Der Uolljnde und der Halbjude. Der freundliche Leser mag über den Titel dieses Aufsatzes wohl stutzig werden und erstaunt fragen: „Ja, gibt es auch Halb- und Vierteljuden?" Wohl, wohl, leider viel mehr, als es das Judentum auf die Dauer zu ertragen vermag. Der Volljude ist auf fein Judentum stolz und sucht jenen Rassenhaß, der auf Neid und Angst basiert, voll und ganz zu verdienen. Er ist auf die lauge Kette seiner entrechteten und mißhandelten Vorfahren eben ihres Märtyrertums halber stolz und erträgt heute noch den unverdienten Rassenhaß mit einer Genugtuung als eine ehrende Auszeichnung. Dem Völljuden fällt es nicht ein, sein Judentum den arischen Mitbürgern gegenüber irgendwie zu verbergen, denn er sieht sich durch sein Judentum geadelt und es gilt ihm als eine Bescheinigung seines Aristokratentums unter den Völkern. Jede Verfolgung eines Inden um seiner Konfession halber steigert sein Solidaritätsgefühl mit seinen Glaubensgenossen und'verkittet ihn mit ihnen umso fester. Der Volljude ist aber auch mutig zur Abwehr aller Unbill bereit, die man seinen Religions- und Stammesgenossen znfügt oder zuzufügen sucht. Er sucht in jedem einzelnen Falle die Obst r u i e r u n g jener Gesetze der Gleichberechtigung alles Staatsbürger zu verhindern und zu bekämpfen, wenn dieses schöne Gesetz gerade dem Juden gegenüber nicht beachtet werden soll. Ohne gerade ein Assimilant zu sein, unterschätzt er den Wert und die Bedeutung der arischen Völker durchaus nicht und der deutsche Volljude fühlt sein Deutschtum eben so echt und wahr, wie der tschechische für sein Tschechentnm. deren Sprache er zu seiner Muttersprache in der Familie erhoben hat und an deren kulturellen und literarischen Bestrebungen er eifrig Anteil nimmt. Es ist bekannt, mit welcher rührender Treue und Anhänglichkeit deutsche und spanische Volljnden ihre Adoptivsprachen in ihren Familien auch .,dann noch bewahrten,als sie der wütigste religiöse: Verfolgungswahn .dezimiert und in ferne Länder vertrieben hatte: > ■ " u;.;- -Der' Volljnde ' hat das' Vertrauen zu den bestehenden Gesetzen nie verloren und sucht immer wieder au der. Hand der-.Gesetze sein'/gebenytes^Recht/. so ' oft /ihn auch schließlich Mißerfolg enttäuschen inag.. Die Aiitorität und Akajestät.. des Gesetzes steht. iit;:feisten'Äugen so haß, ,e's ihm unfaßbar erscheint, büß" ihn die Rechtsbehörden "in feistem Kampfe ums Recht verlassen könnten. Trotzdem der Volljude als Angehöriger des „auserwählten Volkes" nicht wenig stolz ist, überhebt er sich nicht im Kreise von Nichljuden und er entbehrt des Verständnisses für das allgemeine Menschentum durchaus nicht. Der Volljude steht infolge der biblischen Abstammungstheorie aller Menschen von einem Meuschenpaare, den Nichtjuden viel näher, als man gemeiniglich annimmt. Gegen den Glaubensgenossen, der ihm im Kampfe gegen die jndenfeindliche Entrechtung und Schädigung in den Rücken fällt, wallt aber der Groll der Volljuden noch glühender auf, als gegen den arischen Verfolger. Das größte Nebel dünkt ihm jener Halb- oder Vierteljnde, der seinen Wert gar nicht kennt, nur nm die Freundschaft in arisch-christlichen Kreisen buhlt und mit den Judenhassern um die Wette dem Verkehre mit seinen Konfessionsgenossen ausweicht. Diese Halb- oder Vierteljuden, welche nur deshalb noch nicht von der jüdischen Gemeinschaft abgesallen sind, weil in neuester Zeit das Taufwasser auch nicht mehr imstande ist, den vermeintlichen Makel des Judentums von ihnen abzuwaschen, sind an verschiedenen Aenßernngen leicht kenntlich. Sie entäußern sich in der Familie jedes religiösen Lebens, wenn sie auch hie und da noch im Gotteshause wegen einer Predigt oder wegen des „Kaddischgebet" am Sterbetage der Eltern erscheinen. Ja, es gibt sogar Knltnsvertreter, in deren Familien sich die Kinder keines „Seders", wohl aber des Christbaumes erfreuen. Dem Halbjuden ist der hebräische Unterricht, den seine Kinder in den Schulen in der Religionslehre erhalten müssen, als eine unpraktische Ueberbürdung verhaßt und er belegt seine Kinder nie mit biblischen Namen, sondern sucht vermeintlich schön klingende arische Namen für dieselben ans. Erhalten sie dann trotzdem von der arischen Gesellschaft den Stoß mit dem Stiefelabsätze, dann schäumt wohl unbändiger Groll über die schnöde, undankbare Behandlung ans und aus solchen Gründen sind schon manche Halbjnden — Zionisten geworden. In neuester Zeit, stehen die Zionisten, deren Bedeutung nicht unterschätzt werden darf, sogar im Begriffe Volljuden zu werden, auch iu Wien. Es wäre aber falsch, zu glauben, außer dieser jüdischnationalen Organisation gäbe es keine Volljuden. Auch ehe die Zionisten das Licht der Welt erblickten, gab es Volljnden Und zwar verhältnismäßig mehr als in der Gegenwart, der arische Rassenhaß,' der' ..sich besonders seit den letzten Jahrzehnten breit macht,'' ist aber geeignet, die Halbjnden, die von Ariern und Volljuden gehaßt und der-