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Die Wahrheit · 1914-06-15 · Heft 21 (15.6.1914) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 21 (15.6.1914)
Date
1914-06-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 21. Die Wahrheit Seite 7 nicht zuriickichreckten und ihm das Schicksal Ludwig XVI. Hals Menetekel vor Augen führten, wenn er nicht die Inden .ans seiner Umgebung vollständig verbannte. Die Konservativen waren durt> diese Enthüllungen so peinlich überrascht, daß ihr Redner, Herr von Ditsurth. notgedrungen sich mit einigen ihm freilich sehr schwer gewordenen tadelnden Worten dem allgemeinen Verdamnisnrteil anschließen mußte. Die freitonwrvative Partei, die in ihrer Überwiegenden Mehrheit noch nicht wie die dentichkouservative Nachbarparrei den antisemitisch-völkischen Ranenffängern ins Garn gegangen ist, sondern als Vertreterin eines gewissen Kuluirkonservativismns Wert daraus legt, Daß iore politische Weltanschauung nicht durch eine Verbindung mit Erscheinungen der Unkultur befleckt werde', hat .jedoch erfreulicherweise mit der schärfsten Mißbilligung dieser .Rassenverhetzung der Jllgend nicht znrnckgehalten.*) Ihr Sprecher, Gras Moltke, fragte mit Recht: „Was hat der Antis milismus mit dr Jllgeudbeweguug zu tun? Er soll Draußen bleiben." Der Herr Kultusminister von Trott zu Solz begnügte sich seltsame!weiie mit einigen allgemeinen 'Worten des Bedauerns und der Verurteilung dieser Hetzereien und stellte sogar der Leitung des Wandervogels das anerkennende Zeugnis aus, daß sie alsbald die „Führerzeitung" von sich abgeschüttelt habe — derselben Leitung, die es ruhig zuließ, daß auf dem Frankfurter Bundestage der Redakteur dieser Zeitung, F. W. Fulda, der spiritns rector der ganzen antisemitischen Kampagne im Wandervogel, als Redner eine Hauptrolle spielte. Da der Wander- .vvgel nicht zu den durch staatliche Zuwendungen unterstützten Organisationen der Jugendbewegung gehöre, gehe ihn die Sache eigentlich gar nichts an. Mit Verlaub, Herr Minister, die Sache hat sogar für den Chef der preußischen Anterrichtsverwaltung ein sehr erhebliches Interesse. Denn die überwiegende Mehrheit der Wandervögel besieht, wie .Herr Dr. Neuendorsf in Frankfurt selbst laut Protokoll (Aprilheft des Wandervogel) hervvlgehoben hat, aus Schülern.. Es heißt dort in der Rede des Bnndesleiters an Der einen Stelle: „Der Bund besteht vor allem ans Schülern" und an einer anderen Stelle: „Die Schüler bilden'die Hauptmasse unseres Bundes". Der Herr Unterwichtsminister kann es doch aber unmöglich gutheißen, daß Schülern das Recht eingeräumt werde, eine bestimmte Kategorie von Mitschülern durch Mehrheitsbeschluß aus ^Vereinigungen ansznschließen. die, wenn sie auch als halb Private Sportvereinigungen nicht direkt der Schuldisziplin unterstehen, doch zum großen Teile von Lehrern geleitet werden. Oder doch? Hat sich der Herr Minister dann aber auch die Konsequenzen überlegt? Wie, wenn den jungen .unreifen, durch völkische Schlagworte betörten Schülern diese unerwartete und unvermittelt in den Schoß gefallene Freiheit und Selbständigkeit in den Kopf stiege und sie verlangten. daß das Prinzip der völligen Jndeureiuheit auch in. der Schule durchgeführt werde, oder daß kein Lehrer sie unterrichten dürfe, der nicht unzweifelhaft Nachweisen kann, daß kein Tropfen semitischen Blutes in seinen Adern rinnt? Dann wäre allerdings der von den Antisemiten heißersehnte pädagogische Jdealznftand: - Unterrichtung der gesamten jüdischen Jugend in besonderen jüdischen Lehranstalten zu einem guten Teil der Verwirklichung näher gerückt. Im anderen Zusammenhänge rühmte der Leiter des preußischen Unterrichtswesens in derselben Rede — mit Recht — die kraftvolle heute über eine Million Mitglieder zählende Organisation der deutschen Turnerschaft. Warum empfahl er aber nicht, oder warum erinnerte er nicht wenigstens daran, wie diese kerndeutsche Körperschaft *) Eine Ausnahme macht natürlich wie immer, wenn es sich * um die Stellung zu der Jndenfrage handelt, das Berliner Hanptorgan der freikonservativen Partei „Die Post", deren Redaktionsverbande .Herr Ph. Staust selbst bis vor wenigen Monaten augehört hat. Das Blatt bringt es fertig, in der Rede des eigenen Parteigenoffen den .ganzen Passus über die Verurteilung des Antisemitismus einfach zu unterschlagen. vor anderthalb Jahrzehnten mit den antisemitischen Friedensstörern kurzen Prozeß machte, ihnen den Stuhl vor die Tür setzte üüd seit der .Zeit von jeglichen politischen Umtrieben verschont geblieben ist? Warum empfahl er nicht als nachahmenswertes Beispiel das Vorgehen des Altwandervogels, dessen diesjährigem Nenwieder Verbandstage am 13. und 14. April ebenfalls ein Antrag ans Ausschluß jüdischer Mitglieder — von dem Vertreter der Berliner Ortsgruppe von Zelewski gestellt —- vorlag und der dieses Ansinnen ohne Debatte mit überwältigender Mehrheit ablehnte? Zwar fand auch Herr von Trott zu Solz scharfe Worte gegen die Verhetzer der Jugend, die unter dem Deckmantel der kulturellen Hebung politische Zwecke verfolgen, die an den Neid und die Begehrlichkeit appellieren und geißelte die „widerwärtige Heuchelei" dieser Verführer der Jugend — aber diese moralische Entrüstung des Knltusnlinisters kehrte sich nicht gegen, die antisemitischen Treibereien in der Ingendbewegnug ans die sie Wort für Wort mindestens ebenso zntraf, sonder» gegen die sozialdemokrarische Jngendpropaganda. Wie ja auch, zwei Tage vorher der Krieg^sminister von Falkeuhayn im deutschen Reichstage in seiner Polemik gegen die sozialdemokratische Ingendbewegnug ein hohes Loblied auf den vaterländischen Geist in der deutschen Jugendbewegung gesungen hatte, die sich nicht von einem „verschwommenen Weltbürgertum" leiten lasse und dabei ganz übersah, daß — neben den zweifellos sehr segensreichen wirkenden Bestrebnngen zur körperlichen Stählung und Erziehung der Jngeird zu nationaler Mannhaftigkeit — doch auch starke destruktive Kräfte am Werke sind, um Deutschlands Jugend den Humanitätsidealen unserer großen deutschen Geistesheroen zu entfremden und sie zu einem niedrigen Rassen- und Natioualhaß zu erziehen, den man — nach den Worten Goethes — „auf den untersten Stufen der Kultur am stärksten und heftigsten findet". Von Nationalliberaler Seite machten in der Debatte die Abgeordneten von Schenckendorsf und Herwig gegen die antisemitische Bersenchung der Jugend energisch Front, ebenso der Sozialdemokrat Haenisch. Verschiedene Nachrichten Wien. Anläßlich der Genesung Sr. Majestät unseres Kaisers fand am 30. Mai beim Sabbatguttesdienst für die Gemeinde wre auch für die Jugend in Folge Anordnung des Vorstandes unserer Gemeinde in allen Gotteshäusern ein feierlicher Dankgottesdienst statt. Wien. (Chewra Kadischa Wie n.) Mittwoch den 27. Mai l. I. fand die Eröffnung des Erholungsheimes in Baden statt, welches die Chewra Kadischa anläßlich der Vollendung ihres 150 jährigen Bestandes errichtete und zu dessen dauernden Erhaltung der Präsident der Chewra Kadischa. Herr Salo Cohn, bei der Cheivrasude am 26. Avril l. I. außer den bereits zu einem früheren Zeitpunkce gewidmeten X. 50.000.— weiters X 100.000.— spendete. Der Eröffnung, welche in aller Stille vorgenommen wurde, wohnten außer dem in Baden weilenden Präsidenten der Kultusgemeinde. Herrn Dr. Alfred Stern, der Präsidenr der Chewra Kadischa. Herr Salo Cohn, der Vizepräsident Herr Dr. Markus Spitzer, die Herren Vorstandsmitglieder Moriz Brei tue r. Moritz Elßler, Samuel Gold in an n, Jakob Kann, Jgn. K l e i n, Philipp K o h n, Carl Lang, Carl L e m b e r g e r. Leopold Otto und Samuel Steiner, ferner in Vertretung der Delegierten des Vorstandes der Chewra Kadischa die Herren Josef Beer, Alois Gr über. Fritz Marmor ek und David Tänzer bei. Telegraphische Glückwünsche sandte das in Karlsbad weilende Vorstandsmitglied Herr S. Simon. Die Besichtigung des Heimes löste bei allen Teilnehmern der intimen Feier die lebhafteste Befriedigung ans. Nach der Eröffnungsansvrache des Präsidenten sprachen noch weiters: Präsident Dr. Alfred Stern, Vizepräsident Dr. Markus Spitzer und Vorstandsmirglied Jakob Kan n. welch letzterer sich um die Einrichtung des Institutes in Gemeiuschafr mit seiner Gattin. Frau Marie Kan n und seiner Schwägerin, Frau S p i e g l e r, in hingebungsvollster Weise betätigte, ferner namens der Delegierten. Herr David Tänz er. Im Bestibnle des Hauses ist eine Tafel folgenden Inhalts angebracht: „Aus Anlaß des 150 jährigen Bestandes der Chewra Kadischa Wien wurde im Jahre 1914 dieses, der Nächstenliebe geweihte Haus gegründet. Bei der Jubiläums-Feier am 26. April 1914 sicherte der Präsident der Chewra Kadischa Salo K o h n durch eine hochherzige Widmung die dauernde Erhaltung dieses Heimes." Aus einer zweiten Tafel ist der zur Zeit fungierende Vorstand der Chewra Kadischa verzeichnet; eine

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