Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 21 (15.6.1914)
- Date
- 1914-06-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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-Veite 6. Die Wahrheit. Nr. 21. Ghettopolilik im deutschen Heere. (Schluß.) Was besagt dieser Erklärung des früheren Kriegsministers gegenüber die Versicherung des Herrn v. Falkenhayn, daß „ein Israelit, sobald er die für alle Reserveofflziersaspiranten ganz gleichmäßig vorgeschriebenen Bedingungen erfüllt, anstandslos zum Offizier befördert werden würde." Früher ist das ja geschehen, seit drei Dezennien" aber soll kein einziger jüdischer Aspirant diese Bedingungen erfüllt haben?! Warum hat der Minister sich darüber nicht ausgesprochen? Er erklärte: „Daß der jetzige Zustand an sich verfassungswidrig ist, muß ich natürlich zugeben". Ja dem amtlichen Stenogramm seiner Rede ist aber statt verfassungswidrig „ist" zu lesen: verfassungswidrig „scheint". Da nach den Berichten aller Tagesblätter und nach dem Zeugnis der Zuhörer aller Parteirichtnngen der Minister das Wörtchen „ist" tatsächlich gebraucht hat. so geht daraus hervor, daß er eine Korrektur vorgenommen und damit feine Erklärung ganz erheblich abgeschwächt hat.*) Eine Bestätigung dieses Vorganges ist auch darin zu erblicken, daß Abgeordneter Müller-Meiningen auf die Bemerkung des Ministers ausdrücklich Bezug genommen hat, ohne daß dieser es für nötig befunden hätte, sich dagegen zu verwahren. Das ist derselbe Kriegsminister, der zehn Tage später, in der Sitzung des Reichstages vom 18. Mai dem dem Abgeordneten Müller-Meinnigen gegenüber stolz erklärte : „Im übrigen stehe ich zu jedem Wort, das ich gesprochen habe." — Die rechtsstehenden Blätter waren mit den Aeußerungen zur Frage der jüdischen Reserveoffiziere nicht zufrieden. Die „D. Tagesztg " z. B. meinte, sie könne sie nicht als besonders glücklich bezeichnen. Ob es notwendig war, daß er sein Bedauern über die angebliche Verfassungs- Widrigkeit des jetzigen Zustandes anssprach, das erscheine ihr doch sehr zweifelhaft; es wäre zweckmäßiger gewesen, wenn er sich etwas anders ausgesprochen hätte. Nun. der Minister hat offenbar einen solchen sanften Rüffel vorausgesehen und die Sache „eiugerenkt". Vielleicht war er eingedenk des Schicksals seines Vorgängers v. Einem, der — so hieß es damals wenigstens — wegen seiner Aeußerungen im Parlament über die Nichterueunung jüdischer Reserveofftziere von seinem Platze weichen mußte. Die Spuren schreckten ihn und er beugte vor. Im Laufe der Debatte bekämpfte einzig und allein der „deutschvölklsche" Abg. Rapp-Marburg die Zulassung der Juden zur Offizierslaufbahn, wobei er die bekannten Ladenhüter hervorsuchte und sich zum Schluß zu Gunsten seines Standpunktes auch ans die Aeußerungen eines Zionisten berief. Dem antisemitischen Redner ließ Abgeordneter Müller- Meiningen eine kurze Abfertigung zuteil werden. Wie bei den vorjährigen Verhandlungen, so schwiegen sich auch dieses Mal die Konservativen aus. Ihr Wortführer, Graf Westarb, glaubte aber, die jndenfeindliche Haltung seiner Partei wenigstens durch eine antisemitische Anzapfung des Abgeordneten Liebknecht markieren zu sollen, von dem er sagte, er habe „in seinem Blute eine gewisse Veranlagung zu dem Verständtlis für die Rabulistik der Talmndanslegnng". Was den sozialdemokratischen Abgeordneten Schöflin veranlaßte, den Herrn Grafen daran zu erinnern, wie er bei der letzten Wahl „von wegen der Stimmen und des Reichstagsmandats" an einen jüdischen Lehrer in Meseritz einen offenen Brief gerichtet habe, in dem er entschieden bestritt, irgendwie antisemitische Neigungen zu haben. Mit Entschiedenheit trat der Zentrumsabgeordnete Gröber für die Herbeiführung eines verfassungsmäßigen Zustandes ein und er schloß seine Ausführungen damit, daß er sagte, nicht alle Offizierkorps seien antisemitisch gesinnt, und wenn es die Offiziere vollends wüßten, daß die Aus- *) Er hat denn auch in der Sitzung vom 19. v. M., von dem Abgeordneten Dr. Müller-Meiningen deswegen zur Rede gestellt, die Stenogramm-Aeuderung zugegeben.- schließnng israelitischer Kandidaten von oben herab nicht gewünscht wird, daß im Gegenteil eine wahrhaft freie, nur auf sachliche Gründe gestützte Wahl verlangt wird, dann werde es auch nicht an Wahlen von israelitischen Offizierskandidaten fehlen. Wenn die Nationalliberalen sich an der Diskussion nicht beteiligten, so geht daraus keineswegs hervor, daß sie ihren früheren Standpunkt aufgegeben haben. Man höre nur. wie der dem rechten Flügel der Reichstagsfraktion augehörende Abgeordnete Dr. Böttger in einem Artikel des „Tag", der voll des Lobes über das sonstige Auftreten des Kriegsministers ist, zur Behandlung der Frage der jüdischen Reserveoffiziere seitens der Heeresverwaltung sich äußert: „Die Frage der Gleichberechtigung der Staatsbürger wird, wie es scheint, nicht in ihrem ganzen Ernst gewürdigt. Hier ist eine offene Wunde, bei der freundlich: Redensarten dem Patienten nichts helfen. Man gehe doch einmal resolut an das Problem heran; man sei io streng in der Aufnahme von Israeliten in das Reserveoffizierkorps, wie man es für nötig hält, damit Kameradschaft und Ansehen nicht leiden; aber mau weise die Ghettopolitik, die Politik unduldsamer Absonderung, hinaus. Sie läßt sich im Rahmen der Staatsverfassungen, der königlichen Verordnungen und der Erklärungen der Kriegsminister nur mit großem Sophismus und verletzender Unredlichkeit entschuldigen." „Unredlichkeit"! Ein hartes Wort, mit dem hier das Verhalten der Heeresverwaltung gekennzeichnet wird. Es ist N bedauerlich, daß sich Kriegsminister zu einer Rolle hergeben, bei der weniger Gewicht gelegt wird aus die Feststellllng der Wahrheit, als ans nichtssagende, widerspruchsvolle, hinter leere Ausflüchte sich versteckende Auslassungen. So lange aber in maßgebenden Kreisen nicht der ernstliche W lle herrscht, dem gegenwärtigen Zustande ein Ende zu machen, ist es notwendig, die schreiende Ungerechtigkeit. . die im Widerspruch mit der Verfassung gegen unsere jüdischen Mitbürger geübt wird, in der deutschen Volksvertretung, die in ihrer ganz über.viegeiiden Mehrheit jene Ungerechtigkeit verurteilt, bei jeder neuen Etatsberatung zur Sprache zu bringen. Die Wundervogel-Dedntte im preußische» Adgeordueteuhirnse. Der Landtagsabgeordnete Landgerichlsdireklor Kanzow brachte die antiiemimchen Wühlereien in der Jugendbewegung in der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 11. Mai bei Beratung des Eiatstuels „3l/2 Millionen Mark für die Förderung der^ Jngendpstege" zur Sprache. Er erwarb sich ein besonderes Verdienst dadurch, daß er die gemeingefährlichen Hetzereien zweier Hauptschürer des Rassenhasses in der Jugendbewegung, des Reichshammerbundes, der seit Monaten nicht nur seine Flugblätter, sondern auch den „Hammer" selbst in 700 Exemplaren den Wandervogelführern regelmäßig gratis zuschickt, wie des Herrn Ph. Staust, der schon vor Monaten gleich zu Beginn der antisemitischen Umtriebe dem Wandervogel den Kampf bis aufs Messer ängekündigt hatte, wenn er nicht in der Jndenfrage unzweideutig in antisemitischem Sinne Farbe bekenne, schonungslos enthüllte — mit dem überraschenden Erfolge, daß die „Deutsche Tageszeitung" und die „Krenzzeitnng", zu deren ständigen Mitarbeitern Herr Ph. Staust gehört, ihren Lesern von der moralischen Stäupung ihres Mitarbeiters auch nicht eine Silbe mitteilten. Die von dem fortschrittlichen Redner zitterten Proben antisemitischer Verhetzung und eklen Rassenhasses riefen auf allen Seiten des Hauses helle Empörung hervor. Auch der großen Mehrzahl der Konservativen war es offenbar ganz neu. daß diese Vorkämpfer völkischer Rassenreinheit auch vor den rüdesten Angriffen gegen den Träger der Krone