Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 21 (15.6.1914)
- Date
- 1914-06-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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dir. 21. Die Wahrheit Seite 5. anschaulicher Weise beschrieb. Dieses Buch erregte hier ungemeines Aufsehen und die öffentliche Meinung sowie die Presse begannen sichfür diese Frage in erhöhtem Maße zu interessieren. Marquis de Hoyos, weiland Botschafter in Wien, und andere hervorragende Schriftsteller meldeten sich zum Wort und machten Stimmung für eine Annäherung zwischen Sephardimjndentum und Spanien. Diese Bestrebimgen bekundeten sich, zunächst bloß auf literarischem Gebiete, indem spanische Bücher und Zeitungen in großer Menge nach den jüdischen Gemeinden versandt wurden. Der Staat befleißigte sich sodann ebenfalls, der Bewegung förderlich zu sein, indem er seinen konsularischen und diplomatischen Vertretern in der Türkei und in Marokko entsprechende Verhaltungsmaßregeln gab. Nach dem Balkankriege trat diese Politik kecker in die Erscheinung durch eine diplomatische Unterstützung der Inden von Saloniki gegen die untoleranten griechischen Behörden. Als vollends die Okkupation der spanisch-marokkanischen Zone erfolgte, hielt die spanische Regierung den Augenblick für gekommen, ihre Beziehungen zu den jüdischen Volkselementen dieses Landstriches noch enger zu knüpfen. In Tetnan und Tanger wurden-jüdische Vereinigungen gegründet, deren Ehrenvorsitz Seme Katholische Majestät Alfons XIII. übernahm, lind jüngst ist eine Abordnung der in Marokko seßhaften Inden nach Madrid gekommen, wo sie in feierlicher Audienz vom Monarchen empfangen worden ist und überall Entgegenkommen undfreundliche Gesinnung gefunden hat. Die Regierung verhehlt nicht, daß sie hinsichtlich der Erschließung von Spanisch-Marokko großen Wert auf die jüdische Mitarbeit legt. In diesem Geiste hat sie auch einen Berliner Hochschuldozenten, Dr. A. S. Jahnda, nach Madrid berufen, mit dem Aufträge, hier eine Reihe von Vortrügen über jüdische Geschichte und Literatur m ihrem Zusammenhang mit Spanien zu halten. Einige dieser Vorträge haben bereits stattgefunden und erregten das lebhafteste Interesse der Zuhörerschaft, in der sich Vertreter der Regierung und des Hofes, Cortesmitglieder, Diplomaten, Universitätsprofessoren, Schriftsteller, Kaufleute, Industrielle und Publizisten befanden. Die gesamte Presse, vom klerikal-konservativen „ABC" bis zum radikal-republikanischen „Pais", widmet den Vorträgen Dr. Jahudas höchst beifällige Kritiken, unter denen ein begeisterter Aufsatz des früheren Unlerstaatssekretärs Gonzalez Hontoria besonders hervorznheben ist. Die Regierung trägt sich mit dem Gedanken, nach Berliner Muster eine Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zn errichten, die sie als Mittel betrachtet, um die spanisch-jüdische Studentenschaft anzuziehen. Wie ich aus bester Quelle vernehme, hofft mau, als Dozenten für diese Anstalt Dr. Uahnda dauernd zu gewinnen. Unter den siebzehn Toten, welche die Einnahme von Beracrnz gekostet hat, befinden sich, wie in Europa kaum bekannt sein dürste, drei Blaujacken israelitischer Konfession, die als erste Opfer bei dem Kampfe gefallen sind. Einer von ihnen war ein Bürger Chicagos, Sammy Meisenberg. Auf die Nachricht von dessen Tode bot der Bruder des Gefallenen. Meyer Meisenberg, seine Dienste als Kriegsfreiwilliger an. Darauf hat er vom Präsidenten Wilson das folgende Schreiben erhalten: Weißes Hans, Washington, 4. Mai 1914. Lieber Freund! Ihr Brief vom 29. April hat mich tief bewegt. Ich beglückwünsche unsere Nation, daß genug Leute im Lande sind, die wie Sie und wie Ihr Bruder Samuel über den Dienst für die Nation denken, wenn der Ruf an sie ergeht, selbst ihr Leben hinzngebeu. Ich danke Ihnen aufs aufrichtigste und sende Ihnen nicht nur mein herzlichstes Beileid zum Tode Ihres Bruders, sondern auch die wärmsten Ausdrücke meiner Freundschaft. Ihr aufrichtig ergebener Woodrow Wilson. Der Präsident hat auch in seiner Rede bei der Newyorker Totenfeier für die siebzehn Gefallenen der jüdischen Freiwilligen gedacht, die als gute Amerikaner ihr Leben geopfert hätten. Kurse sin religiöse Fortbildung israelitischer Frauen und Mädchen. Aufruf! Die Frau, die Seele des Hauses — die Mutter, die Bildnerin der Kiudesseele — sie, die Trägerin unserer Zukunft, kennt und pflegt gerade in unseren jüdischen Kreisen besonders eingehend die modernste Kultur. Unsere jüdischen Frauen stehen im Vordertreffen aller möglichen fortschrittlichen Bewegungen und sozialen Unternehmungen. Nur die r ü ck s ch r i t t l i ch e Bewegung des jüdischen Lebens liuö das soziale Elend ihrer Stammesgenossen lassen sie unberührt. Die moderne Jüdin schämt sich nnr zu oft ihrer jüdischen Herkunft. Wie eine offene Wunde empfindlich zeigt sich ihr Gemüt bei jeder Erinnerung au ihre Zugehörigkeit zum Judentum. Sie liebt es nicht, denn es trägt ihr nur Haß und Zurücksetzung ein. Sie achtet es nicht, denn sie kennt es nicht. Was uns dringend not int. ist deshalb: Belehrung unserer jüdischen Frauen und Mädchen über die ewigen, unvergänglichen und unvergleichlichen religiösen und ethischen Werte des Judentums, die itns eine heilige Tradition der Jahrtausende zur Hütung, Pflege und Weitervererbung an unsere Kinder und Enkel anvertrant hat. Unsere Frauen und Mädchen sollen und müssen bewußte Jüdinnen werden. Die bisherigen wohlgemeinten Versuche, in dieser Richtung Wandel zu schaffen, sind als nicht zureichend zu bezeichnen. Durchgreifend wirken kann nur ein Fortbildungskurs, der, dem Alter und Bildungsgrade der Heranwachsenden weiblichen Jugend angemessen, sich zum Ziele setzt: Gründliche Einführung in den Geist unserer Geschichte und die Symbolik des jüdischen Lebens, vergleichende Erörterung der Grundwahrheiten des Judentums im Lichte der modernen Zeitströmungen, vor allem aber eingehende, verinnerlichende, Herz unb Gemüt belebende Darstellung unserer Glaubens- und Sittenlehre au der Hand unserer Gebete und heiligen Schriften. Einen solchen Fortbildungskurs für jüdische Frauen und Mädchen nach dem Vorbild akademischer Vorlesungen und seminaristischer Uebungen ins Leben zu rufen und zu erhalten, soll die Aufgabe eines Vereines sein, dem als Mitglied beizntreten wir Sie hiermit höflichst einladen. Der Verein wird bestrebt sein, mit Aufwendung bescheidener Mittel die bestmöglichen Erfolge zn erzielen. Wien, am 26. Mai 1914. Dr. Max G r u n w a l d, Dr. Gustav K o h n Rabbiner der israelitischen I. Vizepräsident der Israel. Kultus- Knltusgemeinde. gemeinde, Landesschulrat re. Professor M. A n l s ch e r l; Direktor Max Fischer; Karl Freu n d, Bethausvorsteher; Doktor Ad. H e r z f e l d; Professor Dr. S. Kraus; Dr. Elias M ü n z, Hof- und Gerichtsadvokat und Bethausvorfteher; Gustav Planer; Kommerzialrat S. R o s e u z w e i g; Hofrai Dtckwr Julius Schlag; Dr. Julius Weiß; Alois T h e u m a n n; Leop. Winter.