Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 21 (15.6.1914)
- Date
- 1914-06-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 21. Die Wahrheit 1. Es wird ein Konsortium (Bund) der jüdischen Gemeinden Italiens konstituiert. Dem Bunde können alle Gemeinden und andere Bereinigungen oder Gruppen von Juden beitreten, die für den Kultus und für die jüdische Erziehung innerhalb Italiens und seiner Grenzen sorgen. 2. Sitz des Gemeiudebundes ist Nom. 3. Zweck des Gemeiudebundes ist: a) zweckentsprechende Maßregeln für jene Gemeinden zu treffen, die nur ein klägliches Leben fristen oder langsam untergehen; b) die Bildung neuer Gemeinden zn erleichtern, wo das Bedürfnis dafür vorhanden ist; c) alles zn fördern, was für alle Gemeinden von gemeinsamen Interesse ist, besonders die hebräische Kultur und die Erhaltung der religiösen geschichtlichen und Ktittstdenkmäler. * * Die Nationalliberalen in Rumänien haben einen Gesetzentwurf vorbereitet, demzufolge die Inden künftig in Regieruugs- und öffentlichen Schulen überhaupt nicht mehr ausgenommen werden sollen. Die Regierung ihrerseits steht im Begriff, in den Elementarschulen Lesebücher mit antisemitischen Inhalt einznführen sowie das Schulgeld für jüdische Schüler zu erhöhen. Sogar die antisemitischen Studenten an der Universität Jassy haben ihre Mißbilllgnng über diese neuen judenfeindlichen Maßnahmen zum Ausdruck gebracht, die den Inden im Auslande Anlaß böten, Rumänien in der Presse anzngreifen. s- * * In Silistria fand, einem dortigen Berichte zufolge, vor einigen Tagen die feierliche Einweihung einer neuen Synagoge der sephardischen Indengemeinde statt. Zur Feier waren Vertreter aller in Silistria wohnenden Nationalitäten Rumänen, Bulgaren. Türken. Armenier, erschienen. Nach den üblichen Gebeten, unter anderen auch dem Gebete für, König Karol und die Königsfamilie, hielt der Sekretär der Gemeinde die Weihrede. Einen recht unangenehmen Eindruck machte die Rede, welche hierauf der anwesende Unterpräfekt in der Synagoge hielt. Er forderte die Anwesenden auf, rumänische Patrioten zu werden, sich zu romanisieren und vor allem so' rasch als möglich die rumänische Sprache zu erlernen und zu pstegen. „Ich habe die Empfindung", so schloß , der Unterpräfekt seine Sittenpredigt, „daß viele unter Euch mit der rumänischen Herrschaft unzufrieden sind nnd wagt Ihr es auch nicht selbst zn gestehen, so geht es mit Bestimmtheit ans Berichten in den ausländischen Zeitungen hervor nnd da noch keiner dieser Berichte von Euch hier dementiert wurde, ist ein- Beweis, daß ihr diese Unzufriedenheit teilet. Ich ermahne Euch, alle diese Hintergedanken zu lassen, Euch keinen Illusionen hinzugeben, denn in diesen Dingen versteht Rumänien keinen Spaß nnd es ist mächtig genug, um seinen Willen durchzusetzen." # * * In der russischen Reichsduma ist bekanntlich ein Gesetzentwurf eingebracht worden, der auf ein Verbot der jüdischrituellen Schlachtmethode abzielt. Da nun ein solches Verbot auch in das Leben von Millionen moslimischer Bewohner des russischen Reiches eingreifen würde, hat sich der Scheichul-Jslam nach Rücksprache mit dem türkischen Großrabbiner Haim Nahum au die türkische Regierung mit der Bitte gewandt, in dieser Angelegenheit durch die Petersburger Botschaft freundschaftliche Vorstellungen bei dem Petersburger Kabinett zu erheben. Man hofft, daß die Dnma- Kommission für Volksgesundheit, die dem Plenum ein Gutachten über die Vorlage erstatten soll, schon mit Rücksicht auf die mohammedanische Bevölkerung die Ablehnung des Entwurfs beantragen wird. * * * Die getauften Juden in Rußland werden jetzt, wie ans einem Erlasse des Charkower Gouverneurs hervorgeht, unter ständige Polizeiaufsicht gestellt. Die Polizei hat die Psticht, genau zu beobachten, ob diese getauften Inden wirklich nach den christlichen-Religionsgesetzen leben, da die Behörden den Verdacht schöpfen, daß diese Getauften ähnlich wie die Maranneu seinerzeit in Spanien nnd Portugal nitr Scheiuchristen seien nnd im geheimen die jüdischen Religionsgesetze beobachten. Die Polizei ist beauftragt, ihre Wahrnehmungen dem Gonvernenr zn melden. Es besteht die Absicht im Sinne eines Vorschlages des Erzbischofs von Odessa den Juden, welche sich zur Taufe melden, eine sechsmonatige Frist festzusetzen und erst, wenn die Taufkandidaten während dieser Zeit den Nachweis wirklichen christlichen Lebens erbracht haben, ins Christentum anfzunehmen. -r- * * Die „N. I. K." berichtet: Die von der russischen Regierung eingesetzte Schulkommission hat dieser Tage ihren Bericht über das jüdische Erziehunzswesen in Rußland veröffentlicht. Die Kommission kam zn dem Schluß, daß die Existenz eigener jüdischer Schulen keine Gefahr fürden Staat bedeute und daß diese Anstalten als religiöse Einrichtungen harmlos seien, da „die jüdische Religion für die Christen keine Anziehungskraft hat". Die Kommission empstehlt die Gründung jüdischer Schulen in Städten mit einer zahlreichen jüdischen Bevölkerung, um die Juden von den allgemeinen Schulen fernznhalten. Was die Chadarim, Talmud-Thoras und Jeschiboth anbelangt, beschloß die Kommission, sie in ihrer alten Weise fortbestehen zu lassen nnd das Jiddische als Unterrichtssprache znznlasfen. . Von den verschiedenen russischen Universitäten liegen Berichte vor, wonach im nächsteil Semester nur eine ^äußerst geringe Zahl von Juden Aufnahme finden wird. An einigen Universitäten werden überhaupt keine Juden zugelassen werden, im Sinne der verschärften Bestimmungen, die die -Immatrikulation von Inden auf eine bestimmte Prozentnorm beschränken. s . * Am 16. Mai tagte in Petersburg eine ans Vertretern der Emigrationsbnreans im Rayon gut beschickte Emigrationskonferenz, mit dem Zwecke, die Vorarbeiten-für den im Juni in Hamburg stattfindeuden Emigrations-Kongreß zu treffen. Aus dem Berichte des Vorsitzenden. S. Mandel. geht hervor, daß Verhandlungen zwischen dem Einigrationsverein und den Schiffsgesellschaften gepflogen wurden nnd die letzteren bereit seien, auf alle Wünsche' des Vereines einzngehen und die vorgeschlagenen Reformen zur Erleichterung des Loses der Emigranten zn treffen. Fast alle Emigrations-Institutionen erklärten sich bereit, am Hamburger Kongreß teilzunehmen. Die Jca, die auf der Konferenz nicht vertreten war, hat sich ihren Beschluß noch Vorbehalten. In einer einstimmig angenomlneneu Resolution begrüßt die Konferenz die Einberufung I des Kongresses, an dem die Emigrationsvereine zusammen 1 mit den Schiffsgesellschaften zn Gunsten der Auswanderer teilnehmen. Ans Spanien wird der „Allg. Ztg. d. Judentums" berichtet: Auch ein Zeichen der Zeit: Spanien, das im 15. Jahrhundert aus fanatischreligiösen Beweggründen seine jüdischen Untertanen hinansstieß, ist jetzt ernstlich bemüht, die Nachfolger der Hinansgestoßenen, die sogenannten Sephardim, die in den Balkanländern,- in Kleinasien nnd in Nordafrika ansehnliche Gemeinden bilden, wieder mit sich zn versöhnen^ freundschaftliche Beziehungen mit ihnen zn unterhalten nnd fpgar ihre Rückkehr in das Land der Vorfahren anzubahnen. Den Anstoß zu dieser jndenfreundlichen Bewegung hat. Der bekannte Arzt und Senator Exzellenz Dr. Angel Pulido vor bereits 12 Jahren gegeben, als er nach einer Reise im Orient ein - gntdokumentiert.es ' Buchveröffentlichte, das den Titel „Spanier ohne Heimat" trug und die Lage der spanischjüdischen Gemeinden in den von ihm bereisten Ländern in