Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 20 (29.5.1914)
- Date
- 1914-05-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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. Nr. 20. Die Wahrheit Leite '5. etwa hie Unfähigkeit der.Führer, sondern, nur „der Jud" verschuldet. Solcherart werden, während im tschechischen Sprachgebiete/unsere Glaubensgenossen als willkommene nationale Mitkämpfer mit offenen Armen ausgenommen werden, im deutschen Sprachgebiete die Inden weiterhin politisch abbestößen, gesellschaftlich brutalisiert und wirtschaftlich geschädigt. Die Herren vom Deutschen Nationalverband wollen noch immer nicht begreifen, daß der Verfassungsbrnch, dessen sie heule die Regierung beschuldigen, zuerst von ihnen selbst gegen die Inden begangen wurde. Noch weitaus düsterer hat sich die Lage unserer Glanbensbrüder iit Galizien gestaltet. Die Kriegssurcht, deren Beute das Land im Vorjahre war, hat eine tiefe wirtschaftliche Depression erzeugt, welcher zahlreiche jüdische Geschäftsleute unverschuldet zum Opfer gefallen sind. Zudem hat die Boykottbewegnng, welche im Königreiche Polen große Dimensionen angenommen hat, aus Galizien übergegriffen und hie Hetze gegen die jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden wird auch hier unter stillschweigender Duldung der staatlichen Orgaüe in Wort und Schrift schwungvoll betrieben. Die Verarmung der jüdischen Bevölkerung und die Beschränkung ihrer staatsbürgerlichen Rechte sind bereits bis zur Unerträglichkeit gediehen. Daß unter solchen Voraussetzungen unser Rechtsschntzburean auch im abgelaufenen Jahre in außerordentlichen Maße in Anspruch genommen war, ist nur zu begreifliche Von allen antisemitischen Roheiten und Bosheiten wohl die empörendste ist die Vergiftung der unschuldigen Kinderseele durch den Rassen- und Klassenhaß. Mehrfach ist in Galizien an öffentlichen Schulen seitens geistlicher und weltlicher Lehrer der Versuch unternommen worden, die Stätte der Bildung zur Brutstätte des rohesten Antisemitismus zu machen. Am Nen-Sandecer zweiten Gymnasium hat der Religionsprosessor?. Kl am nt anläßlich des Jahresschlusses und der Verteilung der Schulzeugnisse im Schulgebäude eine Flugschrift verteilt, welche nicht nur zum Boykott gegen die Inden anfreizte, sondern auch eine Reihe der heftigsten Beschimpfungen und Verleumdungen gegen unsere Glaubensbrüder enthielt. An der Oswiccimer Mädchenvolksschnle hat die Lehrerin Frau Antonia Jaknbiec während des Unterrichtes erzählt, daß die Inden für ihre Mazzes Blut brauchen und die anwesenden jüdischen Schnlkinder „räudige Jüdinnen" und „Bastarde" genannt. An der Jaroslauer Realschule hat der Professor für polnische Literatur Thaddäus Kaniowski den Talmud ein Schandbnch und eine Sammlung nnsinniger Ritnalvorschristen genannt und die jüdischen Schüler bes chimpft. Als die Eltern dieser jüdischen Schüler sich bei der Schnldirektion beschwerten, wurde eine Untersuchung eingeleitet, welche damii endete, daß zwei jüdische Schüler, die unmittelbar vor der Maturitätsprüfting stailden, ausgeschlossen wurden. Aber auch außerhalb Galiziens ist die Schulstnbe mehrfach zum Schauplätze der Verhetzung gegen die Inden gemacht worden. So hat der katholische Religionslehrer an dem Gymnasium zu Beneschau, Dr. Kolar, in einzelueu Klassen während des Neligionslincerrichtes erklärt, es sei nachgewiesen, daß der Verräter im Generalstabe Alfred Redl ein getaufter Jude gewesen sei, der ursprünglich Redlich geheißen habe. Die Unwahrheit dieser Behauptung ist durch die „Oesterr.-Jsrael. Union" durch genaue Erhebungen festgestellt und in den öffentlichen Blättern verlambart worden. In Wahrheit stammte Redl von römisch-katholischen Eltern und ebensolchen Großeltern und die angebliche Aenderung des Familiennamens ist eine Fabel. In all den vorerwähnten Fällen hat unser Rechtsschntzbnreau bei der zuständigen Behörde, dem" Unterrichtsministerium, gegen das Vorgehen der pstichtvergessenen Jugendbildner Beschwerde erhoben und die Bestrafung resp. Verwarnung derselben verlangt. Tatsächlich wurde gegen?. Klamm, Kaniowski und Frau Jaknbiec die Disziplinaruntersnchung eingeleitet und Dr. Kolar uachdrücklichft verwarnt. In das Kapitel der Verrohung der Jugend durch den Antisemitismus gehört auch jenes sogenannte „Waidhofener Prinzip", welches die schlagenden deutschen Studentenverbindungen verpflichtet, jüdiichen Studenten keine Satisfaktion zu gewähren. Die Anwendung dieses Prinzipes und die in einer öffentlichen Versammllmg abgegebene Erklärung hat im Sommer des vorigen Jahres zu blutigen Schlägereien zwischen dentschnationalen und jüdischnationalen Studenten der Wiener Universität geführt, durch welche auch die öffentliche Meinung ans das heftigste erregt wurde. Gegenüber dieser frechen Jnsultierung nicht nur der akademischen Bürger jüdischen Glaubens, sondern auch der gesamten Judenschaft hat der akademische Senat vollständig versagt, indem er den sonderbaren Vorschlag machte, den Streit durch ein studentisches Ehrengericht zu schlichten. Dem gegenüber hat die „Oesterr.-Jsrael. Union" in einer Eingabe an den Minister des Innern Freiherr n von Hein old darauf hingewiesen, daß der Waidhofener Beschluß gesetzwidrig, gesellichafts- und staatsfeindlich sei, daß derselbe gegen das Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger und gegen das Strafgesetz verstoße, weil er einerseits zu Feindseligkeiten gegen die jüdische Religionsgenosfenschaft. resp. gegen die Inden als bürgerliche Gesellschaftsklasse anffordere und anderseits die Inden öffentlich verächtlicher Eigenschaften zeihe und dem öffentlichen Spotte anssetze. Da der Akademifche Senat das Begehren nach Auflösen aller Studentenverbindungen, welche das Waidhofener Prinzip zur Richtschnnr nehmen, mit der Begründung abtehme, daß eine solche Maßregel nicht in seine Kompetenz falle, haben wir an den Minister des Innern, als obersten Chef der Vereinsbehörde, die Aufforderung gerichtet, diese Auflösung im Sinne der bestehenden gesetzlichen Bestimmungen zrr verfügen. Der Minister- Hat dieser Aufforderung nicht entsprochen und die betreffenden Studentenvereiue fortbestehen lassen. Dagegen haben die Gerichte in mehreren Ehrenbeleidignngsklagen in unzweideutiger Weise die Feigheit und bübische Roheit festgestellt, welche darin gelegen ist, jüdische Studenten zuerst zu beleidigen und ihnen dann die geforderte Geuugtnnug zu verweigern. Diese wichtige Angelegenheit hat der fortschrittlichen Presse Anlaß gegeben, die Frage zu erörtern, wie sich der Deutsche Nationalverband zn einer derartigen Knlturschande stelle. Eine müßige Frage, wenn man bedenkr, daß der Deutsche Schulverein, an dessen Spitze ja der Obmann des Deutschen Nationalverbandes steht, in einer öffentlichen Stellenausschreibnng jüdische Lehrer durch die Forderung des Taufscheines von der Bewerbung ausgeschlossen hat, und daß mehrere Mitglieder des Nationalverbandes im Abgeordnetenhause eine Interpellation eingebracht haben, durch welche ein ungualisizierbares, direkt blasphemisches Pamphlet gegen das Judentum, in welchem die h-iligsten Traditionen und Lehrsätze desselben in der gemeinsten und albernsten Weise in den Kot gezerrt wurden, immunisiert werden sollte. Gegen diese Interpellation der Abgeordneten Teufel. Rieger, Lößl, Heine, Kroy, Kasper. Bernt, Feldmann. Dr. Michel, K. H. Wolf, Schürt, Kopp, Hummer, Dr. Wichtl und Pacher hat der Abgeordnete Kamill Kuranda durch die „Oesterreichisch- Jsraelitische Union" ein offenes Sendschreiben gerichtet, in welchem er es als einen Verrat an Glauben und Stamm bezeichnete, wenn in Zukunft einem der genannten Abgeordneten auch nur eine einzige jüdische Stimme zugewendet würde. Einzelne Herren, welche mit Hilfe jüdischer Stimmen gewählt wurden, haben daraufhin eiklärr, daß ihre Unterschrift ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen auf die Interpellation gesetzt wurde. Die Vorbereitung zum Beilis-Prozeß in Kiew und der durch vier Wochen andauernde Prozeß selbst haben selbstverständlich auch in unserem Vaterlande dem Ritualmordwahn wieder neue Nahrung zngeführt. Das Verschwinden eines bei einem Juden bediensteten Mädchens in Kolin, dessen Leiche