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Die Wahrheit · 1914-05-29 · Heft 20 (29.5.1914) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 20 (29.5.1914)
Date
1914-05-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nun ist ihnen der Kamm gewaltig geschwollen, schon denken sie, ihre im Jahre 1911 verlorenen-Hänpler wieder gewinnen zn können. Zn deutlich sprechen aber die Tatsachen dafür, daß die Moral und zwar nicht bloß die politische, unter der Herrschaft der Chnstlichsozialen viel tiefer heruntersinkt, als dies unter der liberalen Regierung geschah. Obgleich auch im allgemeinen die liberalen Machthaber keine Tugeudhelden waren, besaßen sie doch eine größere Scham. Cs war erst den Christlichsozialen Vorbehalten, sich nicht nur horrende Bezüge für die Landesmarschälle und Landesausschüsie von Nieder-Oesterreich zu votieren und die anfangs herabgesetzten Bezüge der Wiener Stadträte und der Bürgermeister wieder ans die alte Höhe zu bringen, sondern auch für alle Gemeinderäte Gratiskarten auf allen städtischen Verkehrsanstalten zn verschaffen, während Arbeiter, Lehrer und Studenten bis heute nicht einmal verbilligte Slreckenkarten erlangen konnten. Der schädliche korrupte Einstnß der Christlichsozialen reicht heute erschrecklich weil. Die Zeitungen bringen Nachrichten über Magistratsbevmte, welche den Wahlschwindel unterstützen, von hohen Polizeibeamten, die einer verheirateten Frau gegen die geltenden gesetzlichen Bestimmungen ohne Wissen und Willen ihres Gatten, einen Auslandspaß erteilen, um dadurch ein christlich-sozialen Landesausschnß gefällig zu sein. Der moralisch verderbliche Einstuß der vorgeblichen christlich-sozialen Tugendwächter auf die breite Oeffentlichkeit ist bereits soweit gediehen, daß ein Wiener Bezirksrichter in einem Urteile erklärt, der Vorwurf, ein Mann habe die Ehe gebrochen, sei nicht strafbar, weil die öffentliche Meinung die Ehebrecher n i ch t v e r a ch t e 1. Es ist demzufolge wohl zn hoffen, daß dies selbst dem gutmütigen Wiener bald zu viel fein werde und aus Attlaß der nächsten u.-ö. Landtagswahlen und vielleicht Reichsratswahlen mag wieder ein verderbliches Wahluugewitter nicht nur die Ehristlichsozialen zerschmettern, sondern auch alle ihre Wahlrompromißler. Der Wiener ist schließlich nur bis zum Uebermaße gutmütig und geduldig, aber so blind und taub ist er doch nicht, wie es die Christlichsozialen wünschen. Wenn er auch leicht - und gerne vergangene Uebeltaten vergißt, so verspürt er die bösen wirtschaftlichen Folgen der christlich-sozialen . Verwaltung und Vertretung zu schmerzlich, um den gewissenlosen Wortbrechern, Uebervorteilern und Bentemachern auf die Dauer den Trottel äbzngebeu. Im Jahre 1911 legte die Wiener Börgerschaft ein glänzendes Probestückchen davon ab, daß sie sich nicht von Lebensmittelverteuerern, persönlichen Strebern, gelben Arbeiterorgauisatoreu und den volksfremden Hochadel vertreten lassen will, seither haben sich aber die Christlichfozialen nicht gebessert. Ihre Serbenfeindschaft und verräterische agrarische Allianz mit den „judäomagyarischen" Agrariern verursacht die industrielle und Handelsstockung in Oesterreich und macht die schwere wirtschaftliche Depression zu einer dauernden Kalamität. Der Uebermnr aber, mit dem die Beamten und die Lehrerschaft im Reichsrate und Landtage in den letzten . zwei Jahren behandelt und geschädigt wurde, ferner die nngefchwächte Fortdauer der Notlage, in welcher sich alle schwerarbeitenden Kleinbürger und Arbeiter nach wie vor besinden, können die Christlichsozialen, welche dem „kleinen Mann" goldene Berge versprochen hatten, wohl auch keine politischen Rosen tragen. Den Lehrern will die christlichsoziale Partei nun den Millionenertrag des „kleinen Finanzgesetzes" für das Jahr. 1914 einfach rauben, trotzdem sie feierlich erklärt hatte, diese Steuererfolge benötige sie für Schule und Lehrerschaft. Die junge Lehrerschaft und die weiblichen Lehrpersonen, die kein Wahlrecht besitzen, sollen weiter verkürzt bleiben und für die Letzteren soll auch das Zölibat weiter gelten: Es ist zn wünschen und zu hoffen, die Wiener Bürgerschaft werde wieder die Kraft aufbringen, die christlich-sozialen Schädiger, .Entrechter und Rechtsverhöhner von sich abzuschütteln und damit nicht allein eine wirtschaftliche Gesundung der Massen, sondern auch die Tilgung der tiefen moralischen Schmach eiuznleiten, in die sie von den Ehristlichsozialen gestoßen wurde. R. L. Oesterreichisch-Israeiitische Union. Am 19. Mai fand im Saale des Hotel Ginh die diesjährige ordentliche Generalversammlung der „Oesterreichisch- Israelitischen Union" statt. Präsident Dr. I. Sam ne ly hieß die Anwesenden herzlich willkommen und fuhr sodann fort: „Es ist uns ein Herzensbedürfnis bei diesem solennen Anlasse unseres geliebcen Monarchen zn gedenken (die Versammlung erhebt sich), der soeben auf dem Wege der Wiedergenesnng von schwerer Krankheit ist. Wir hegen den innigen Wunsch,' daß unser erhabener Kaiser in kürzester Frist seine volle Gesundheit wiedererlange. Dieser Wunsch entspringt nicht nur unserem treuen patriotischen und dynastischen Empfinden, sondern auch der innigen Dankbarkeit, die wir dem Kaiser schulden. Er ist der Träger des Friedensgedankens, er ist der Schirmherr der nationalen und konfessionellen .Gleichberechtigung, der Lpender der Verfassung, ans welcher unsere staalsbürgerlichen Rechte beruhen. Möge uns Kaiser Franz Josef noch auf Jahre hinaus erhalten bleiben zum Wohle des Staates und zum Segen für uns Alle. (Lebhafte allgemeine Zustimmung.) Der Präsident erteilt nunmehr dem Sekretär, Herrn Siegfried Fleischer, das Wort zn nachstehendem Rechenschaftsbericht : Geehrte Generalversammlung! Das charakteristische Merkmal des abgelaufeuen Jahres war die tiefe Verdrossenheit, welche sich der getunten Bevölkerung gegenüber allen und jeglichen politischen Vorkommnissen bemächtigt hat. Verursacht wurde diese Verdrossenheit einerseits durch die schwere wirtschaftliche Krise, welche infolge des Balkankrieges auf Handel und Wandel in Oesterreich lastete, anderseits durch das einem völligen Bankerott gleichkommende absolute Versagen des parlamentarischen Apparates und der daraus resultierenden Ohnmacht aller politischen Parteien. Dieser Abstumpfung und Verstattung ist in erheblichem Maße auch die jüdische Wählerschaft verfallen, und die Entmutigung greift um so tiefer, 'je größer die Enttänschnng ist, welche auf die freiheitlichen Wahlsiege des Jahres 1911 folgte.- Statt den vernichtenden Schlag, der vor drei Jahren die christlichsozialen Vertreter fast ans allen Wiener Reichsratswahlkreisen hinwegfegte, energisch anszn» nützen« und sich zn einer einheitlichen, intellektuell und agitatorisch kraftvollen Partei zusammenzuschließeu, haben die einzelnen freiheitlichen Gruppen Wiens ihre Aufgabe darin erblickt, einander gegenseitig zn befehden und so den Christlichsozialen Zeit und Gelegenheit geboten, sich von neuem zn alliieren. Man darf ruhig behaupten, daß die wledergewonnene Macht der Christlichsozialen weniger aus der eigenen Stärke, als auf der Schwäche ihrer Gegner und auf den Mangel einer Partei beruht, die fähig wäre, an ihre Stelle zu treten. Und mit aufrichtiger Betrübnis müssen wir es aussprechen, daß eine Besserung dieses morastischen Zustandes in absehbarer Zeit nicht zn erwarten ist, trotz der in letzter Zeit neuerdings unternommenen Versuche, die bisher auseinanderstrebenden Elemente des Wiener Freisinnes zn einigen. Und wenn die Machthaber des Wiener Rathauses in der ersten Verblüffung nach erlittener Niederlage die Judenhetze mit geringerem Eifer betrieben, so erinnerten sie sich doch sehr bald wieder daran, daß diese Hetze das Fundament ihres Aufstieges war, und der antisemitische Weizen steht nnn wieder in voller Blüte. Mit demselben bewährten Mittel suchen die Deutschradikalen in den Sudeten- und Alpenländern ihre durch die Unfruchtbarkeit der parlamentarischen Taktik erschütterte Stellung zu festigen. Das Scheitern des böhmischen Altsgleiches, die weitere Znrückdrängung des deutschen Einstnsses, die tatsächliche Sistierung der Verfassung hat wieder einmal nicht

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