Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 20 (29.5.1914)
- Date
- 1914-05-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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lifbafttou imb »lbministratioii: Wie«, ll Nvvaragasse *27 Xclebbou: Redaktion 5509/1V. Unabhängige Aertfchnft für jüöische lüH’luiHH've’*: .K IV — $iilb|iibri|i. KT.— Hbmimftrattoit 4938 11. *. k. äftetr. Nosllvarkaffa. 6$ccC«ftomo Nr. 100.918. Interessen. Ala. SViiUnSbriiiHte: InlvratL: Dlviermal geivalleiie Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Areitag. ftiu AnSliuid: ridouu-meitt«. »üb Znierlionr. lU.iiMtaaii».» »IHurr . derräge nnb in Wie» zahlbar »üb klagbar. Molto: „Das Siegel üottes ist Wahrheit'.** K iUubfl ober lll Frc» M. 30, Wie«. SS Mai Inhalt: Moralischer und wirtschaftlicher Niedergang der Gesellschaft unter christlichsozialer Leitung. — Oesterreichisch - Israelitische Un>on. — Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchen- und Arbeiterinnenheim. — Ghetto-Polirik im deutschen Heere. — Berschiedene Nachrichten. — Literatur. — Austritte. Moralischer nud wirtschaftlicher Niedergang der Gesellschaft unter christlich-sozialer Keitnng. Die Begründer der christlichsozialen Partei gaben bekanntlich vor, die Gesellschaft müsse sich christlich-sozial organisieren, um sich ans der Gewalt der „juden-liberalen" Uebergriffe retten zu können. Als der christlichsoziale Führer nicht mehr liberal war, trat er als „antikorrnpnonistischer^ Demokrat auf und bekämpfte als solcher die übermütig gewordene liberale Partei, bis er den größten Teil der Demokraten ins christlich-soziale Lager führte. Er bekämpfte und verdächtigte bekanntlich alle Staats-, Landes- und Gemeiudewürdenträger, die privaten Vereinigungen Konzessionen für den Eisenbahnbetrieb, für die anderen großstädtischen Verkehrsanstalten oder für die Gasbeleuchtung gewährt oder solche Verträge prolongiert halten. . Durch Versprechungen, solche gemeinnützige Anstalten eben gemeinnützig zu gestalten, dieselben zu verbessern und zu verbilligen und die rechtlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse der zahlreichen Bediensteten dann gründlich verbessern zu wollen, gelang es dann den Christlichsozialen Wiens, die Verwaltung der Residenz und des Landes an sich zu reißen, ungeheure Anlehen anfznnehmen und den gesamten Straßenbahn- und Stellwagenverkehr Wiens, sowie die gesamte Gasbeleuchtung und den größten Teil der elektrischen Beleuchtung zu v e r st a d tl i ch e n. Die versprochenen christlich-sozialen Aendernngen blieben aber nun aus. Die christlich-sozialen Verwalter trachteten jetzt keineswegs, den Erfolg ihrer großartigen Verstadtlichungen für die Bev ö l k e r n ti g ge m e i n n ü tzi g zu machen, sondern sie vergaßen alle ihre Versprechungen und erblickten in den verlangten städtischen Unternehmungen ausschließlich nur lukrative Geschäfte. Anstatt zu verbilligen, verteuerten sie nun die Benützung der Verkehrsanstalten und die Gaspreise, ja sie verhinderten in den Vororten sogar die englische Gasgesellschaft an der Verbilligung. Für die Angestellten trat nun aber eine noch nie dagewesene Aera der Entrechtung ein, ohne daß ihre wirtschaftlichen Verhältnisse der anftretenden furchtbaren Teuerung gemäß verbessert worden wären. Obgleich die Christlichsozialen schon im Jahre 1895 im Wiener Gemeinderate die Majorität faktisch bereits erlangt hatten, ließen sie sich doch noch 10 Jahre Zeit, die erste Lehrergehaltsregnliernng durchzuführen. Die parteitendenziöse Art, wie sie dieselbe durchführten, bildet ein wahrhaft skandalöses Denkmal christlich-sozialer Willkür: alle nicht christlicbsvzialen Lehrpersonen wurden präteriert, die junge Lehrerschaft und die Lehrerinnen in den Dienstbezügeu zurückgesetzt und den letzteren das Cölibat ausgehalst. Dr. Lneger erkrankte und trotzdem er für seine Person seine Stellung keineswegs finanziell mißbrauchte, war er doch nicht imstande, den sehr lebhaften unreellen Geldhnnger und die Protektionswirtschast seiner Leute zu hindern. Noch bei Lebzeiten Luegers erfuhr die Oesfentlichkeit ans der Mitte der christlich-sozialen Partei von schweren Mißbräuchen der Machtstellung und der Stadlrat Hraba lüftete die Decke gründlich von dem christlich-sozialen Götzen „Nimm". Nach dem im März 1910 erfolgten Tode Dr. Luegers verschmähte bekanntlich sein Schützling, der gegenwärtige Bürgermeister Dr. Weißkirchner, die goldene Kette des Wiener Bürgermeisters und die Christlichsozialen waren gezwungen, eine geistige und moralische Null, den Dr. Neumayer auf den Bürgermeisterstuhl als Platzhalter zu setzen. Die kleineren Epigonen Dr. Luegers taten sich nun im Belange der ungenierten Ansnützung ihrer Macht keinen Zwang an und infolgedessen ging in Wien im Jahre 1911, trotzdem die Christlichsozialen den ganzen Wahlapparat in der Hand hatten und Unerhörtes im Wahlschwindel leisteten, ein prasselndes Wahlungewitter über die Christlichsozialen nieder, das ihnen die Köpfe abschlug. Die Christlichsozialen mochten diese Gefahr wohl früher schon geahnt haben, denn sonst würden sie sich wohl im Jahre 1910 nicht beeilt haben, für die Wiener nnd n.-ö. Lehrpersonen eine finanziell etwas bessere Geyaltsregulierung durchzuführen. Für die n.-ö. Landesbeamten nnd die Wiener Magistratsbeamten wurde aber ungleich besser vorgesorgt. Die Entrechtung der Lehrpersonen wurde jedoch gelegentlich der ungezogenen Lehrergehaltsregnliernng in nie dagewesener Weise durchgeführt, so daß seitdem die Lehrerschaft tatsächlich mit gebundenen Händen der Willkür dieser Partei, welche in allen Schulbehörden die Majorität besitzt, ansgeliesert erscheint. Es ist daher nicht wunderlich, daß die Lehrerschaft im Jahre 1911 zur Rettung der christlich-sozialen Häupter nichts beigelragen haben. Die christlich-sozialen Machthaber einigten sich aber wieder, vergrößerten seither anläßlich der Reichsrats-Ergänznngswahlen und der Wiener Gemeinderatsnnd Bezirksralswahlen ihren Wahlfond und ihren Wahlschwindel nnd ergatterten im Jahre 1912, 1913 und 1914 Wahlerfolge.