Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 19 (22.5.1914)
- Date
- 1914-05-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Die Wahrheit Diebstähle und lluterschlagungeu. UebervorteillNlgen und Schmiergelderempsang zum Nachteil des Staates in Summen bis zu zehnfachen Millionen an einer einzigen Ober- oder Unterstelle wurden anfgedeckt und ihre Ahndung in täglich sich erneuernden, fpaltenlangen Prozeßberichten dem Zeitungsleser bis zur Uebersätligung dargebracht. Hente war's ein kleiner „Tichmowuik", der bei 50 Rubel Monatsgehalt über den Erwerb einer prunkhaft eingerichteten Vorstadtvilla ins Gebet genommen wurde; morgen ein hoher Truppenbefehlshaber, der sich über den Verbleib unverrechnet gebliebener Millionen oder über die Anichaffnngskosten dcs fürstlichen Jnwelengeschmeides seiner Mailresse ausweisen sollte." Und die Wirkung dieses in Aussicht gestellten und teilweise auch durchgeführten Strafgerichts? Hören wir weiter den Gewährsmann der „T, R.": „Die Bestechlichkeit hat um nichts abgenonunen — wphl aber ist sie teurer getvorden! Die Trinkgeldempsänger sind vorsichtiger, umgeben sich statt wie früher mit einem „Wandschirm", mit deren drei; die alle gut getränkt sein wollen. Zudem sind die mit schwerem Gelde Erkauften unzuverlässiger, als ehemals. Sonst begaunerten sie „nur" den Staat. Jetzt betrügen sie überdies noch die eigenen Verbündeten. Sie versprechen dir heute ihre „Protektion" gegen Zusicherung von 10 v. H. Gewinnbeteiligung oder Empfang von 100 Aktien deines Unternehmens, um sich morgen, unter Verrat deiner Interessen, dem Konkurrenten ansznliefern, der 15 v. H. oder 200 Aktien auslobt. Und der Kreis dieser Ehrenmänner in goldgestickten Kragen des Stantsfracks oder der ordenbesäten Uniforrnen reicht immer weiter hinauf: bis zu phantastischer Höhe. Da sitzt an sehr verantwortlicher Stelle ein älterer, schmächtiger Herr, den nur noch eine Stufe von der Leitung einer großen Verwaltung trennt, deren Obhut ein mächtiges Stück des Staatswohls anvertraut ist. Die äußerst geschäftstüchtige Exzellenz hat in der Dienstlaufbahn, namentlich der letzten Jahre, nicht eine, sondern eine Vielheit von Millionen vor sich gebracht. Dieser Tage entstand — wie viel erzählt wird — zwischen dem exzellenten Herrn und seinem Chef ein nach normalen Begriffen über das Dienstverhältnis des Untergebenen zum Vorgesetzten geradezu grotesker Konflikt. Der Chef beschied seinen nächsten Mitarbeiter zur Besprechung zu sich. Der Berufene grollte aber eben aus gleichviel welchem Grunde dem Oberen und schickte deshalb die Mittelsperson mit durchaus ungehöriger Verneinung zurück. Der Entsandte war taktvoll genug, diese Botschaft in die Form zu kleiden: „Ekzellenz lassen sich entschuldigen; können krankheitshalber nicht erscheinen!" Hierauf zweite Entsendung; mit dem Schriftbefehl, die vorübergehende Vertretung des Chefs 'für die Dauer einer kurzen 'Behinderung zu übernehmen. Abermalige Verneinung; man sei krank. Der Chef, sehr erbost, will sich persönlich von dem Zustand des „"Kranken" überzeugen. Der Sendling beugt abermals der befürchteten Katastrophe vor und . .. auf seine Verständigung begibt sich die „kleine" Exzellenz zu Bett. Sagt aber schließlich auf gutes Zureden die Uebernahrne der Stellvertretung zu und . . . fährt eine Stunde später wohlgemut in den Klub! — Das alles und noch viel mehr kann sich eine „gesättigte" Exzellenz im heiligen Rußland erlauben. Eine ekle Farce war auch das Gerichtsverfahren gegen den ehmaligen Generalgewaltigen von Moskau, den Polizeipräsidenten und General a la suite Sr. Majestät, Reinbott, gegen den sich, wie bekannt, ein ganzes Sündenregister von Bestechungen, Veruntreuungen, Beschützung von Freudenhäusern und Spielhöllen angehäust hatte. Dieser Mann, der zum Verlust der Ehrenrechte und zw mehrjährigem Gefängnis verurteilt worden war, hat seine Strafe nie angetreten. Er erfreut sich trotz Nr 19 Gerichtsurteil bis freute’ alter bürgerlichen Ehrenrechte und darf anstatt des düsteren Gefängnisses seine prächtige Moskauer Villa ruhig bewohnen. Jetzt ist er sogar. Wie ein zarischer ftkas kundtut, als General wieder in den aktiven Militärdienst ausgenommen worden, und soll demnächst zum Generalgiouverneur ernannt werden, als des Zaren Statthalter nach Sibirien gehen. Er wird, in einem Länderstrich, zweimal so groß wie das ganze Deutsche Reich, wie die „T. R." sarkastisch hinzufügt, russische Amtsmoral sorgsamst pflanzen. Eine niedliche Geschichte weiß der Petersburger Korrespondent der „Köln. Ztg." von dem Gouverneur von Tula zu erzählen: „Herr Lopuchin, so heißt der König von Tula, brauchte neue Möbel. Das erste Möbelgeschäft der Stadt hatte Herr Jsaaksohn, dem denn auch der ehrenvolle Auftrag zuteil wurde, .seiner Exzellenz Tische, Stühle, Betten und Kommoden zu liefern. Jsaaksohn wußte diese Ehre zwar durchaus zu würdigen, aber er schätzte den Mammon noch höher als die Ehre. Und eines Tages raffte er sich zu der großen Tat auf und. schickte dem Gouverneur eine Rechnung. Die Quittung kam umgehend. Der Jude Jsaaksohn wurde aus Tula' ausgewiesen, da er als Jude dort kein Wohnrecht hatte. Isaak liebte seine Zechinen mehr als die Ehre und den Glauben seiner Väter, er ließ sich taufen und kehrte als lutherischer Christ in seinen Möbelläden zurück. Er hatte aber nicht an den verstärkten Schutz gedacht, der dem Gouverneur das Recht gibt, jede verdächtige Persönlichkeit auszuweisen, Nach vierundzwanzig .Stunden war der neugebackene Christ wieder außerhalb des Bereichs seines mächtigen Schuldners. Doch Isaak war zäh, er beschwerte sich beim Ministerium, eine Revision aus Petersburg erschien im Dezember in Tula, und jetzt weiß jedermann von. dem wieder nach Tula zugelassenen Möbelhändler, daß der Herr Gouverneur von dem Wirklichen Geheimen Rate der Amtsüberschreitung schuldig befunden worden ist." Das war eine vergleichsweise harmlose Brandschatzung der Bevölkerung, die ja von jeher zu den bewährten Regierungsmarimen der Provinzpaschas gehört, und die Regierung gab stillschweigend dazu ihren Segen. Zuvor galt schon in dem moskowirifchen Rußland der Grundsatz, möglichst oft die Woiwoden zu versetzen, damit sie fick nicht allzu herrisch einrichteten und keine Vermögen erwürben. Jeder neue Woiwode hatte bei seiner Ankunft der Bevölkerung eine 'Antrittsrede zu halten, die für alle von der Regierung gleichmäßig vorgeschrieben war und lautete: „Der vorige Woiwode hat euch geplündert, gequält und vergewaltigt, jetzt aber hat 'der Zar euch gnädigst einen neuen Woiwoden geschickt." Der nächste aber verlas dieselbe Rede. (Fvrrietzung lolgr) Generalverjammirmg des Hietziuger Frmlenvereines;nm Schutze armer, verlassener Kinder. Am 11'. d. M. fand in den Räumen des Restaurants Tonello die diesjährige Generalversammlung des Hietzinger Frauenvereines statt, die einen ungemein guten Besuch auswies. Welches Ansehen und Würdigung dieser Verein genießt, geht daraus hervor/ daß die rührige Präsiden.tin Frau Dr. Laura Srenberger in ihrer Ansprache begrüßen konnte: Sr Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. Tag licht, in Vertretung der israelitischen Kultusgemeinde Herrn Vorsteher M a x Z i r n e r, Herrn Kultusvorsteher Emanuel G r ü n w a l d, Frau Sofie G r ü nf e l d, Sofie Q u i t t n e r, Jenny F r a n k, und Frau Dr, Zins vom Verein Ferienheim, Frau Emmh Fisch ler- . Landeis und Direktor Heinrich F i s ch l er Dom Aus-