Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 19 (22.5.1914)
- Date
- 1914-05-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 7 speisungsverein für den 12.—15. Bezirk, Frau Hermine Kadisch vom israelitischen Volksküchenverein, Frau Amalia und Frau Johanna Beck sowie Herrn Adolf Beck in Vertretung des Frauenvereines sim 8. Bezirk und des Vereines „Philanthropia", Herr und Frau kais. Rat Dr. S. Krüger für das Kaiserin Elisabeth'Lehrmädchenheim, Frau Dr. -Phyla Drucker, Berger, Wein e r und K i r a l y für den Verein „Zukunft", Frau Direktor Regine Ullmann und eine große Anzahl Damen der „Weiblichen Fürsorge", Herr Professor St eis für den Verein „Treubnnd", Frau Kopstein und Frau Clothilde Benedikt für den „Frauenhort"- Frl. Hedwig Wolf für den Frauenverein I. Ferner HerrnD-.M. L ö w y von der Zentralstelle für das jüd. Armeuwesen, Herrn Amlsleiter Kraus und Offizial Le mb erg er vom Wohltätigkeitsamte der israelitischen Kultusgemeinde; sowie Herrn Dr. Löwensohn und Inspektor Oehler. Entschuldigt haben ihr Fernbleiben: Frau Baronin Charlotte Königs wart er und Herr kais. Rat Dr. Theodor Lieben, Frau Heller und Frau Birmann erstatteten den Rechenschaftsbericht, aus welchem zu ersehen ist, daß der Verein derzeit 285 Pfleglinge der israelitischen Kultusgemeinde in seinem Schutze hat und daß die direkten Ausgaben des Vereines 'für diese Schützlinge nebst den Verpflegskosten 9438 Kronen betragen; Frau Gisela Z irrt er-Z wieback berichtete über ihr, dem Vereine angegliedertes „Ludwig Zwieback-Kinderheim" in Purkersdorf, welches sie zum Andenken an ihren seligen Vater gegründet und in dem sich heute 18 Zöglinge befinden, Herr Dr. Löwensohn berichtet sodann in ausführlicher Weise über der: Gesundheitszustand der Schützlinge. lieber Antrag der Frau Bernfeld beschließt die Generalversammlung, einen Baufond zur Errichtung eines großen Heimes für verlassene Kinder zu schaffen. Herr Kultusvorsteher Max Zirner überbrachte die Grüße des Kültusvorstandes und versicherte die Vereinsleitung des weiteren Wohlwollens durch den Vorstand der Kultusgemeinde. Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Täglich.t feierte in ausgezeichneter Ausführung nicht nur die Tätigkeit des Hietzinger Frauenvereines, sondern alle jene Damen, die sich in so selbstloser Weise in den Dienst der Humanität gestellt haben. Hierauf erstattete Frau Direktor llllmann ein eingehendes Referat über „Weibliche Fürsorge". Lauter Beifall begrüßte die bescheidene Jubilarin der Vorwoche, gleichsam als verspätete' Gratulation, Nach den trefflichen Ausführungen der Referentin entspann sich eine Debatte, an welcher sich insbesonders die Herren kais. Rat K r ü g e r, Vorsteher Z i r n e r, Dr. L ö w y und Frau Sofie Grünfeld beteiligten. Herr Amtsleiter Rudolf Kraus gab sodann 'Erläuterungen zu der dem Jahresberichte angeschlosfenen Statistik der verlassenen Kinder. Fast erst um Mitternacht schloß die Vorsitzende diese so animierte Versammlung. M. U. Kalouimos den Kalonimos. Ein hervorragender Dichter des 13. Jahrhnnderis. Kalonimos b. Kalonimos b. Meir, geboren in Arles in der Provence (1287—1337), hatte sich nicht nur als bedenkender Gelehrter, als rationeller Arzt und begabter Dichter, sondern auch als vorzüglicher Uebersetzer arabischer wissenschaftlicher Schriften in's Hebräische ausgezeichnet. Infolge seiner gut umfassenden Gelehrsamkeit und vortrefflichen Geistesgaben lenkte er die Aufmerksamkeit des Königs Robertvon Neapel — während der Zeit als dieser sich in Südfrankreich aufhielt — ans sich, so daß er ihn in seine Dienste nahm. Kalonimos wurde vom Könige mit Empfehlungen versehen und reiste somit nach Nom, wo er im. Aufträge seines, königlichen Protektors an Übersetzungen arabischer Werke fleißig arbeitete. Er war aber nicht nur ein vorzüglicher Uebersetzer, sondern auch Verfasser selbständiger philosophischer und poetischer Schriften, die sich allgememen Beifalls erfreuten. In diesen Schriften war er bemüht, seinen Glaubensgenossen einznschärfen, Moral und Sittlichkeit, Charakterfestigkeit und Wahrheitsliebe als hochznschätzende Tugenden zu betrachten und heilig zu halten, „weil deren Verkennung und Vernachläßignng die Menschen zu allerlei Verkehrtheiten und gegenseitigen Schaden führe." Besonders verstand Kalonimos die Schäden, Mängel und Gebrechen der Zeit in satyrischer Weise zu geißeln. Im Jahre 1322 verfaßte er sein bekanntes Werk „Ewen Bochen" „Stein der Prüfung", in welchem er seinen Glaubensgenossen einen Spiegel vorhielt, der ihnen ihre Verkehrtheiten und Thorheilen veranschaulichte. Einige, die Charlatane, Heuchler und Frömmler charakterisierende Verse, nach einer poek. Ueberrragnug von S. (im W. Jahrb. 1864) mögen hier angeführt werden: „Sei lieber weise als gelehrt — dann bleibst langer du geehrt. -— Mit Gelehrsamkeit ist nicht gut brüsten — es könnte jemanden gelüsten — zu fragen was du stndirt — und du wärst dann blamirt. —- Die Weisheit schützt vor diesem Unheil — und ist zu dem gar so wohlfeil. — Schweige, lächle, runzle die Stirne — und Tiefsinn wohnt dir im Gehirne — so pre ist von dirljeder fem — und deine Freunde helfen gerne drein. Und hast dn nicht einmal Weisheitsfchminke — so gebe ich dir noch andere Winke — wie dn gelangen kannst zn Ehren — ohne Tugend und ohne Lehren. — Was mit Firnis dich überzieht — und jedem Prüfstein dich entzieht — sind einzig die heil'gen Werke — verrichtet ohne Seelenstärke. — Vor allem fluch auf die fündige Welt — die sich dir nicht gleich gesellt. — Verfluch die Mütter und Kindlein — um das kleinste harmlos Sündlein;— dn aber hüll' dich in dem Bitttalnr — der dich bedeckt bis zn des Bartes Haar. — Die Pahilakterien auf deiner Stirne — seien gleich der größten Birne. — Trachte, daß die Schaufäden sich aus den Falten drängen — und von ungefähr herunterhängen. — Deines Hauses Pforte sei geweiht — vom Denkzettel lang und breit — und wenn dn betest, mußt dn poltern — und alle Ohren ringsum foltern — um jedes Stückchen Litanei — erhebe Kampf und Zeterschrei. — Bist du garnichts, so sei heilig — man wird es leicht, so tu' es eilig. — Die Heiligkeit wird gar bald zeitig — wer kann sie je dir machen streitig — Die Angen mir mußt dn verdrehen — ins Herz kann Gott allein nur sehen — Solcher Fromme gibt es viele — alle kommen auch znm Ziele — ohne Herz und ohne Kopf — jeder Wicht und jeder Tropf — findet leicht zum Ziel den Weg — es ist ein oft betrel'ner Steg. — Wer nur so heilig und weise —vollbringt die Lebensweise — der las ein Buch wohl nie — sonst wär' er Universalgenie; — denn das Genie ist bei nns epidemisch — fragt nicht erst, ob akademisch — der Mann ist, den'» ergreift— und durch Wissens Reiche schleift. — Kennt jemand gut seine Fibel — gleich commentirt er die Bibel — nnd kennt er erst das Einmaleins — dann entgeht ihm der Sandkörnlein keins. — Er weiß wieviel Tropfen im Meer — wieviel Siernlein obenher. — Und weiß er wieviel, Spanne Hab' die Elle — so mißt er schon Himmel und Hölle. Kaum weiß er, daß trocken sei nicht naß — hört er wachsen schon das Gras. — Er studiert Kabbalah, Astrologie -— Talmud und Philologie. — Er dringt in jedes Wissen — keines kann er wissen —Zn jeder Tages Stunde — holt er von anderem Kunde — und in den Stunden der Nacht — hat neue Schöpfung er vollbracht. — Die Natur erforscht er noch nebenbei in kurzer Frist — in der Dämmerung, da weder Tag noch Nacht ist. — Um fein Wissen zu beweisen — tadelt er vornehm die Weisen — Bücher, die er nie begreift — er herunter zerrt nnd schleift — über große Werke kann er die Nase rümpfen — Meister weiß er unverschämt zu schimpfen — Das sieht dann das Volk und bewundert — die Knabengeister in diesem Jahrhundert." n, f. w. Wahrlich wenn man Kalonimos' Schrift Ewen Bocken, jetzt liest, fühlt man sich veranlaßt mit Kohelet ausznrufen: