Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 19 (22.5.1914)
- Date
- 1914-05-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063725-3063744--09048-3076266- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Wahrbeil Seite 5. Nr. 19. Weise würden die Befürchtungen, die in diesem Lager bestehen, wohl am ehesten beseitigt werden können. Mit der Frage, ob in dem künftigen Entwurf auch diejenigen Kriterien berücksichtigt werden würden, die in der Ministerialentschließung vom '29. Juni 1863 für die israelitischen Kultnsgemeinden gelten, werden wir uns überhaupt nicht zu beschäftigen haben. Das gehört in das Gesetz nicht hinein. Das Gesetz wird sich in der Hauptsache mit solchen Angelegenheiten zu beschäftigen haben, wie sie den Gegenstand der Kirchengemeindeordnung und des protestantischen Landeskirchenstenergesetzes bilden. Hier handelt essich um eine notwendige Voraussetzung, die eben vorhanden sein muß, wenn eine israelitische Knltnsgemeinde ins Leben treten soll. Es gehört das ja mehr den Aufnahmebedingungen an, die durch den künftigen Entwurf nicht berührt werden sollen. Im übrigen glaube ich, auf Einzelheiten heute nicht weiter eingehen zu sollen. In dieser Richiung habe ich mir ja die Grundlagen, auf denen ich mir den Entwurf eines künftigen Jndenedikts, wie ich es vorerst noch nennen will, im allgemeinen denke, im Ausschuß in allgemeinen Zügen gekennzeichnet. Ich kann nur das eine wiederholen: die Staatsregierung ist bei ihrer Arbeit vor allem auf die Mitwirkung aus den Kreisen der Judenheit, und zwar ans allen Lagern angewiesen; denn sie ist bestrebt, wenn sie dem Landtag einen Entwurf unterbreitet, damit eine Arbeit zu tun, die dann auch in den nächstbeteiligten Kreisen der Judenheit selbst Zustimmung findet und nicht zu einem neuen Zankapfel wird." * # * Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens versendet folgende Erklärung zur Waudervogelfrage: „Wir verurteilen die auf dem Frankfurter Bundestag von der Bnndesleitnng abgegebene Erklärung wegen ihrer inneren Unwahrhaftigkeit auf das schärfste. Trotzdem halten wir vorderhand ein nnterschiedloses allgemeines Anstreteu aller Inden aus den neutralen Wandervogel-Vereinen zur Zeit nicht für geboten, vielmehr muß jetzt, nachdem die Bundesleitung eme durchaus unbefriedigende Stellung eingenommen hat, der Kampf in den einzelnen Gauen und Ortsgruppen zum endgültigen Austrag gebracht und eine klare Stellungnahme jeder einzelnen Ortsgruppe herbeigeführt werden; dies kann nur geschehen, solange noch Juden in diesen Gruppen und Ganen mittätig sind und an der Klärung ein Interesse haben. Dort, wo mit Rücksicht auf das Gebahren der einzelnen Ortsgruppen ein Ausscheiden der Juden noch notwendig wird, sind die vorhandenen neutralen jüdischen Jngendvereine in ihren Wanderriegen zu unterstützen. Nationaljüdische Wanderbunde befürworten wir nicht!" Vor kurzem feierte der berühmte Politiker, gewesener Finanzminister Luigi Lnzzatti mit feiner Gemahlin Signora Amelia Levy das Fest der goldenen Hochzeit. Das Fest fand in Venedig statt und die dortige Zeitung „Jl Veneto" hat ans diesem Anlasse eine Anzahl interessanter Photographien des Jubelpaares sowie der Eltern des Luigi Lnzzatti, der Brüder desselben, David nnd Josef, . welche seinerzeit der Trauung des heutigen Jubelpaares im Jahre 1884 assistierten, gebracht. Von diesen Verwandten hat die Mutter der Frau Lnzzati, Frau Adele Lewy Della Vida, eine neunzigjährige Matrone, welche in Rom ihr Domizil hat, teilgenommen. Frau Adele Lewy steht wegen ihrer außerordentlichen Wohltätigkeit in allen Gesellschaftskreisen in höchstem Ansehen, und es wird ihr besonders hoch angerechnet, daß die erste Fröbelsche Kinderschule, verbunden mit einem Tagesheim, von Fran AdeleLevy Della Vida ans eigene Kosten errichtet wurde und auch heute noch erhalten wird. Dem Jubelpaare Lnzzatti kamen, wie nicht anders zu erwarten war, aus Anlaß ihres Jubelfestes sowohl aus allen Teilen Italiens, als auch ans allen Weltteilen taufende von .Glückwunschtelegrammen zu. Knltnrbilder ans dem Dorado des Antisemitismus. Unsere deutschen. Antisemiten hängen mit derselben schwärmerischen Liebe an Rußland, wie seinerzeit die kleine aber einflußreiche „Krenz-Ztg."-Clique, die in dem absolutistischen Staate des weißen Zaren den „Hort der konservativen Interessen Europas" erblickte. Wie dieser „Kulturstaat" seine „fremdstämmigen" Untertanen, insbesondere die Inden, behandelt, dünkt ihnen als der Inbegriff staalsmänniicher Weisheit und völkischer Zielklarhen. Die grauenhafte Korruption im Innern dieses halbbarbarischen Staates, in welchem von der nächsten Umgebung des Zaren, von seinen eigenen Blutsverwandten an bis zum niedrigsten Polizeibüttel, alles am Mark der Bevölkerung zehrt, wird entweder mit dem Mantel der christlichen Liebe zngedcckt oder — was noch einfacher, bequemer und überzeugender ist — den Inden zur Last gelegt. Den Juden, die — mit Ausnahme des winzigen Häufleins der Akademiker und der Kauflenle erster Gilde — sich aus den „Rayons" nicht hervorwagen dürfen und vor jedem Stirnrnnzeln des kleinsten Tschinownik, dessen erpresserische Gelüste nicht voll befriedigt sind, erzittern müssen. Es dürfte daher nicht unangebracht erscheinen, von Zeit zu Zeit einmal einige Kulturbilder aus diesem antisemitischen Jdealstaate der breiten Oeffentlichkeit in Deutschland vorznfüh'.en — zur Charakteristik sowohl der verrotteten Zustände in Rußland, wie ihrer „völkischen" Lobredner in Deutschland. Damit uns niemand der Parteilichkeit zeihe, und um von vornherein dem Einwand zu begegnen, daß wir durch die „jüdische Brille" sehen, seien hier nur Beobachtungen und Schilderungen von Männern wiedergegeben, deren arische Abstammung uiibezweifelt ist und die als Publizisten und Korrespondenten konservativer und anderer rechtsstehenden Blätter aus ihrer Abneigung gegen das Judentum niemals ein Hehl gemacht haben. Wir entnehmen dieses interessante Material der Ausland-Rundschau des Prof. Schiemann in der „Krenz-Ztg.". den Berichten des Petersburger Korrespondenten der „Tägl. Rundschau", Max Th. S. Behrmann, der trotz seiner völkischen Ohren vielleicht etwas verdächtig klingenden Namens mit dem Judentum auch, was rassische Herkunft anlangt, in keinerlei Beziehungen steht, sondern im Gegenteil ein großer Judenfresser vor dem Herrn ist, und anderen Quellen, die wir regelmäßig angebeu. Zunächst einiges über die entsetzliche Korruption des russischen Beamtenkörpers : Der Sohn des bekannten reaktionären Reichsrats Stürmer, der während der Revolutionsepoche in den Hofkreisen gegen die Reichsdnma agitierte, ist vom Gouverneur von Kursk, wo er seit fünf Monaten in der Regiernngskanzlei tätig war, wegen Bestechlichkeit und Erpressung an Juden aus dem Dienst entlassen worden. Als ein Nest unglaublicher Korruption hat sich, wie der „Krenz-Ztg." ans Petersburg gemeldet wird, nach einer unvermutet vorgenommenen Revision die dortige Ochrana herausgestellt. Die Beamten haben ihre Macht nur dazu gebraucht, Erpressungen zu verüben und Schmiergelder zu erhalten. 238 Schutzleute der Ochrana wurden ans dem Dienst entlassen. Eine große Anzahl anderer Beamter wird auf dem Verwaltungswege bestraft werden. — Oder anch nicht, wenn sie hochmögende Gönner haben. Man denke nur an die Reinigung des großen Augiasstalls, die kurz nach den Enthüllungen über die schmählichen Betrügerelen im russisch-japanischen Kriege in Aussicht gestellt wurde. In einem Petersburger Briefe der „T. R." war folgende erbauliche Schilderung dieser skandalösen Vorgänge zu lesen gewesen: „Heulen und Zähneklappern erfaßte alle Gesellschaftsschichten, die mit Waffen- und Ausrüstnngsliefernngen, Militärtransporten oder Wohlfahrtseinrichtnngeu ans dem russisch-japanischen Feldzüge anch nur im entferntesten in irgendwelcher Berührung gestanden hatten.