Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 19 (22.5.1914)
- Date
- 1914-05-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Leite 4. Die Wahrheit Nr. 19 die moralischen Einwände der Gegner verspottet und niedergeschrien Werdens Herr Bielohlawek vergißt aber au die Tatsache, dH die Teilnahme am Nutzen des .Vereinsterrors für jeden Einzelnen desto schwieriger wird, je mehr diese Partei anwächst. Schließlich ist es denn doch zn bezweifeln, ob die robuste christlichsoziale Vereinsmoral dauernd von der Mehrzahl der Wiener Wähler akzeptiert werden kann. Schon gibt es deutliche Anzeichen, daß der politische Ueberschwang Bielohlaweks eben wegen seines Mangels eines rechtlich zulässigen Unterbaues sogar innerhalb der christlich-sozialen Partei bereits Gegner findet. Wenn die christlich-soziale Partei nicht bald den ganz ungenierten Bielohlawekismns ans der Partei entfernt, dann dürste dieses verderbliche Unkraut auch für die Partei bald unliebsam überwuchern. Keinesfalls haben die Gegner der Christlichsozialen Ursache, mit der Redseligkeit des Herrn Bielohlawek unzufrieden zn sein. Noch ein halbes Dutzend Bielohlaweks und die christlichsvziale Partei ist gewesen. R. L. Ans dev Woche. Die grausame Drangsalierung der russischen Inden und die stetige Unterbindung ihrer Erwerbsmöglichkeiten beginnt sich bereits auf verschiedenen Gebieten der russischen Volkswirtschaft zn rächen. Seit einiger Zeit wird ans den internationaln Geldmärkten ein fortwährender Kursfall der russischen Werte beobachtet und wie ans Petersburg gemeldet wird, hat sich bereits die Regierung veranlaßt gesehen, eine Hilfsaktion gegen die drohende finanzielle Krise einzuleiten. Den unmittelbaren Anlaß zn den Derouten der jüngsten Zeit hat die Politik der gegenwärtigen Negierung gegeben, die ans die Ausschließung von Juden ans der Leitung der Aktiengesellschaften gerichtet war. Das Ministerium Goremykin hat eine ungemein radikale Politik in dieser Richtung begonnen. Der'größte Teil der russischen Inden ist ohnedies von einer aktiven Beteiligung am Finanzleben ausgeschlossen, weil sie zum obligatorischen Aufenthalt in ihrem Ansässigkeitsbezirke verpflichtet sind und daher außerhalb dieses Bezirkes nicht tätig sein können. Allein unter diese Beschränkung fallen viele vermögende Juden in den beiden Hauptstädten nicht, namentlich nicht die Kauflente erster Gilde, und diesen war auch das Recht zum Börsenbesnche sowie zur Beteiligung an den bestehenden Aktiengesellschaften durch eingeschriebenen Aktienbesitz und durch Zugehörigkeit zu deu Verwaltungen gesichert. Gegen diese Kauflente hat das gegenwärtige Ministerium eine besondere Aktion eingeleitet. Als ihr geistiger Urheber gilt in Petersburg der jetzige Finanzminister Bark, dem mau anfangs moderne Grundsätze nachsagte und der eine Zeitlang auch die Schule des Hauses Meudelsson in Berlin mitgemacht hatte, der aber jetzt als Anhänger einer nationalen russischen Wirtschaftspolitik und als Schöpfer der gegenwärtigen neuen Judengesetze angesehen wird. Zuerst plante die russische Regierung den Geireidehandel. der sich zum Teile in den Händen jüdischer Kausleute befindet, als Staatsmonopol zn erklären. Als dieser Plan mißglückte, wurde eine Vorlage an die Duma ansgearbeilet, nach welcher auch die Juden, denen das bisher gestattet war, nicht mehr das Recht haben sollten, Direktoren von Banken, Bahn- oder Jndustriegesellichasten zu werden, ein Mandat im Anfsichtsrate dieser Gesellschaften zn bekleiden oder sich als Aktionäre nominell in die bestehenden handelsrechtlich vorgeschriebenen Bücher eiutragen zu lasten. Diese Vorlage hatte an der Börse die panikartige Bewegung ausgelöst. Ihre Durchführung hätte zur Folge gehabt, daß zahlreiche jüdische Kaufleute ihre Stellen als Direktoren oder Verwaltungsratsmitglieder hätten niederlegen müssen; große Gesellschaften in Rußland hätten ihre Leiter verloren, in manchen Unternehmungen hätte der Aussichtsrat nicht mehr funktioniert oder hätte sich ganz neu konstituieren müssen. Eine Gefahr bestand darin, daß solche frühere Direktoren und Anssichtsräte, die sich gezwungen von der Leitung von Gesellschaften zurückgezogen hätten, ihren bedeutenden Aktienbesitz auf den Markt werfen und ihre finanziellen Interessen bei diesen Unternehmungen lösen würden. Das hätte ein regelloses starkes Angebot von Industrie-. Bank- und Bahnaktien hervorgerusen, dem der Markt in seiner gegenwärtigen Situation nicht gewachsen gewesen wäre. Deshalb ist eine große Beängstigung über die Wirkungen dieses Gesetzes eingetreten, und eben deshalb siiid die Bestrebungen der Kauflente und auch des Jnterventionssyndikats darauf gerichtet, die Bestimmungen des neuen ' Aktiengesetzes über die Beschränkung der jüdischen Kauflente rückgängig zn machen. Diese freiere Richtung 'findet bei einzelnen Organen der Regierung und hauptsächlich bei dem früheren Handelsminister Timirjosew ihre Förderung. In Berliner Finanzkreisen glaubt man, daß die Berufung Barks nach Livadia mit einer Aendernng dieser Gesetzgebung im Zusammenhang stehe. Heute waren auch Gerüchte über eine Demission des russischen Finanzministers verbreitet. Wenn diese sich bestätigen sollte, so würde sein Stitrz den Ausgangspunkt für eine Beruhigung und eine Besserung der finanziellen Situation in Rußland bilden. Jedoch nicht nur in Finanzkreisen sondern auch auf anderen Gebieten des Wirtschaftslebens erhoben sich gewichtige Stimmen gegen die zunehmende Rechtsbeschränkung der russischen Inden. So hat der russische Handels- und Industrie- Kongreß in den letzten Tagen beschlossen, den Ministerrat zu ersuchen, das Gesetzprojekt fallen zn lassen, laut welchem Juden die Beteiligung an Aktiengesellschaften verboten wird, die das Recht zum Jmmobilienerwerb außerhalb des jüdischen Ansässigkeitrayons besitzen. Der Kongreß erklärt einstimmig, daß das russische Wirtschaftsleben durch ein solches Gesetz schwer geschädigt werden würde. Wie man also sieht, darf auch das russische Reich sich selbst au den rechtlosesten Bürgern nicht fortwährend ungestraft versündigen. * Wie ans Budapest berichtet wird, hat die Generalversammlung der aitnologen Großgemeinden in Ungarn beschlossen, bei der Regierung neuerlich eine energische Aktion zur Durchführung einer einheitlichen Autonomie einznleiten. Es wurde gleichzeitig eine Kommission gewählt, um diese Arbeit in die Wege zn letten. * * * . Betreffs Revision des Judenediktes, welche vorige Woche bei Beratung des Knltnsetats die bayrische Kammer beschäftigte, machte StaatsministerDr. v. Knitling folgende beachtenswerte Mitteilungen: „Zur Revision des Jndenedikts habe ich schon im Finanzausschuß eingehend Stellung genommen. Ich habe dargelegt. daß bei der Staatsregiernng der ernste Wille zn einer solchen Revision bestehe. Wenn es die Verhältnisse irgendwie ermöglichen, wird es versucht werden, die Verhandlungen über deu Entwurs, die nach Möglichkeit gefördert werden, so zum Abschlüsse zit bringen, daß dem nächsten Landtag ein Gesetzentwurf unterbreitet werden kann. Dazu ist aber vor allem auch notwendig, daß die beteiligten Kreise selbst Mitarbeiten. Es war sehr richtig, was heute, wenn ich mich nicht täusche, von verschiedenen Seiten gesagt wurde, daß es nicht geraten ist, wenn die Revisionsgegner sich von vornherein aur einen grundsätzlichen ablehnenden Standpunkt, stellen. Erst vor einigen Tagen ist im Kultusministerium wieder eine Abordnung von Revisionsgegnern erschienen, die eine von 300 Unterschriften bedeckte Eingabeüberreichten, iir der gegen die Revision Stellung genommen wird. Ich würde es für viel richtiger erachten, wenn auch diejenigen/Herren, die der Revision zunächst voreingenommen gegenüberstehen, sich an den Vorarbeiten möglichst beteiligen würden. Das, wäre wohl das beste Mittel, daß ihre Bedenken nach, allen Richtungen gewürdigt und, soweit möglich, auch bei der Herstellung, des Entwurfes, berücksichtigt werden. Auf diese