Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 18 (15.5.1914)
- Date
- 1914-05-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Nr. 18. Die Wahrheit Die Jüdeufeiude schreiben den Juden Uebervorteilungssucht zu, aber in „Rebachmachen" für ihre Zwecke übertreffen die Wiener Christlichsozialen die gewiegtesten Geschäftsjuden. Die regierenden politischen Parteien waren übrigens alle Zeit gewöhnt, vom Lehrer weitgehendste Bescheidenheit und — Bed ürfnislosigkeit zu begehren. Dr. Lueger sagte seinerzeit mit Recht, die liberale -Wiener Stadtverwaltung habe ihm verhungerte Lehrer überlassen. Die knauserige Art, mit der im Jahre 1891 die Wiener Lehrergehaltsregulierung gemacht wurde und mehr noch die hochmütige und empörende Zumutung, die Lehrpersonen sollen nun lange Zeit mit Gehaltsforderuugen schweigen, ja die Auslieferung des Wiener Lehrergehaltsregulierungsrechtes an den n.-ö. Landtag führten damals den bis dahin freisinnigen, aber notleidenden Lehrstand zum größten Teile ins christlichsoziale Lager. Bedürfnislose Engel waren eben die Lehrer trotz ihrer weitgehenden Idealität und Bescheidenheit doch nicht geworden. Nachdem aber die Steuern des „kleinen Finanzplanes" von der Bevölkerung für S ch u l e u n d Lehrerschaft bewilligt wurden, wäre es wohl Zeit, daß die Kindeseltern als Nutznießer der Schulen über die richtige Verwendung dieser Stenergelder wachen und der Verkürzung des Lehrstandes als Wähler ein Ende machen. Für die Kindeseltern sind auch jene Lehrpersonen wichtig, die keine Wähler sind, deshalb muß gegen die tendenziöse S ch ä d ig nn g genannter Lehrpersonen und die Beschränkung der Gehaltsaufbesserung auf Lehr er Wähler durch geeignete Wahlen wirksam demonstriert werden! R. L. Ans der Woche. Als vor einigen Jahren die Bildung eines jüdischen Gemeindebundes für Oesterreich in Wien beschlossen wurde, waren es neben den Wiener Orthodoxen vornehmlich die galizischen Gemeinden, die die Ausführung dieses gewiß ersprießlichen Gedankens unmöglich machten. Jetzt aber zwingt die Not der Verhältnisse gerade in Galizien zu einem Zusammenschluß, insbesondere ist es die von Russisch-Polen herübergeholte Boykottbewegung gegen die Juden, die den Vertretern der galizischen Judenheit einen engen Zusammenschluß der Gemeinden und'eine gemeinschaftliche, wirtschaftliche Abwehr geradezu anfdrängt. So beschäftigte sich jüngst die Lemberger Kultusgemeinde mit je einer Zuschrift ans Szambor und Szanok, welche Hilferufe aus den bedrängten Provinzstädlen darstellt. In diesen Zuschriften wird verlangt, daß der Leinberger Kultusvorstand sich an die Spitze einer Abwehraktion gegen den polnischen Boykott stellender bisher schon so viele l^istenzen vernichtet hat. Nach eingehender Debatte, in welcher von allen Rednern die Dringlichkeit einer solchen Aktion anerkannt wurde, hat der Kultusvorstand beschlossen, so rasch als möglich eine Versammlung der Delegierten der galizischen Knltusgemeinden behufs Beschlußfassung über die zu ergreifenden Maßnahmen gegen den polnischen Boykott einzuberufen. Außer den Delegierten der Knltusgemeinden werden auch die jüdischen Reichsrats- und Laudtagsabgeordueren aus Galizien sowie einzelne jüdische Persönlichkeiten an der Tagung teiluehmen. * * * Ungarische Blätter brachten vor Kurzem Mitteilungen über die angeblich bevorstehende Erhebung eines Mitgliedes des Hauses Rothschild, des Baron Nathaniel Charles v. Rothschild, der im Jahre 1907 Fräulein Roszika von Wertheimstein, die Tochter des Grundbesitzers von Bihar heiratete, in den ungarischen Grafenstand. Ein Bruder seiner Frau ist der Oberstuhlrichter des Komitats, ein eifriger Parteigänger des ung. Ministerpräsidenten Grafen Tisza, wie denn überhaupt die ungarischen Juden ihrer Regierung die Gerechtigkeit und das Wohlwollen, mit dem sie stets behandelt wurden, mit ehrlicher Treue vergolten haben. So entstand denn auf Regierungsseite der Plan 'dem jungen Rothschild die Grafen-Würde für sein Hans zu verleihen. R. wird das alte gräfliche Fideikommiß Jkervär erwerben und sich dadurch einen bodenständigen Rechtstitel zum ungarischen Grafenstande verschaffen. Der Ministerrat hat seine Zustimmung erteilt und die Einwilligung der Krone nachgesucht. Natürlich waren die antisemitischen Blätter rasch am Werk, um die Meldung für ihre Zwecke aüsznschlachten und allen voran' schlug die Wiener Reichspost Lärm darüber, daß Graf Tisza auf diese Weise seine Wahlkosten decken wolle. .Aber auch ernste Wiener Blätter beschäftigten sich mit dieser Nachricht und von diesen wurde koustastiert, daß die Meldung den' Tatsachen nicht entspreche. * * * In Konstantinopel hat sich, wie von dort berichtete wird, ein Komitee zur Errichtung eines Denkmals für die während der letzten türkischen Kriege gefallenen jüdischen Soldaten gebildet. Die Idee, den jüdischen Helden des türkischen Reiches, welche für ihr Vaterland auf dem Schlachtfelde ihr Leben ließen, ein Denkmal zu setzen, hat überall im Reiche großen Anklang gefunden und man hegt in den interessierten Kreisen keinen Zweifel darüber, daß das Unternehmen einen glänzenden Erfolg haben wird. - * * * Das Zentralkomitee des „Verbandes der jüdischen Gemeinden Italiens" hat soeben ein „Commnuiqne" versandt, in dem es mitteilt, daß der seit langem geplante Kongreß der jüdischen Gemeinden Italiens für den 11. Mai festgesetzt worden ist. Es war die höchste Zeit, diesen so lange geplanten und immer wieder ans nichtigen Gründen verschobenen Kongreß einznbernfen. So z. B. ist die Oberrabbinatsfrage in Tripolis noch immer nicht gelöst, auch erfordert die allgemeine Lage der tripolitanischen Inden eine baldige Klärung. Außer diesen Fragen soll vor allem die Schaffung einer gesetzlichen Repräsentanz des italienischen Judentums, die Organisation der kleineren mittellosen Gemeinden und vieles andere zur .Sprache kommen. Wie dem „Israelit" aus London gemeldet wird, wurde, dieser Tage in einer Kommission des englischen ^Parlamentes, über eine Vorlage beraten, welche vorschlägt, daß in Hinkunst die Wahlen im ganzen britischen Reiche an einem und demselben Tage und nicht wie bisher an verschiedenen Tagen durchgeführt werden sollen. Lyonel de Rothschild, der Mitglied dieser Kommission ist, stellte hiezu den Antrag, daß die Wahl an jedem Tage, nur nicht am Freitag und Samstag stattfiuden möge, da sonst ein großer Teil der Juden sozusagen durch das Gesetz des Wahlrechtes beraubt würde. Mr. Jessel, gleichfalls Jnde, unterstützte diesen Antrag und wies statistisch nach, daß am Samstag eine viel geringere Zahl von Wählern, ihr Wahlrecht ausübeu, als an anderen Tagen. Die Kommission hat jedoch den Antrag mit fünfzehn gegen zehn Stimmen abgelehnt. * * * Eine aufsehenerregende Rede über die Rechtlosigkeit der Juden in Rußland hielt der hochangesehene Abgeordnete N. M. Nekrassow in der Duma. Er sagte unter anderem: „Ich will Ihre Aufmerksamkeit auf eines jener Gebiete unserer inneren Politik, lenken, das die häßlichsten Seiten unseres Regierungssystems in sich konzentriert und alle Ungesetzlichkeiten und Willkürakte, die das ganze Reich überschwemmen, in der schlimmsten Form wiederspiegelt. Unsere Gesetzgebung in bezug auf die Juden ist eine derartige, , daß man sie nicht einmal eine Gesetzgebung , nennen kann. Sie ist eine legalisierte Rechtlosigkeit, eme legalisierte administrative Willkür. Vor sieben Jahren, als an der Spitze der Regierung nicht mehr Graf Witte, der als Judenfrennd gegolten hat, sondern P. A. Stolypin stand, hat der Ministerrat der Krone eine Reihe von Maßnahmen zur Sanktion unterbreitet, die die Lage der Juden in Rußland hätten erleichtern sollen. Es ist