Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 16 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063725-3063741--09014-3076229- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8. Die Wahrheit -.;ä I ■jf?: f 1 M.' I. 1 ’ a5 I &ir i ':äc- M « - f::1 AD j j AH i i 'S V«/ I gedankens, der Gerechtigkeit und der Gleichheit, sie erweckt in ihren Mitgliedern das Gefühl der Brüderlichkeit, , der Vereinigung zu gemeinsamem Wohltuu, insbesondere an allen Leidenden. Und dies sind auch jene Ziele Und Ideale, welche insbesondere auch aus sozialem Gebiete nuferemlüie eilten Vater verehrten Herrscher vorschweben. Ein fester Hort des Friedens, unermüdlich um die friedliche Entwicklung seines Reiches besorgt, mit seinem väterlichen Herzen jedem Bürger dieses völkerreichen Staates in gleichem Wohlwollen zugetan, ein unerschütterlicher, gerechter Hüter der Gesetzemaßgebend und ausmnnternd im Wohltun. dem jeder freudige und jeder traurige Aulaß nur eine neue Gelegenheit bietet, seinem Volke neue Wege der sozialen Fürsorge vorzuzeichnen, ist Kaiser- Franz Joses I. zugleich ein Musterbild und Beschützer für alle jene edlen menschenfreundlichen Bestrebungen, deren Pflege feit u'-alten Zeiten das Ziel der Chewra Kadischa, die Aufgabe der jüdischen Gemeinschaft bilden. Geehrte Versammlung! Mit inniger, kindlicher Freude klammern wir uns heute an jedes beruhigende Wort, das uns Bericht über eine Besserung im Befinden unseres geliebten Kaisers bringt. Mit Dankgebet auf den Lippen nehmen wir jedes solche Wort entgegen, hoffnungsvoll vertrauen wir gleich allen Völkern dieses Reiches, daß es unserem geliebten, erhabenen, gütigen Monarchen noch lauge, lange Jahre beschieden sein möge, sein segensvolles Herrscheramt zu üben, und diesen aus dem Herzen quellenden Wunsch lassen wir heute wie immer ansklingen in dem Rufe: Unser erhabener, gütiger, g e r e ch t e r Ka iser Franz I o s e f I. gesunde und e r st a r k e und lebe hoch, hoch, hoch! Die Festversammlung brach in brausende Hochrufe aus und hierauf wurde das folgende, vom Sekretär Emil Engel verfaßte Huldigungstelegramm au den Kaiser abgesaudt: An die Kabinetskanzlei Sr. k. u. k. Apostolischen Majestät. Die aus Anlaß der hnudertfünfzigsten Wiederkehr der Gründung der Wiener Chewra Kadischa, Verein für fromme und wohltätige Werke, im großen Wiener Kouzerthaussaale zu einem festlichen Brudermahl versammelten Vertreter der Wiener Judenschaft erlauben sich den ehrerbietigsten Ausdruck ihrer unerschütterlichen Liebe und Treue zu Euerer kaiserlich und königlich Apostolischen Majestät geheiligten Person auf die Stufen des Allerhöchsten Trones niederznlegen. Die Mitglieder dieser im Dienste der Krankeuhilfe, der Linderung der Not und der Unterstützung von Witwen und Waisen tätigen Vereinigung fühlen sich eins mit allen Bürgern dieser Monarchie in dem tiefiunigsten Wunsche : Unser heißgeliebter Kaiser, der gütigste Herrscher, der liebevolle Vater der Kranken und Bedrückten möge baldigst gesunden und erstarken und den Völkern dieses Reiches noch lange, lange erhalten bleiben! Dr. Moriz G ü d e m a n u Salo Cohn Oberrabbiner. Präsident. Dr. Alfred Stern Dr. Markus Spitzer Präsident der Kultu-gemeinde. Vizepräsident. Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n sprach folgenden Toast auf die Chewra Kadischa: Oberrabbiner Dr. Moriz G ü d e m a n h (sehr sympathisch akklamien): Hochgeehrte Versammlung! Wenn ich hier das Wort ergreife, so geschieht es im Hinblick auf die außerordentliche Veranlassung dieses Festes, im Hinblick auf das .Jubiläum der Chewra-Kadischa. Sie schaut heute auf einen Zeitraum von 150 Jahren ihres Bestaubt s zurück und ich darf mich rühmen, daß ich ihr während fast eines Dritteiles dieses Zeitraumes als Ehrenmitglied angehöre. (Großer Beifall.) Ich begehe also heute auch selbst ein Jubiläum und ich kann meinen Dank für diesks Erlebnis nicht besser betätigen als dadurch, daß ich vor dem Alter und vor den Werken der Chewra-Kadischa mein Haupt verneige und ihr meine Huldigung darbringe. (Neuerlicher Beifall). Wie alt ist das Institut der ehrwürdigen Chewra-Kadischa? Wer hat sie gegründet, wer gestiftet? Es herrschen darüber verschiedene Meinungen, ich verweise auf die Bemerkung unserer alten Lehre, daß Gott auf dem ersten Blatte der Thora das Amt eines Brautführers ausübt, indem er die Eva dem Adam als Gattin zuführt, und daß er auf dem letzten Blatte der Thora, das Amt der Totenbestattung vollzieht, indem er seinen treuen. Diener Moses zn letzten Ruhe deckt. In dieser letzteren Eigenschaft ist also kein Geringerer. als Gott selbst der Gründer der Chewra-Kadischa. So alt und so ehrwürdig ist ihr Ursprung, die Chewra-Kadischa ist ein Reich von Gottes Gnaden wie kein zweites. Diesem erhabenen und heiligen Ursprung der Chewra-Kadischa entspricht auch ihre Heilige- Tätigkeit. Die Chewra-Kadischahat es nur mit Werken des Friedens und der Liebe zu tun. Lei Dante heißt es in der ..Göttlichen Komödie", auf dem Portal der Hölle steht die fürchterliche Inschrift; „Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!“ Das heißt, lasset eine jede Hoffnung fahren, die ihr eintretet! Die Chewra-Kadischa hat ans der Menschheit, die oft auch eine Hölle ist, einen Friedensengel gemacht und über dem Poital der Chewra-Kadischa steht die Inschrift r anpbi pim1? aibw Friede, Friede dem Fernen wie dem Nahen! Die Chewra-Kadischa, welche älter ist als unsere Gemeinde, hat unserer Gemeinde zum Muster gedient nnd unsere Gemeinde hat sich die Chewra-Kadischa, ihre Werke, ihren Frieden, ihre Liebe immer vor Angen gehalten. Man kann von unserer Gemeinde das Wort ans Friedrich ü- Schillers „Glocke" anwenden: „Concordia" soll ihr Namen sein!" oder auch — um ein anderes Wort Schillers zu zitieren — die Devise »Seid einig, einig, einig!" hat sie sich immer vor Angen gehalten und sie betätigt. (Lebhafter Beifall.) Am heutigen Abend, bei diesem Brudermahle, da stellt sich diese Einigkeit, der Sinn für den Frieden und die Brnderlichkeit in unserer Gemeinde, ich möchte sagen: in der genießbarsten Weise dar. Sonst pflegt man zu sagen: Viele Köche verderben den Brei. Hier haben sich aber zwei „feindliche Brüder", Tonello nnd Pinkas, die Hand gereicht zur höchsten Einigkeit, um dieses-Brudermahl ausznstatten itufr herzurichteu. Und wie wohl wäre es Oesterreich, wenn in unserer „Staatsküche" die verschiedenen „Köche" sich ebenso die Hand reichen würden, um ein Brudermahl zwischen den Völkern herznstellen, wie das heutige Brudermahl, an dem wir teiluehmen! (Lebhafte Zustimmung). Diese Einigkeit,, welche unsere Gemeinde von der Chewra-Kadischa gelernt hat, möge ihr auch immer verbleiben. Ich beglückwünsche dazu den verehrten Präsidenten unserer Gemeinde (großer Beifall), von dem die Einigkeit als kostbares Gut unserer Gemeinde sorgsam gehütet wird, ich beglückwünsche dazu meinen lieben Freund, Herrn Salo Cohn (lebhafte, andauernde Akklamation), welcher als Präsident der Chewra-Kadischa ebenfalls das Palladium der Einigkeit, des Friedens und der Liebe immer hochhälk. Ich beglückwünsche schließlich alle, die in wahrhafter Liebe und Treue bei diesem Brudermahle versammelt sind. Und so lade ich ältestes Ehrenmitglied der Chewra-Kadischa, Sie, meine geehrten Herren ein. mit mir einzustimmen in den Ruf: Es möge unsere C hew r a- Kadischa als ein Bild und a l s e i u Vorbild der Liebe, des Friedens und der Eintracht blühen und. gedeihen! (Rauschender Beifall und lebhafte Hoch!-Ruse). Unmittelbar nach dieser Rede machte der Präsident Salo Cohn der Festversammlnng die Mitteilung, daß er zur Erinnerung an den heutigen Festtag der Chewra Kadischa eine Spende von 100.000 X widme. Diese Mitteilung wurde mit großem Jubel akklamiert. nnd der Vizepräsident der Chewra Kadischa Herr Dr. Markus Spitzer dankte namens der Chewra für die hochherzige Spende und feierte den Präsidenten als wahren Priester, der gleich den einstigen Kohanim „"binsiass Kapäjim“ „mit offenen, erhobenen Händen" segnend durchs Leben schreite. Es toastierten ferner der I. Vizepräsident der Knltusgemeinde Dr. Gustav Kohn