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Die Wahrheit · 1914-05-01 · Heft 16 (1.5.1914) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 16 (1.5.1914)
Date
1914-05-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 16. Die Wahrheit Leite 7. Der die Bestattung in ein ehrlich' Grab Bedrohte mit dem martervollsten Tode. Und dennoch, dennoch fanden Brave sich. ' Die trotzend des Bedrückers Zorn, die Brüder — Fast vor den Angen der bestallten Wächter —. .Oeimtrugen. sie mit priesterlichem Segen Der Mutter Erde an die Brust zu betten. Das unheilvollste Schlachtfeld wurde denn Gebnnsstatt jener edlen Brüderschaft, Die eine heilige wohl sich heißen durfte, Und unter Patenschaft des Todes selbst. Trat die „Chewra Kndifcha" io in's Sein. Das Sterben zn erleichtern, Heimgeschied'ne Nach Väterweise würdig zn bestallen. Das war vorerst die Mission des Bandes. Dann ivandte er den Lebenden sich zn. Des Schicksals Schmerzenskindern. Opferdienst An den drei mächtigen Tempelsünlen tuend. Darauf das Judentum gegründet ruht: Versenkung in die Lehre/ Goti-Erkennlnis Und treue Uevnng wahrer Menschenliebe, Den einen Wegeweiser baut vor uns Der Blick in Gottes Wort und Gottes Wesen. Den Weiser in den Himmel wahrer Liebe, Zn dem die Tat allein als Leiter führt . . . Die große Zeit Bar Kochbas ist vorbei. Die Kenen Roma's sind schon längst zerborsten, llnö unsere Toten finden stille Gräber. Doch für die Liebe gibl's genug zn tun. Und auch nach hnndertfünfzig Arbeitsjahren Darf unser heiliger Verein nicht rasten. Solange Kranke wimmern, Arme weinen. Muß er die guten Willens sind, vereinen Mil seiner Gvttesweihe hehrer Stärke Zur schönsten Frömmigkeit: zum Liebeswerke. Wir kämpfen gegen Elend, Leid und Nvt Solang' die Kräfte nicht zerbricht der Tod. Das kling' drommetenmächtig in die Runde Ans dieser festerles'nen Jnbelstnnde! Nach dem Segenssprnch vor der Mahlzeit, den Oberkantor Don Fuchs exekitlierre, wurde das Mahl von den Nestanrateuren Tonello und Pinkas serviert. Während der einzelnen Gänge spielte das Orchester Musikstücke vort ausschließlich jüdischen Künstlern, und zwar von Meyer beer, Leo Fall. Carl Gold mark, Oskar Straus, Alfred G r ü n f e l d. Leo Ascher, H a l e v y, Emerich Kalmä, nu und Philipp Silber. Nach dem ersten Gange erhob sich der Präsident der Kultnsgemeinde Dr. Alfred Stern und sprach folgenden Toast auf Se. Majestät den Kaiser: Geehrie Festversammlung! 150 Jahre im Dienste der Nächstenliebe! Ein erhebender Gedanke, der alle jene, die heule der ehrwürdigen Bruderschaft augehören, mit freudiger Genugtuung erfüllen darf, ein glanzvoller Beweis dafür, daß die Traditionen der Brüderlichkeit, der Nächstenliebe und der Pietät sich in der Wiener Jndeuschaft bis in unsere Tage in unverminderter Stärke erhalten haben und daß in den Herzen der heutigen Generation noch dieselben Gefühle leben, welche die Gründer unserer Bruderschaft beseelten. Mit diesen herzerhebenden, herrlichen Worten werden wir von dem verehrten Vorstände zu der heutigen Feier eingeladen, zn der so überaus seltenen Feier des Gedenktages der Begründung unserer Chewra Kadischa vor 150 Jahren. ' 150 Jahre! Eine in der 4000jährigen Geschichte unseres Volkes relativ nur kurze Spanne Zeit und doch, welch ungeheure, kaum faßbare Veränderungen haben sich in der Geschichte der österreichischen, der Wiener Judenfchaft in dieser 150 jährigen Epoche, deren größere Hälfte ich selbst miterlebte, zngetragen! Und da ziehen aus den ersten hundert Jahren dieser Epoche an nuferem geistigen Auge abwechslungsreiche, trübe Bilder der Erinnerung vorüber, die nur spärlich durch kurze Lichtblicke der Erholung, der Hoffnung, der Freude unterbrochen werden, denn das Wohlwollen und die Gerechtigkeit der Mächtigen den Jaden gegenüber hat nur selten Schritt gehalten mit dem allgemeinen Fortschritt, mit der allgemeinen Entwicklung der Menschheit, wozu die Jude» selbst in den Zeilen ihrer größten Bedrückung in aufopferungsfähigster Weife reichlich beigetragen haben. Deshalb wurde auch der geringste Schein von Gerechtigkeit. das kleinste Zeichen von Wohlwollen von den Juden wie eine Erlösung aus der Not. wie eine Befreiung von Druck und Verfolgung stets mit rührender heißer Dankbarkeit entgegengenommen. Mit welchem für uns Inden der heutigen Generation fast unverständlichen Jnbel begrüßten unsere Vorfahren das berühmte Toleranzpatent aus dem Ende des 18. Jahrhunderts, jenes Patent, dessen mildernde Bestimmungen umso greller das ganze unendliche Gebiet der Intoleranz, die lauge Kette von Ungerechtigkeiten und Ansnahmsgesetzen. denen nufere Vorfahren unterworfen waren, größtenteils auch unterworfen blieben, beleuchteten! Eine ganze Literatur hat uns Aufzeichnungen über die festliche Freude, über die Dankeshymnen, welche dieses Edikt bei den Inden Oesterreichs anslöste, überliefert. In meinem Besitze besindet sich ein Dokument, welches vielen unter uns, die wir heute im Besitze unserer bürgerlichen Rechte sind, unverständlich fein dürfte. In diesem Dokument wird ein natürliches Menfchheitsrecht, das Recht der Verehelichung, oder wie der schöne Ausdruck lautet, das „Familiantenrechc" bekundet. Es wird dieses Recht meinem Großvater übertragen und da will ich nun denjenigen unter Ihnen, meine Herren, welche hievon keine Keuntnis haben, mitteilen, daß dieses sogenannte „Recht" darin bestand, daß für einzelne Kronländer der österreichischen Monarchie die Zahl der zur Verehelichung zngelassenen Inden genau fixiert war und daß noch zur Zeit, als ich an der Universität studierte, der beste Gesetzeskommentar, mit dem man damals hantierte, u. a. sich dahin anssprach: das jüdische „Familiantenrecht" sei eine ganz weise Verfügung der österretchischen Staatsverwaltung. welche dadurch Fürsorge treffe, daß sich in den österreichischen Staaten die Inden nicht vermehren. Ganze Folianten, aufgehänfl im Laufe der Zeiten, befinden sich m den Archiven unseres Kultusministermms vor. worin alle möglichen Ausenthaltsbeschränkitngen, Erwerbsbeschränknugen, auch alle möglichen Verdächtigungen und sogenannte „Schntzmaßregeln" gegen Juden erdacht und immer neu ersonnen wurden, um ihnen das Leben so schwer als möglich, um es ihnen möglichst unmöglich zu machen. So blieb es bis zum Jahre 1848 und auch darüber hinaus und wer weiß, welche Richtung unser Rechtsleben, unsere Beziehungen in diesem weiten Reiche genommen hätten, wenn jene Epoche um die Milte des vorigen Jahrhunderts bloß die Freiheit, nicht aber auch einen hohen Beschützer der Freiheit und Menfchenliebe, wenn die gütige Vorsehung nicht mit dem Morgen der Völkerbefreiung auch die lichtvolle Gestalt unseres Kaisers Franz Josef I. zum Schutz und Schirm für alle Bürger dieses Staates gespendet Hütte. Geehrte Versammlung! 66 Jahre sind es her. daß ein Kaiserwort unserer Wiener Kultusgemeinde die gesetzliche Anerkennung als solche, die autoritäre Gestaltung und Bedeutung einer Gemeinde verliehen und dadurch die Reihe der seitherigen Schöpfungen auf dem Gebiete unserer konfessionellen Fürsorge und Wohltätigkeit ermöglicht hat. 66 Jahre von den 150 seit dem Bestehen unserer Chewra hat diese ungehindert und frei ihre hohen Aufgaben erfüllen, hat auch ihren idealen Zwecken zustrebeu können. Aufgaben, welche die heiligen Grundpfeiler jeder Chewra Kadischa sind, welche aber auch die gleichen fiuJD, wie sie auf sozialem Gebiete llnserem allgeliebten Monarchen als Leitstern auf einem so segensreichen Lebenswege voranlenchten. Die Chewr.a, im Sinne ihrer Tradition, ist die Verkörperung des Friedensy

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