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Die Wahrheit · 1914-05-01 · Heft 16 (1.5.1914) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 16 (1.5.1914)
Date
1914-05-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Leite 4. Die Wahrheit Nr. 16. Die Schulleiterernennungen können auch den jüdische^ Kindeselteru nicht gleichgilng sein, obwohl hie.Ernennung jüdischer 'Schulleiter nach § 48 des R.-V.-G. an bestimmten Schulen gesetzlich festgelegt erscheint. Der weiians größte Teil der jüdischen Schüler besucht eben solche Schulen, die von katholischen Schulleitern geleitet werden und da ist es leicht möglich, daß einer oder der andere der Schulleiter glaubt, sich dadurch bei den allmächtigen Schulerhaltern beliebt zu machen, wenn er in der Schulverwaltung die antisemitische Note hervorkehrt. Das Elternpublikum ist gegenwärtig leider in Schnlfragen ebenso rechtlos wie die Lehrerschaft. Obgleich die Kiudeselteru naturgemäß das größte Interesse am Schulwesen haben, besitzen sie nn Belange der Schnlorganisation und der Lehrerernennung nicht d e n g e r i n g st e n Einfluß. So naiv wird wohl niemand sein, anzunehinen, daß die Gemeinde- und Landesvertretung mit der Elternschaft der Schulkinder identisch sei! Die Eltern der Schulkinder müssen und sollen daher im Interesse ihrer Kinder im Schnlbelange gesetzlichen Einfluß anstreben. Wenn sie dies ernstlich und konsequent tun, können sie auch Erfolg erzielen, denn sie sind ja zum größten Teile auch Wähler. Das Verlangen ist wohl berechtigt, den K i n d e s e l t e r n eine entsprechende Vertretung in den Schulbehörden und in den lehrereruenuendeu Körperschaften eiuzuräumeu! So lange aber dies nicht geschieht und solange die geschilderte L e h re rer nen uung s w i llkür im niederösterreichischen Landesgesetze nicht abgestellt wird, wird die Vergewaltigung der Schule und der Lehrerschaft zum Schaden unseres Nachwuchses sortdanern. Ein Appell um Gerechtigkeit und Billigkeit bei Besetzung von Schulleiterstellen bleibt erfahrnngsgemäß unberücksichtigt. denn unsere Gemeindevertreter besitzen ein robustes Gewissen und sind nicht zimperlich. Hat doch der derzeitige Bürgermeister Wiens einer freisinnigen Lehrerabordnung betreffs geschilderter Schulleilerbesetznngen erklärt: ..Der Wiener Stadtrat hat einschlägige Schulgesetze bei den Lehrerernenuungen nicht verletzt, ich sinde mich daher auch nicht bestimmt, irgendwie einzugreifen." Aus der Woche. Vor kurzem ist in Leipzig infolge eines Unfalles der ehemalige Antiiemilenführer Ahlwardt gestorben. Heute war der „Rektor aller Deutschen" schon vergessen und versunken, der zu Ende des vorigen Jahrhunderts eine lange Reihe von Jahren als anerkannter Bannerträger des reinen Rassen- Autisemilismus im Vordergritud der öffentlichen Beachtung stand. Unter den zahlreichen Parteigrüppchen der antisemitischen Bewegung nahm er mit seinem Anhang stets eine selbständige Stellung ein. Seine volkstümliche Persönlichkeit, sein rednerisches Geschick, seine Skrupellosigkeit in der Bekämpfung des Gegners, fein rücksichtsloses Preisgeben der eigenen Persönlichkeit in der Hitze des Gefechts haben ihm im Anfang seines öffentlichen Auftretens einen gatiz ungewöhnlichen Anhang verschafft. Bald aber artete die nicht gewöhnliche Begabung des antisemitischen Volkstribnns in Zügellosigkeit aus. In der Wahl seiner Mittel wurde der teils vom Ehrgeiz, teils anch von finanzieller Not getriebene Mann immer unbedachtsamer, sein Kampf gegen das Judentum artete in eine ungeheure Groteske ans. Der Antisemitismus wurde inner feinem Einfluß tatsächlich zur Politik der dummen Kerle; die Wahlkämpfe, au denen er beteiligt war, wurden zu Ausschreitungen, sein Auftreten in den Versammlungen und schließlich auch im Reichstag, dem er von 1892—1902 angehörte, zum öffentlichen Skandal. Seine bekannten Flugschriften über die „Judenflinten", die er im Jahre 1892 veröffentlichte, um gegen die bekannte Gewehrflrma Löwe in Berlin unberechtigte Angriffe zu erheben, wurden zu abschreckenden Musterbeispielen für jede verlorene politische Jottrnaliftik. Natürlich mußte er infolge seines Gebahrens bald sein Rektorat niederlegen; auch sein Reichstagsmaudat verlor an den Antisemiten Bruhn. Dann ging es mit ihm rasch nndrascherbergab. Schließlich war er gezwungen, sich kümmerlich mit Kleinhandel seinen. Lebensunterhalt zu verdienen. Er ließ es zwar an Versuchen nicht fehlen, dochnoch einmal zur politischen Machtstellung' sich wieder emporzuarbnten. Ja, mau erzählt sich sogar, daß er in der letzten Zeit vom glühenden Judenfeind zu einem heftigen Gegner des Antisemitismus sich dnrchgearbeitet hätte. Aber auch das half alles nicht mehr. Jetzt endlich hat der Tod nach längerem Leiden seiner Not im Leipziger Krankenhaus St. Jakob ein Ende gemacht. Der Großrabbiner von Belgrad und ■ ganz Serbien, Dr. Alcalay, hat kürzlich eine Reise durch die neuen serbischen Gebiete angetreten, um sich über die Lage der jüdischen Gemeinden in den annektierten Städten zu informieren, sie zu reorganisiereu und dem Kultusminister einen Bericht zu erstatten. Auf seitier Durchreise durch Saloniki hat er dem Berichterstatter einer jüdischen Zeitung ein Interview gewährt und ihm gesagt, daß er beabsichtige, die etwa 20.000 Juden, die in den neuen Gebieten, hauptsächlich in Monastir, Uesküb, Jstip und Pristina wohnen, zu neuen Gemeinden zu organisieren und an deren Spitze Oberrabbiner zu stellen, die vom Staate besoldet werden sollen. In seinem Bericht wird er die Bildung eines Zentralkonsistoriums empfehlen, an dessen Spitze der Oberrabbiner von Serbien stehen soll. Dieses Kousistoriltm soll mit der Regierung in Verbindung stehen und sich in Gemeindeangelegenheiten mit dieser beraten. Im Hinblick aus die Notlage der jüdischen Gemeinden in den annektierten Städten hat sich der Oberrabbiner an die Wohltätigkeitsgesellschaften in Europa gewandt und eine Summe von 100.000 Franken von diesen erhalten. * Kurz vor Ostern ist von den Griechen wieder die nnsiunige .Beschuldigung des Ritualmordes gegen'die Juden in Saloniki erhoben worden. Dabei hat Fch folgender Vorfall zugetragen, dessen Folgen sehr verhängnisvoll hätten werden können. Eine junge Griechin, von ihrem Gatten und ihrer Mutter begleitet, hatte sich in ein von Inden bewohntes Hans begeben und forderte unter wüstem Schreien und Drohungen, daß man ihr kleines Kind, das verschwunden wäre und von den Inden versteckt gehalten würde, ans der Stelle heransgäbe. In ihrer Erregung behauptete sie. daß anch am Abend vorher ein anderes griechisches Kind geraubt worden wäre. Die jüdischen Familien beteuerten, daß sie von der ganzen Sache nichts wüßten, aber ihre Versichernngen waren vergebens. Die Griechen begannen das Hans in allen Ecken zu durchsuchen und drangen in die Keller und Schränke, immer ihre absurden Drohungen dabei wiederholend. Eine Stunde laug setzten sie ihr Suchen so fort, bis schließlich der Sache ein Ende gemacht wurde, als eine andere Frau erschien und mitteilte, daß sich das verlorene Kind wiedergefunden hätte. * Heber die in den letzten Jahren wiederholt zu Tage getretenen Bemühungen der spanischen Regiernngskreise, die Sünden, die Spanien einst an den Inden begangen, wieder gut zu machen,, wird dem „Israel" ans Madrid neuerdings folgendes berichtet: Bei aller begreiflichen Skepsis, die man den Bemühnngen Spaniens, das Vertrauen der Juden, besonders der Spaniolen im Oriente, zu gewinnen, entgegenbringt, wirkt doch die warme Art, in der die liberale Presse dieses seit Jahrhunderten Jndenreineu" Landes jüdische Dinge behandelt, sehr wohltuend. Bekanntlich ist an der Madrider Universität ein Lehrstuhl für jüdische Wissenschaft errichtet wor--- den, von dessen Wert oder Unwert hier nicht die Rede sein soll. Wiedergegeben zu werden, als hocherfreuliches und beachtenswertes Zeichen einer neuen Zeit verdient aber die Begrüßung, die dem Dozenten für diesen Lehrstuhl, Herrn Dr. Iahuda, vom führenden Blatte der liberalen Partei, „Correspondeneia de Espana“, geworden ist. Das Blatt schreibt:

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