Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1914-05-01 · Heft 16 (1.5.1914) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 16 (1.5.1914)
Date
1914-05-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
84% known words query
IRI
…/3062972-3063725-3063741--09009-3076224
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

,ptc2$aßrOcit JfetmfUuu und Vlbmmifhanoii : Wien. II , v'ioüaraijafi? - Snlcvatc: j| tu »iciuial geivall-u- [j »tonpareille-Zkil- 25 Hel!--. | k.düuuemcnlS- und JulerlionrderrSgr sind iu Wien zuylnnr e und Nngoar. n ^llakhäugige Heltschnft für jnöische IrlLeresfen. Erscheint jeden Kr ei tag. Molto: „D»s Siegel Mottes ist Withriiwit {Sin 5tiili>i'?l>nimte: 'i' iiuiiio» i,i .... I» II» Ar. 16. Wie», 1. Mai 1UI4 I " h a l i :: Die Schnlleiterernennnngen in Wien. — Ans der Woche. — IMsährige Jubelfeier der Wiener Chewra Kadischa. Anfenrhalts-Ertandnis in Theorie und Praxis. — Verschiedene Nachrictnen. — Naruralisativn und Wir ersuchen höflichst und dringendst um Einsendung der restlichen Abonnementsbeträge. Die Schnlleiterernennnngen I» Wien. Am 22. April l. I. protestierte die freisinnige Lehrerschaft - der "öffMtlichen Volks-- und Bürgerschnlen Wiens in eiiier sehr zahlreich besuchten Versammlung gegen die „ungerechten Zurücksetzungen der freiheitlichen Bewerber bei Ernennung von Direktoren und Oberlehrern in Wien". Der Referent. Herr Volksscbullehrer Hellmann, wies darauf hin, daß die regierenden Christlichsvzialen nur ihre G e s i nn n n g s g e n o s s e n zu Schulleitern ernennen und dadurch alle charakterschwachen Bewerber, die nicht christlichsvzial gesinnt waren, dazu drängen, ihre politische Ueberz e u g u n g zu v e r l e n g n e n. Wie können aber dann charakterlose Personen die Kinder zu Charakteren heranziehen, wie dies, der § 72 der „Schul- und Unterrichlsordnnng" dekretiert? Die charaktervollen Lehrpersonen werden aber bei Ernennungen von Schulleitern regelmäßig p r ä 1 e r i e r t und zu Gesinnnngsmärtyrern gemacht, wenn sie auch bernfstüchtiger sind und mehr Dienstzeit znrnckgelegt haben, wie ihre protegierten Mitbewerber. Der 'christlichsoziale Wiener Stadtrat behauptet aber kühn, es gehe bei den Schnlleiterernennnngen ganz korrekt zu und man halte die im Amtsblatte der Stadt Wien am 24. Oktober 1913 verösfentlichten Normen*) ein, trotzdem gerade die Nichtbeachtung dieser Normen nachweisbar ist. Der Lehrervertreter im Wiener Bezirksschulräte, Herr Lang, wies darauf hin, daß bei Schulleitererneiinungen die Lehrervertreter vollständig m n n d t v d gemacht wurden, indem man die betreffenden Referenten einfach ernennt. Wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß die Lüftung solcher Ernennungsskandale dem kontrollosen Wiener Stadtrate unangenehm sein mag, so werden solche Aktionen, so lange sie nur von den. gemaßregelten Lehrpersonen allein ansgehen, dem geschilderten Uebelstaude doch nicht abhelfen. *) Diese Normen lauten: - 1. Bei entsprechender Qualifikation gilt die Länge der Dienstzeit . in. Wien. t 2. Bei gleichlanger Dienstzeit die bessere Qualifikation. 3. Bei sonst gleichen Voraussetzungen ist den eulhei'mischen Bewerbern der Vorzug zu geben. Das Uebel sitzt eben in der anarchischen Tatsache, daß Wien und Niederösterreich in dieser Richtung ein Landesgesetz besitzt, das dem einschlägigen Reichsgesetze Widers p r i ch t. § 50 des Reichsvolksschulgesetzes weist nämlich das A n st e l l u n g s r e ch t aller definitiven Lehrerstellen dem Landesschulrate zu und billigt den Schulerhaltern in den Gemeindevertretungen nur Präsentationsrecht zn. Aber die eisersüchrigen Wahrer der Gemeinde- und Laudesantouomie schufen bereits im Jaure 1870 schon ein niederösterreichisches Landesgesetz, welches dieses Präsentationsrecht znm eigentlichen E r n e n n nn g s r e ch t erhob und das Ernennnngsrechl des Landesschulrates zu einem belanglosen S ch e i nv e di t herab drückte. Dieses famose Laudesgesetz wurde seither immer nnverändert üvernommen und lautet im § 8 des gegenwärtig gellenden uiederösterreichischen Landesgesetzes vom 26. August 1910 noch folgendermaßen: In Slädten mit eigenem Statut wählt der Stadtrat deil ihm am meisten geeignet scheinenden Be-. iverver aus, ohne an den Vorschlag der Ortsschulbehörde oder an eine voil ihr aufgestellte Reihenfolge der Kandidaten (§ 5, Absatz 1 und 2) und ohne a n d as Gutachten oder die Reihnngslabelle der B ez.i rks s ch n l b e h ö rd e gebunden zu sein (§ 5, Absatz 3 und 4). Nun gründet sich aber das Gutachten der Bezirks schul- : behörde auf das Diensturteil des k. k. Bezirksschulinspektors und wenn dieses bei Schnlleiterernennnngen hel a n g l o s bleibt, daun erscheint eben die schranken tose Willkür der Gemeindegewaltigeu bei solchen Ernennungen gesetzlich zulässig. Dies bedeutet aber einen eminent schädigenden Mißbrauch der S ch u l a u t o n o m i e der Gemeindevertretung itnd besonders innerhalb der letzten zwei Dezennien läßt sich leicht Nachweisen, daß nicht die an den Tag gelegte Berufstüchtigkeir und Bernfssrende bei Schnlleiterernennungen entscheidet, auch nicht erworbene Verdienste, sondern vor allem politische n n d p r i v a t e Erwägungen. Charakterschwache Lehrpersonen wurden dadurch geradezu zu eklem Wettkriecheu erzogen. Hinterher aber der öffentlicherr Mißachtung preisgegeben. Im Jahre 1909 war in einem klerikalen Lehrerblatte zu lesen: „Gegenwärtig werden Lehrererneunnngen e r t a uz t, e r s u n g e u.. erheiratet, aber nicht durch Dienstfleiß erworben". Den Kindeseltern kann es aber nichtgleichgrltig bleiben, wenn ans diese Art Schule und Lehrerschaft k o r r u m p i e r t - werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.