Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 15 (24.4.1914)
- Date
- 1914-04-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 15. Die Wahrheil Seite 9. gewordenen Rabbinerposten; denn der Bachur ging ja damals überhaupt nicht mit der Absicht aus die Jeschiba', jim ein besoldeter Rabbiner einer Gemeinde zu werden, sondern nur deshalb, um durch das fleißige Studium das unermeßliche große Meer des Talmuds (Jam Hatalmud) einst selbständig durchsegeln und aus dessen Tiefen die reichen geistigen Schatze, die kostbaren Perlen itnd Edelsteine, -die in früheren Zeiten allgemein bewundert und hochgeschätzt wurden, holen zu können. Jene Bachurim aber, die nachdem sie die „Haoras horooh“, „Autorisation zur Bekleidung eines Rabbinerpostens" von hervorragenden Rabbinern erhielten, keine besondere Vorliebe fürs Geschäft hatten, entschlossen sich das Rabbiueramt zu wählen, um für die Verbreitung der Kenntnis der Thora Sorge tragen zu können, andere wieder wurden entweder Melamdim (Bibel- und Talmudlehrer), oder, wenn sie nebst gediegenen talmudischen .Kenntnissen auch gute Stimmittel besaßen Ohcwauirn (Kantoren) die meisten Bachurim jedoch, besonders wenn sie reicher Eltern Söhne waren, widmeten sich dem Geschäfte, -ohne daß sie dabei das Thora-Stndium vernachlässigt hätten. „Entschuldigen Sie", sagte Herr K. L., „daß ich Sie unterbreche; sagen Sie mir nur, woher nahm damals der beamtete Rabbiner, der doch zweifellos, besonders in größeren -Gemeinden, verschiedene Amtspflichten zu erfüllen -hatte, die Zeit um eine talmudische Hochschule zu leiten. Rabbiner. Kantoren und Religionslehrer cr. heranznbilden?" „Mein lieber Freund"! entgegnete ich, „wenn Sie glauben, daß der alte Rabbi in vormärzlicher Zeit, ebenso stark wie der moderne Rabbiner der Gegenwart von Bernfsgeschäftrn in Anspruch genommen wurde, so täuschen Sie sich gewaltig. Der Rabbiner und Prediger der Jetztzeit könnte, besonders in den großen Gemeinden, trotz gründlicher Kenntnis des .jüdischen Schrifttums, unmöglich eine talmudische Hochschule leiten, weil er tatsächlich vollauf zu tun hat, um die zahlreichen Amtspflichten, die seine Kraft ganz in Anspruch nehmen, pünktlich erfüllen, den Vorstand wie sämtliche Ge- Meindemitglieder befriedigen zu können. Er muß vor allem zweimal im Monate im „Tempel" predigen, ferner bei zahlreichen Trauungen Ansprachen an die Brautleute halten, bei Hetzer Konfirmation den Bar Mizwo in einer Anrede mit .der Wichtigkeit und hohen Bedeutung der Konfirmationsfeier vertraut machen und endlich unzählige bestellte Leichenreden halten. Könnte also ein von so vielen Berufsgesch ästen stark okkupierter Manu auch.Zeit noch gewinnen eine Jeschiba zu leiten? Mit nichten! —" „Der alte Rabbi in früheren Zeiten aber wußte von all diesen Dingen nichts. Er hatte bloß viermal im Jahre — am Sabbat vor Peßach, am Bosch Haschonoh, am Sabbat vor Jom Kippur und am Vorabend des^Versöhnuugstages zu predigen. Es war auch damals girr-nicht nötig das Auditorium so oft in der Synagoge durch Predigten zu belehren, da doch die meisten Mitglieder jeder Gemeinde in ihrer Jugend die Jeschiba besucht und sich gediegene talmudische und ' rabbinische Kenntnisse erworben hatten. Fast in jeder Gemeinde gab es damals, selbst unter den (reichen Mitgliedern, so manchem Lamdan, der allsabbatlich nachmittags in seiner Wohnung populäre Borträge gehalten, die selbst von jenen Baals Battim, die in ihrer Jugend die hebräische Elementarschule besucht hatten, -fleißig frequentiert wurden. Der angestellte Rabbi hatte es daher nicht nötig Moralpredigen abzuhalten. Traunngsreden wurden in früheren Zeiten überhaupt nirgends gehalten, weil die meisten Brautleute streng religiös erzogen wurden | und daher ohne Trauuugsrede ein religiöses Haus zu führen verstanden hatten. Leichenreden wurden nur in den seltensten Fällen — und da wurde zwischen reich und arm kein Unterschied gemacht — gehalten, daher dem alten Rabbi Zeit genug zur Verfügung stand, um seine ganze Kraft d«h Jeschiba widmen zu können. Mit Beginn der neuen Aera, der Aera der Freiheit jedoch, wurde das ganze religiöse Leben der Juden, besonders .der Westjnden, nmgestaltet. Infolge der riesigen Fortschritte, die auf dem Gebiete der Kultur und Bildung gemacht wurden, durften die Juden, die doch stets für Wissenschaft, und Bildung sehr begeistert waren, nicht Zurückbleiben. daher sich in vielen jüdischen Gemeinden das Bedürfnis fühlbar machte nur solche Rabbiner anzusteüen, die nebst gründlichen talmudischen Kenntnissen auch allgemeine Bildung sich angeeignet hatten. Derartige Rabbiner aber waren dazumal nur äußerst selten zu finden. Die meisten Gemeinden mußten sich noch einige Zell gedulden. Nach und nach aber mußten doch die alten Jeschrbot — Chwal al deabdim — besonders in Deutschland und bei uns in Cisleithanien, den neu kreierten theologischen Lehranstalten das Feld räumen. Bei der Gründung der modernen Rabbinerschulen — die mir von solchen Kandidaten besucht werden, die das theologische Studium als Brodstudium wählen 7— wurde jedoch der Kantoren ganz vergessen, man hat eben nicht daran gedacht, daß ein seminaristisch und akademisch gebildeter Rabbiner, selbst wenn er die herrlichste Stimme eines Caruso besäße, sich ditrchans nicht dazu hergeben würde, die Funktionen eines Chasan zu versehen, obwohl die bedeutendsten Gelehrten und Poitanim des Mittelalters sich's zur höchsten Ehre anrechneten in der Synagoge an gottgeweihter Stätte das P r i e st e r a m t eines Chosan hakeneset bekleiden zu dürfen. — Und was taten nun die Gemeinden? Ach, die Gemeinden! Die genier.e das nicht im entferntesten, denn die Anfordernngeu, die man an den modernen Rabbi stellte (und in vielen Gegenden noch heute stellt) waren ja sehr bescheiden. Hauptgewicht wurde auf eine schöne Stimme und Koloratur gelegt, um alles andere kümmerte man sich nicht. — In vielen Gemeinden, die ein großes Budget hatten, wurde die Parole ansgegeben: „Wir benötigen eine Zugkraft", damit wir recht viel Tempelbesncher haben, um die Tempelsitze, besonders vor den hohen Feiertagen, gut vermieten und das große Defizit decken zu können. Und diese „Zugkraft" kann nur ein glänzender Sänger, der ausgezeichnet zu trillern versteht, bilden. — Da nun Rußland und R n m ä n i e n stets an Ueberflnß derartiger Chasanim leiden und viele dieser armen stimmbegabteu Kantoren nicht wissen, wohin sie ihre Zuflucht nehmen sollen, so richten sie ihr Angenmerk — da Deutschland für sie abgesperrt ist — auf unsere Gemeinden — wo sie mit offenen Armen empfangen werden. Allerdings kann es n i ch t geleugnet werden, daß unter diesen ausländischen Kantoren auch zuweilen höchst achtbare intelligente wahrhaft f r 0 m m e M ä n n e r zu finden waren, den meisten jedoch ging jede Bildung ab. So manche Gemeinde hat jedoch in neuerer Zeit mit solch nngeschulten Natnrsängern sehr traurige Erfahrungen gemacht, so daß es vorkam. daß mancher dieser Helden, der durch heuchlerische und frömmelnde Redensarten es verstanden hat, sich Protektion zu verschaffen und nicht nur seiner krassen Ausbildung wegen, sondern auch seines sonderbaren Lebenswandels öffentliches Aergernis erregt hatte. (Fortsetzung folgt) Uerschiedene Nachrichten. Wien. Sonntag den 26. April 4 Uhr, findet im Stadttempel die Trauung des Herrn Markus P 1 ck. Religionslehrer der israelitischen Knltnsgemeinde Wien, mit Fräulein Frieda Fa l titschet, Tochter des Oberlehrers Isidor F a l r i t s ch e k, statt. Wien. Herr Fritz Bane r, Gesellschafter des bekannten Lederhauses S- Bauer & Comp., hat sich mir Fräulein Sofie Hassan, Tochter des türkischen Großhändlers I. D. Hassan verlobt. Wien. (Silberne Hochzeit). Sonntag den 26. d. M. feiert der k. n. k. Rechnungsrat Herr Albert L ö w i t (IX. Liechtensteinstraße 157) mit seiner Gattin Rosa das Fest der silbernen Hochzeit. Wien. Montag den 20. d. M. ist der ehemalige Religionslehrer und Rabbinatssekretär der israelitischen Knltnsgemeinde, Herr Rudolf Fuchs, nach langem Leiden im 89. Lebensjahre gestorben. Sein fruchtbares, pädagogisches Wirken gehört wohl einer früheren Epoche an, aber unvergeßlich bleibt jenen, die Zeugen seiner Tätigkeit waren, die puritanisch einfache Persönlichkeit des kenntnisreichen Mannes, der mit liebevoller Hingebung den großen Schatz seines Wissens und seiner Erfahrungen der Jugend übermittelte. Welch hoher Verehrung sich der