Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 15 (24.4.1914)
- Date
- 1914-04-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 15. Die Wahrheit Seite 7. Bezug auf Gleichstellung aller Nationalitäten und Konfessionen -in deu Balkanländeru zugekommeue Note wollte Herr Maiorescn gar nicht erst zur Diskussion stellen, da er erklärte, diese Forderung sei. ohnehin in den Balkanländeru bereits Erfüllt,- was allerdings für alle andern Staaken zutrifft — um für Rumänien nicht. Wieder einmal gelang es den rumänischen Diplomaten, die Großmächte zu überlisten und die jüdische Bevölkerung unter völligen Mißbrauch von Treu und Glauben in ihrem Rechte zu. vergewaltigen. Im November wurde uns ans Bukarest berichtet, daß -die erwähnte „Kulkurliga" eine derartige — offenbar von der Negierung inspirierte — Agitation gegen die Juden im .ganzen Königreiche entfalte und gegen ste. weil sie ihre bürgerlichen Rechte verlangen, so sehr die Instinkte des Hasses in den breiten Volksmassen entfeßle, daß Exzesse zu befürchten wären. Die Mitglieder der Liga erklären es offen, das Ziel der Kampagne sei, zu verhindern, daß auch nur die israelitischen Soldaten, welche am Feldzug teilgeuommeu hatten, naturalisiert werden. In einer Versammlung m Jassy am 16. November durfte der Universitätsprosessor (!) A. C. Cnza den Juden öffentlich mit Ausschreitungen in den Straßen drohen und unter Anspielung auf eine ähnliche Agitation im Jahre 1866, bei der man unter anderem den iiraelitiidjeit Tempel in Bukarest demolierte, deutlich zn Gewalttätigkeiten auffordern. „Heute wie im Jahre 1866" rief dieser Repräsentant rumänischer Kllltur, „werden sich rumänische Fleischhauer finden, die bereit sein werden, ihre Messer zn schärfen; es gibt auch noch Synagogen zu zerstören!" Angesichts dieser systematischen Hintertreibung einer 'Erfüllung selbst der bescheidensten Hoffnungen mußten sich die Augen der jüdischen Hilfsorganisationen wieder einmal auf die Großmächte lenken, welche durch Konnivenz Rumänien gegenüber für diesen Unfug verantwortlich sind. Die englische Regierung hat in einer Zuschrift des Foreign Office, welche der Bericht ebenfalls im Anhang wörtlich mitteilt, ausdrücklich erklärt, daß die Bestimmungen des Berliner Vertrages durch die territorialen Veränderungen infolge des Balkankrieges ihre Giltigkeit nicht verloren haben. Umso -schmerzlicher ist es für uns, daß gerade unser Ministerium des Aeußern, obwohl Oesterreich-Ungarn wegen der Nachbarschaft Rumäniens wie infolge des Umstandes, daß nufere Monarchie durch die dortige Bedrückung unserer Glanbensgenosfen am meisten in Mitleidenschaft gezogen wird, unter .allen Signatarmächteu am ehesten zn intervenieren berufen wäre, und obwohl wir erst im vorigen Jahre neuerlich ein Memorandum über den Gegenstand überreicht haben, der für zwei Millionen jüdischer Staatsbürger Oesterreichs und Ungarns von der größten Wichtigkeit ist, sich der Vertragsverletzung gegenüber mehr als kühl verhält. Am 17. .Dezember richtete darüber Graf Karolyi in der ungarischen Delegation -eine-Interpellation an den Minister des Aeltßern. Er stellte Die Anfragen: 1. Ist der Herr Minister des Aeußern geneigt, die Signatarmächte des Berliner Vertrages zn einer gemeinsamen Aktion zu dem Ende aufzuforderil, daß den Artikeln 43 und 44 des mit dem Gesetzartikel 8 aus dem Jahre 1879 inartikulierten Berliner Vertrages Geltung verschafft und daß diese Geltung auch auf die durch Rumäuieu annektierten neuen Gebiete erstreckt werde? 2. Hat der Herr Minister Kenntnis davon, daß die .Regierung Englands bereits solche Schritte initiiert habe, und wenn ja, welchen Standpunkt hat er diesen Schritten gegenüber eingenommen? Graf Berchtold erwiderte darauf: Ich beehre mich, die Interpellation des Delegierten Grafen Michael Karolyi in folgendem zu beantworten: In Angelegenheiten, welche § 44 des Berliner Verträges berühren, können erfolgreich nur sämtliche Signalarmächte eiuveruehmlich Vorgehen. Ich glaube nicht, daß ein derartiger einveritehmlicher Schritt zustandegebracht werden könnte, und bin der Ansicht, daß wir trotz der Sympathien, welche jedermann für die religiöse Gleichberechtigung h-gt. kein Interesse haben, in dieser Angelegenheit die Initiative zn ergreifen. Ich bemerke auch sofort, daß ich von einer derartigen Initiative derenglischen Regierung keine Kenntnis besitze. An uns hat sich die englische Negierung in dieser Frage nicht gewendet. Wir betrachten es als eine eigentümliche und sehr bedauerliche Aufsassuug. wonach eine Intervention auf Grund eines internationalen Vertrages davon abhängig gemacht wird, daß dieselbe von sämtlichen Garanten ausgehe und eine einzelne Macht (dazu eine benachbarte) einzuschreiten nicht kompetent wäre. Gerade die Geschichte des Berliner Vertrages hat oft gezeigt, daß einzelne Großmächte, wenn es ihnen gepaßt hat, mit Bezug auf Interventionen viel weniger schüchtern waren. Welche traurige Wirkung aber die Auffassung unserer Regierung in Rumänien erzielt hat, geht aus einem Bericht hervor, den wir im Januar d. I. erhalten haben und in welchem es wörtlich heißt: „Die Situation ist für die rumänischen Juden umso trauriger, als die Antwort des Grafen Berchtold ans die Interpellation des Grafen Karolyi in der ungarischen Delegation geradezu eine Ermutigung für die rumänischen Staatsmänner war. ihren Standpunkt in der Jndeufrage nicht zn äuderu. So werden denn die Liberalen in nicht allzuferner Zeit eine Coustituanle eiuberufen, um eine Aenderung einiger Paragraphen der Landesverfassung zu vollziehen, ohne aber an den der Emanzipierung der Inden hinderlichen Paragraph 7 zu rühren." _ Generalversammlung der Israelitischen Allianz. Am 20. April um 6 Uhr abends fand im Saale der israelitischen Kultusgemeinde unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern die 41. Generalversammlung der Israelitischen Allianz statt. Vom Vorstande rvaren außerdem Präsidenten die Bicepräsideirten. Dr. Arthur Knrauda und Dr. Felix Katzan, ferner die Herren Wilhelm Pappenheim. Dr. Nireusteiu, Overrabbiuer Dr. Güdemaliu, Prof. Dr. S. Ehrmann, M. Eißler. der Vicepräsident der Anglo-Oesterreichischen Bank Generalrat Adolf Klein, Prof. Dr. Josef Pollak, Julius Reitlinger nnd kais. Rat Leopold Sachs Edl. v. Sachseuhall anwesend. In der Versammlung bemerkte mau die Mitglieder des Kultnsvorstandes, Vicepräsident Hofrat Dr. Nappaport. Adolf Schramek und Dr. Heinrich Schreiber, die Rabbiner Dr. Feuchtwang. Dr. Grunwald. Dr. Roseumanu, Dr. Bauer nud Dr. Frankfurter. Oberstabsarzt Dr. Byk, die Redakteure Dr. I. S. Bloch nnd Dr. M. Löwy. kais. Rat Moriz Waizner, kais. Rat Dr. Theodor Lieben, Dr. Emil Adler, Inspektor Prof. Kanitz. Prof. Antscherl. Heinrich Mendel. Dr. A. Kapralik, Bernhard Hofbauer, Prof. Dr. Königstein. S. Goldmann. Dr. Leopold Stern. Gitido Fuchsgelb, Oberoffizial Steiner u. v. a. Der Präsident eröffnet die Versammlung, indem er auf die Nachrichten über die Erkrankung Seiner Majestät des Kaisers Bezug nimmt und mtter lebhafter Zustimmnng aller Anwesenden, die sich von ihren Sitzen erhoben, dem innigen Wuusche Ausdruck gibt, daß der Kaiser seine vollkommene Gesundheit bald wieder erlange und noch viele Jahre seine glorreiche Regierung znm Wohle der Monarchie fortsetze. Ueber Antrag des Herrn Dr. Kapralik wird von einer Verlesung des umfangreichen, den Mitgliedern bereits seit mehreren Tagen zugegangeneu und von ihnen mit großem Interesse gelesenen Jahresberichtes abgesehen. Professor Antscherl hebt hervor, daß der Bericht der Israelitischen Allianz ein wichtiges Dokument der jüdischen Geschichte bilde. Die Allianz habe sich auch im verflossenen Jahre als „Mutter in Israel" bewährt, indem sie anläßlich des Beilis-Prozeffes und der vielfachen Verfolgung unserer Glaubensgenossen in Rußland, sowie im Kampfe für die Gleichberechtiglkug der Juden in Rumänien. in der Hilfsaktion für die Opfer des Krieges in den Balkanländern, in