Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 15 (24.4.1914)
- Date
- 1914-04-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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^eite 5. Nr. 15, Die Wadrhett. Die Anden in Rumänien. , , t Der 51 tr GenevnlperfammIling der „Israel., Allianz iu Wien" veröffentlichte inhaltsreiche Jahresbericht.enthält liebst anderen, überans interessante Mitteilungen über die Lage derJuden in ,Rumänien, die wir Im Nachstehenden auszngsweise wiedergeben: . Im gleichmäßigen, schweren und erfolglosen Kampfe, den hie Juden Rumäniens gegen die Vergewaltigung durch eine pflichtvergessene Regierung, gegen die schamlose Unterschlagung der ihnen im Berliner Vertrag von allen Signatarmächten gewährleisteten bürgerlichen Rechte, zu führen gezwungen sind, gab es im verstossenen Jahre znm erstenmal für; flirre Zeit eine Abwechslung. Einige Wochen hindurch dursten unsere. Glaubensgenossen den Lichtstrahl einer neuen Hoffnung genießen und beinahe mit Sicherheit erwarten, daß ein erfreulicher Umschwung in ihrer Lage unmittelbar bevorstehe; daß.wenigstens ein beträchtlicher Teil von ihnen anfhören wird, - als landesfremd und rechtlos behandelt zu werden. Ein ungewöhnliches Glück hatte für Rumänien günstige Umstände zur Einmischung in die Balkankämpfe geschaffen. Der Zerfall des unseligen Balkanbundes und der glühende Haß der Serben und Griechen gegen Bulgarien ermöglichten es König Carol durch seine rasche Mobilisierung des rumänischen Heeres mit großem Erfolge am neuen Kriege teilznnehmen. Der Appell an den Patriotismus der Bevölkerung richtete sich nun, wie nicht anders zu erwarten war, auch an die Juden, die sonst wie Parias behandelt werden. Diese haben wie immer mit rührender Hingebung und Opferwilligkeit ihre Vaterlandsliebe bekundet. Die Zahl der ausgehobenen und der freiwillig unter die Fahnen getretenen Inden wird auf 25.000 geschätzt. Diejenigen Juden, welche nicht selbst eingerückt waren, haben alles getan, um dem vaterländischen Heere zu nützen. Alle jüdischen Spitäler und Schulen, selbst Tempelränme, wurden dem Kriegsministerinm zur Verfügung gestellt und beträchtliche Spenden wurden trotz der wirtschaftlichen Notlage zn Gunsten der Familien der Eingerückten gewidmet. Da die rumänischen Staatsmänner schon vorher durch das publizistische Einschreiten eines Mannes wie Lnigi Luzzatti für die Emanzipation der Inden, dann durch die publizistischen Kundgebungen von Clömeuceau an ihre in den internationalen Verträgen festgelegten Pflichten vor ganz Europa laut erinnert wurden und der begonnene Feldzug — dessen Ansgang man nicht mit Sicherheit ja doch nicht voraussehen konnte — eine Kaptiviernng der öffentlichen Meinung notwendig erscheinen ließ, so fingen auf einmal Minister, Senatoren, Parteiführer und Publizisten aller Schattierungen mit Engelsznngen an, von einer bevorstehenden Belohnung des nun dokumentierten Patriotismus der Inden, durch Verleihung der Bürgerrechte — zum mindesten an die in deu Krieg gezogenen jüdischen Soldaten und deren Familien — zu sprechen. Dieses Ergebnis schien im Juli 1913 während des Feldzuges so natürlich und .so gewichtige Politiker hatten sich in Rumänien dafür engagiert, daß manche führende Persönlichkeiten die Frage erwogen, ob es der Würde der jüdischen Bevölkerung entspreche, sich mit der Abschlagszahlung der in Aussicht gestellten Massen-Naturalisation zn begnügen oder ob sie in diesem historischen Momente jedes demütigende Gnadengeschenk ablehuen und die volle Gleichberechtigung fordern muffe. Der -enator Lahovary war der erste, der im Juli seine Stimme zu Gunsten einer Naturalisation der jüdischen Soldaten erhob. Der Minister Marghiloman erweckte, freilich in diplomatischen Wendungen, deren Hohlheit sich später zeigen-sollte — dieselbe Hoffnung, indem er erklärte, das Dienen unter der Fahne sei der beste Titel zur Erwerbung der Bürgerrechte. Welche Stimmung während der Sommerwochen im Laude mit Bezug auf die Juden herrschte, darüber mögen einige von den zahlreichen Aeußerungen Aufschluß geben, welche, die „Union der im Lande geborenen Israeliten" provoziert hat. Take J o n e s cn, . Minister des Innern: „Anläßlich der Mobilisierung haben sich die Inden sehr gut aufgeführt, nicht etwa weil sie eine Pflicht erfüllt haben, der sie sich nicht hätten entziehen können, sondern weil sie den Takt befaßen. über ihre besonderen Schmerzen ’ zu schweigen. Die Folge war, daß von überall und ohne vorheriges Einverständnis das Wort erging, daß die mobilisierten Juden zu. naturalisieren seien. Es ist jetzt sicher, daß die Sache sich machen wird und der Beschluß der Sache ist heute von ganz anderer Wichtigkeit. Wenn man bei dieser Gelegenheit das sehr richtige Prinzip anuimmt, daß die Natnralisiernng eines Jndtvidnums diejenige der Frau und der minderjährigen Kinder zur Folge hat, wird diese Maßnahme viel größere Folgen haben, als man davon erwarten konnte." C o n t i n e s c u, ehemaliger liberaler Finanzminister: „Es ist nicht zulässig, daß alle Jriden, welche in der Armee dienen und gedient haben, nicht naturalisiert würden. Sie haben dem Vaterlande den größten Tribut gezahlt, deu ein Land von seinen Söhnen fordern kann. Es ist infolgedessen notwendig, daß ihnen alle Rechte gewährt werden. Ich meine, daß man nach der Revision der Konstitution einen eluzigeu Artikel aufftelleu könnte, welcher alle Juden umfaßt, . die unter der Fahne gedient haben. Wir naturalisieren so alle jungen Inden. Die anderen werden später stufenweise zngelasfen." C. C. A r i o n, Domänen- und Ackerbauminister: „Ich wünsche, daß die Naturalisation der Juden in großem Maßstabe dnrchgesührt iverde, mit Freimut und Aufrichtigkeit. Die individuelle Stimmenabgabe nach Liften erfordert zu viel Zeit, was sich mir nuferer parlamentarischen Technik durchaus nicht vereiubareu läßt. Nach meiner Meinung beläuft sich die Zahl der mobilisierten und freiwilligen Juden auf 15.000—20.000, Angenommen nun, die Mindestzahl von 5 Mitgliedern für jede Familie, ergibt sich, daß 70—100.000 Personen der gesunden, assimilierten, kräftigen Bevölkerung zu Bürgern erklärt würden. Das jüdische Problem hätte so viel von seiner Schärfe verloren und es würde für das Land nichts als Gutes daraus entstehen." Fürst Leon G h i c a Dumbraveni, Abgeordneter: „Ich bin ein entschlossener und überzeugter Parteigänger der vollständigen Nationalisierung der mobilisierten und freiwilligen Inden. Ihr Mut hat einen nmso größeren Eindruck auf mich gemacht, als es mir nicht unbekannt ist, daß die Juden wie alle alten intellektuellen Handelsvölker nicht das Temperament des Kriegers besitzen. Der überlegte Mut steht vielleicht noch höher, als der instinktiv oder angeborene, welcher sich fast unwillkürlich äußert. Derüberlegte Mut beweist Idealismus und zeugt von einem Geist der Entschiedenheit, welcher um so edler ist, als er das Opfer des Individuums in einer teuern Sache bedeutet." Dr. Jstrati, einstiger Minister der öffentlichen Arbeiten, Domäuenminister und Unterrichtsminister, Professor der wissenschaftlichen Fakultät, Mitglied der rumänischen Akademie : „Ich habe den Mut, laut zu erklären, daß die Klasse der intellektuellen rumänischen Juden über der gleichartigen der galizischen und russischen Inden steht. Unsere Juden wurden wahrhafte Menschen, seit sie mir der europäischen Kultur in Kontakt stehen. Deshalb habe ich mich auch in jeder Hinsicht gegen die Infamie — ja Infa m i e — ausgesprochen, welche begangen w u r d e, i n d e m m a n d i e I u d e n von unseren ö f fe n t l i ch en S ch n len an s s ch l o ß. Nächsten Herbst werde ich eine wirklich patriotische Pflicht erfüllen, indem ich im Senat nicht nur Vorschläge, daß man den jüdischen Kindern weit die Türen unserer Schulen öffne, sondern daß man diese Kinder, zu deren Unterhalt übrigens ihre