Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 14 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 14. gegeben — durch das Gebet des Ckasan kakeneses (Kantor) seine Pflicht erfüllt hat. Selbstverständlich mußte dersOkasau vor allem durch gediegene Fachkenntnis sich anszeichnen, einen streng religiösen und moralischen Lebenswandel führen und durch Bescheidenheit, Demut und Sanftmut sich die allgemeine Liebe, Achtung und Zufriedenheit erwerben können. So z. B. wird im Tal. Taanit. 16 vom Vorbeter, der bei der wegen Regenmangel abgehobenen öffentlichen Andacht zu fungieren hatte, folgende Kenntnisse und Eigenschaften verlangt: nK3 '.nti rrws J?'T i'v wi b s'rri bsiaa nvirr "-> L'rr'2321 .-IN-22 212PV 'P21 2^V 'ibpi nö’W wi täte namai “p2 ♦*V2'i n**2in22i Tatsächlich haben die Gemeinden auch in späteren Jahrhunderten bei der Anstellung eines Okasaii auf die hier erwähnten Eigenschaften und Kenntnisse Hauptgewicht gelegt. Es mochte ein Ckasan als Sänger der größte Künstler gewesen sein, wenn sein moralischer Lebenswandel nicht ganz einwandfrei war, so wurde ihm vom Rabbiner, wie überhaupt von den frommen Deals Batfcim nicht gestattet, als Selioliacli Zibbur zu fungieren. Der Ckasan mußte vor allem raeru.20 lekokol, d. h. sich die a l l g e m e i n e Z usried en h eit erwerben, daher man bei der Ausnahme des Vorbeters skrupulös war, daß man die Majorität der Stimmen nicht beachtete, wenn eine Minorität in der Gemeinde aus erheblichen Gründen dagegen protestierte. Es kann jedoch nicht geleugnet werden, daß der w ü r d i g e Vorbeter sich tatsächlich in früheren Zeiten der allgemeinen Hochachtung und Verehrung erfreut hatte. R. Salomo den Aderet erklärte den würdige n Vorbeter für unabsetzbar und erklärte seinem Sohne das Successionsrecht zu. (Tur. O. Ch. 53.) Wenn nun der Ckasan, wie hier in Kürze nachgewiesen wurde, nächst dem Rabbiner in der Synagoge höchstwich t i g e Funktionen zu verrichten hat und daher mit Fug und Recht gleich jenem ein Religionsdiener genannt zu werden verdient, warum wird er dennoch offiziell so wenig beachtet und gewürdigt? Die Antwort ans diese Frage ist nicht so schwer zu finden. Wer irgend ein Amt bekleiden will, muß, wenn er sich um einen seinen Kenntnissen und Fähigkeiten entsprechenden Posten bewirbt, durch Dokumente Nachweisen können, daß er eine anerkannte Fachschule mit bestem Erfolge absolviert hat. Der Rabbinatskandidat muß diellesekika oder das Rabbinerseminar, resp. theologische Lehranstalt, der Lehramtskandidat die Lehrerbildungsanstalt und der Vorbeteramtskandidat die Kantorenschule besucht haben. In welcher Kantorenbildungsanstalt aber soll der Kantoratskandidat sich sein Zeugnis erwerben. wenn bei uns überhaupt eine solche öffentliche Anstalt nicht existiert? Und ein Lehrgegenstand, der in keiner öffentlichen Anstalt tradiert wird, findet selbstverständlich wenig Beachtung. Was Wunder also, daß der Kantor — wäre er auch der würdigste, befähigste und kenntnisreichste Mann, an welchen es auch heute, besonders in größeren Städten nicht fehlt — offiziell stiefmütterlich behandelt wird. Um mich etwas prägnanter ausdrücken zu können, will ich hier folgendes Gespräch, daß ich vor wenigen Jahren mit einem alten Freunde über dieses Thema führte, reproduzieren: Vor ungefähr drei Jahren besuchte mich mein alter Freund, Herr H. L., Kultusvorsteher in T., den ich schon mehrere Jahre nicht gesehen hatte. „Es freut mich wahrhaftig sehr", sagte ich, „daß Sie doch wieder einmal das Bedürfnis haben, mich aufzusnchen. Stehen Sie noch immer mit den hiesigen Großhandlnngshäusern R. B. W. K. rc. in Verbindung?" „Das wohl nicht", entgegnete er, „denn ich habe mich bereits vor drei Jahren von meinem großen Geschäfte, das ich meinem Sohne Wolf übergab, zurückgezogen, um mich ungestört ganz meiner Gemeinde widmen, zur Förderung und Erhaltung ihrer religiösen und hnmauitären Anstalten mein Schärflein beitragen zu können. Nichtsdestoweniger finb es Geschäfte, und zwar Amtsgeschäfte, die mich veranlaßt haben hieher zu kommen und mir bei Ihnen in mancher Angelegenheit Rat. zu holen. Bevor ich jedoch auf das eigentliche Thema — das mit Ihnen näher zu besprechen mich veranlaßt hat Sie aufzufuchen — zu sprechen komme, gestatte ich mir Sie zu bitten, mir gefälligst folgende Fragen zu beantworten. Es dürfte Ihnen wohl aus früherer Zeit bekannt sein, — daß ich, obwohl ich auf theologisch rabbinischem Gebiete ein Laie bin — mich stets für jüdische Angelegenheiten sehr warm interessiere. Ich lese noch jetzt mehrere jüdische Zeitschriften und da habe ich ans einigen derselben entnommen, daß es außer der sogenannten uralten „Jndenfrage" auch eine „Kantorenfrage" gibt, die man durch Gründung einer, oder mehrerer Kantoreubildungsanstalten löfen zu können glaubt. Nun frage ich Sie, ist denn in unserer Zeit bte Gründung solcher Lehranstalten wirklich ein so dringendes Bedürfnis, das unter allen Umständen befriedigt werden muß? Seit ungefähr dreißig Jahren bekleide ich das Amt eines Knltnsvorstehers in unserer Gemeinde. Während dieses langen Zeitraumes sind wir mindesten» zehnmal in die Lage gekommen den Konkurs behufs Besetzung des vakant gewordenen Kautorposteus in verschiedeneuZeituugeu ausschreiben zu lassen, und jedesmal sind 40 bis 50 Kompeteuzgesuche eingelanfen, Jeder einzelne dieser Bewerber äußerte in seinem Gesuche den Wunsch, behufs Abhaltung eines Probevortrages eingeladen zu werden, damit ihm Gelegenheit geboten werde entsprechende Proben seiner Fähigkeiten, seiner hohen künstlerischen Begabung rc. liefern zu können. Wären wir geneigt gewesen den Wünschen dieser Herren zu entsprechen, so hätten wir — da in der Regel nur dem Acceptierten die Reisespesen vergütet werden — auf die leichteste Weise den ganzen Jahresgehalt, den wir dem jeweiligen Kantor bezahlen, ersparen können; allein so rücksichtslos sind wir nicht, daß. wir von einem armen Kultnsbeamten es verlangen werden auf seine eigenen Kosten Probefahrten — oft Irrfahrten — zu machen. Wir beriefen daher immer nur drei Kompetenten zur Probe, und da nur einer gewählt werden konnte, so wurden diesem sämtliche Spesen — das heißt auch die Uebersiedlungskosten — vergütet, während den anderen zwei Bewerbern blos ein entsprechender Betrag zur Deckung ihrer Auslagen aus der Gemeindekassa verabreicht wurde. Nun frage ich Sie, beweisen nicht diese massenhaften Kompetenzgesuche, daß wir heutzutage nicht an Mangel, sondern vielmehr an Ueberflnß von Kantoren leiden? Ist es daher notwendig Kantorenbildungsanstalten zu kreieren?" Mein lieber Freund! erwiderte ich ihm, gerade der Umstand, daß nach dreißig Jahren der Markt mehr noch als zuvor mit Kantoren überschwemmt wird, beweist zur Genüge, wie dringend notwendig, die Kreiruug einiger Kantorenbildungsanstalten sei. Diese meine Behauptung dürfte Ihnen wohl rätselhaft erscheinen, nun denn ich will sofort dieses Rätsel zu lösen versuchen. (Fortsetzung folgt) Das Märtyrin,» eines Idealisten. E i n e R e m i n i s z e n z. Von Beu Jehuda. (Schluß.) Bittermauu sah nun ein, daß er, so lauge er das- Vorsteher-Amt bekleidet, dem Rabbi, als dessen Freund er noch immer gelten wollte, nicht so leicht zu Leibe kam, daher verhielt er sich eine Zeitläng ganz ruhig und ließ den armen Rabbi unbehelligt. Eines schönen Tages jedoch — es war nämlich knapp vor den Neuwahlen — hatte er plötzlich und zwar aus Gesundheitsrücksichten, demmissioniert. Die Wahlen wurden , ausgeschrieben und Bittermann, der noch immer einen starken Anhang in der Gemeinde hatte, da er mit den maßgebendsten Familien verwandt war, ließ im geheimen, damit man nicht merke, daß er der Inspirator sei, für Emanuel Broditsky Propaganda machen. Wird einmal Broditsky zum Vorsteher gewählt, so kalkulierte er, dann muß der Rabbi bald die Flucht ergreifen. Wie sehr enttäuscht aber war der gute Bittermann, als er sah, daß der neue Präses dem Rabbi mit der