Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1914-04-10 · Heft 14 (10.4.1914) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 14 (10.4.1914)
Date
1914-04-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3062972-3063725-3063739--08987-3076200
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 14. Die Wahrheü ist der..Besitz der.Thora teuer erkauft. Israel aber frug nicht, welche Satzungen enthält Deine Thora, sondern rief einmütig aus: naase ^enisobrna. Alles was der Ewige gesprochen, wollen wir beherzigen und durch die Tat ' im Leben verwirklichen." Ja die Leidensfchnle, die unsere Ahnen in Mizraim dnrchgemacht, hat sie vergeistigt, veredelt und zu Gott znrückgesührl. Diese Behauptung findet in der bereits erwähnten göttlichen Aenßernng ihre Begründung. „Wissen sollst dn. daß einst deine Nachkommen in-einem Laude, das ihnen nicht gehört als Fremde verweilen werden, man wird sie dort Jahrhunderte lang knechten.und quälen', hernach aber werden sie mit großen Reichtümern versehen —. nicht bloß mit irdischen und zeitlichen Gütern, sondern auch mit geistigen Schätzen und reichen Erfahrungen — die ägyptische Leidensfchnle verlassen und fähig sein die Dhora in Empfang zu nehmen und für die Verbreitung ihrer menschenbeglückenden Lehren Sorge zu tragen. Man sieht also, das; Jezias Mizraim d'as wichtigste Ereignis in der Geschichte des Jlldennuns ist nnd deshalb wird es so oft und so nachdrncksvoll in der heiligen Schrift betont. „Bedenke, daß du ein Knecht warst in Aegypten nnd da hat dich der Ewige dein Gott durch ungewöhnliche Ereignisse, durch wunderbare Begebenheiten befreit, erlöst. Durch die errungene Freiheit wurde der Weg zum Sinai d. h. zur Thora gebahnt. Ohne Jezias Mizraim hätte es keinen Sinai, ohne Sinai keine Thora gegeben ttnd ohne Thora hätte die Welt, die siittlich-moralische Welt, mit nichten jene Säulen, Trag- und Stützpfeiler erhalten, denen sie noch heute ihren Bestand, ihre Exlstenz zn verdanken hat. Und wie wird bei uns dieses hochwichtige Ereignis gefeiert? Durch einen feierlichen Festgoltesdienst, wie durch Beobachtung verschiedener, ans das Peßachsest Bezug habende Gebete, Vorschriften, Zeremonien nnd Bräuche. Die bedentnngsvollste Feier des Peßachfestes ist der Seder, der häusliche Gottesdienst, der in des Wortes weitester Bedeutung ein Jngeitdgvttesdienst genannt zn werden verdient. Webigad’to Pbincbo, dn sollst an diesem Abende deinen Kindern erzählen, daß Gott der Herr unsere Ahnen ans Mizraim — wo sie in der Leidensschttle die schwersten Prüfnngell bestanden, ohne dem Glauben der Väter abtrünnig geworden zn sein — durch wunderbare Begebenheiten befreit, erlöst hat. Webigad’to. Einschärfen sollst dn deinen Kindern, daß der Allgütige, unsere Ahnen, die sich in Mizraim wacker gehalten nnd trotz des schweren Druckes, mlter dem sie Jahrhunderte lang schmachteten, sich um keinen Preis assimilieren wollten, deshalb aus dem G-olus befreite, um ihnen am Sinai die Thora verleihen zu können, eine Religion der tätigen Liebe, Torot cbesed, eine Religion, die jeden Haß, Neid nnd Groll, jede Rachgier nnd Versolgnngssncht. jede Engherzigkeit nnd Tyrannei streng verbietet nnd nur reine Menschenliebe, Menschenfreundlichkeit nnd Menschenverbrüdernng lehrt und predigt. Ja, dieser Herz und Gemüt erhebende häusliche Gottesdienst ist geeignet, das religiöse Gefühl in den Herzen der Jugend wachznrnfen nnd rege zn erhalten. Wer von uns erinnert sich nicht der schönen, goldenen. Jugendzeit, wo er mit wahrer, inniger, kindlicher Freude dem Peßachfeste, besonders den Sederabenden entgegensah, um in dem festlich geschmückten Elteruhanse den teuren Vater beim Lesen der ELagada interpellieren nnd das Ma nischtano mit Pathos vortragen zn können? Ach. das war ein wahrhaft beglückendes nnd entzückendes Familienfest. Und selbst in unserer glaubensschwachen Zeit, in der leider der kalte frostige Jndifierentismns sich überall breit macht, so daß mau das sogenannte patriarchalische Familienleben nur noch ans „Ghettogeschichlen",kennt, sind es die kleinen Kinder,- die sich ans das Peßachsest, besonders auf die Sederabenden überaus freuen; allein in gar vielen Häusern des moderen Judentums wird diese Freude den jungen, zarten Kindern verleidet, weil eben dort von einer Peßachfeier keine Spur zu -findenist. Wenn das Kind solcher, für Assimilation schwärmender Eltern — da es in der Schule das Ma nisobtane gelernt nnd von den Kindern konservativer Eltern den schönen herrlichen, feierlichen Sederabend schildern gehört — die Frage an seinen Vater richtet: „Papa! Warum gibt es bei uns keinen Peßach. keine Mazot und keine Sederfeier wie bei den meisten andern Juden? so gibt ihm der als Freigeist sich gebärdende Vater als Antwort die Gegenfrage „Mo boawodob hasos locbem? Wozu sollen überhaupt in unserer knltnrfrenndlichen, aufgeklärten, lichtvollen Zeit diese längst veralteten, von der Kultur der Zeit überholten Satzungen, Zeremonien und Bräuche, die uns an den vor Jahrlansenden staltgefnndenen Auszug ans Aegypten Jezias Mizraim erinnern sollen? Was kümmert uns überhaupt Mizraim und Kanaan, wir sind keine Morgenländer, sondern freie von europäischer Kultur beleckte Staatsbürger und haben mit dem alten orientalischen Zeug nichts mehr gemein". — Wahrlich die Antwort, die der Rabbi in der Hagaba dem Kofar, Gottes lengner, zu geben empfiehlt, zeigt von Scharfsinn und großer Menschenkenntnis, denn sie erscheint heute noch aktuell, so gilt es einen modernen Assimilanten von der Hohlheit, Leerheit und Nichtigkeit seiner abgedroschenen, lächerlichen Phrasen zu überzeugen. Dell sebozio es azmo min baklol Ivofar boikor. „Derjenige, der sich von der Gesamtheit ansschließt, ist ein Gottesleugner und den kann man kurz abseitigen, ihm sagen: „Dieser häusliche Gottesdienst wird deshalb abgehalren, weil Gott mich ans der ägyptischen Knechtschaft ans wunderbare Weise befreit har, li, welau lau, m i ch, aber u i ch t ihn — Ilu bojo scbom, lau kojo nigol, hätte es aber dort lauter solche Verst o ck t e A s s i m i l a n t e n gegeben, wahrlich es hätte eine Erlösung nilmöglich stattfinden können, und ohne Erlösnng ans Mizraim, wären um e w i g e Sklaveuseelen, serviele Kreaturen geblieben, wahre Mesebubodim, die für Assimilation schwärmen nnd sich glücklich fühlen, wenn sie von ihrem Herrn mit einem Fitßrritt beehrt werden. Nur durch die Befreiung ans der ägyptischen Knechtschaft konnte Israel zum Sinai gelangen, wo ihm die Thora verliehen wurde, der allein es zn verdanken hatte, daß es zn einem edlen, freiheitsliebenden Kulturvolle herangebilder wurde. Ja, am Sinai ist die Wurzel jenes mächtigen und kräftigen, den Stürmen aller Zeiten trotzenden Baumes an dessen herrlichen Früchten sich nicht nur Israel, sondern auch die andern kultivierten Völker der Erde seit Jahrtausenden labten. „Als deine Gesetze zur Erde kamen, lernten Gerechtigkeit üben die Bewohner der Welt," (Jesaias.) Scbomor es cliodesch boowiw. „Beachte wohl den Frühlingsmonac nnd feiere das Pesacbfest dem Ewigen, deinem Gott zn Ehren, denn im Frühlingsmonate hat dich der Ewige deill Gott ans der finstern Nacht des ägyptischen Druckes befreit und dann zum Siicai gebracht. Wie die Narnr im Frühlingsmonate aus ihrem Winterschlafe erwacht nnd alles in ihr sich trefflich entwickelt und entfaltet, ebenso hat Israel in der Frühlingszeit seiner Freiheit eine überaus segensreiche Tätigkeit entfaltet. „Als Israel ans Mizraim zog, das Hans Jakob aus dem Volke der Barbaren, da war Jehnda sein Heiligtum. Israel ein große, edles, höhere Ideale erstrebendes Kulturvolk." Das Dar beteramt. Boa W. Katonimos. Das Kantorat oder Vorbeteramt ist so alt wie die Synagoge. Wie die Priester im heiligen Tempel in Jerusalem die Aufgabe hatten, das Volk bei Gott zu vertreten, so hatte auch der Vorbeter schon in graner Vorzeit in der Synagoge*), die als Mikdoscb meat, als kleines Heiligtum betrachtet wurde, die Mission als „Soboliacrk zibbur“, „Abgesandter der Gemeinde", für dieselbe zn Gott zn beten, so daß selbst die Unwissenden — denn solche hat es wohl zu allen Zeilen *) Während des zweiten Staatslebens war im Tempel zu Jerusalem, und zivar iu der Gnadenhalle „Lisehchat hagosis“, eilte Synagoge, in der täglich gebetet und gelehrt wurde. Der Hauptsuukrionär derselben hieß „Chasan. hakeneaet“, nnd das Oberhaupt Roaek hakeneses“. (Tosifta Succa 4, Joma 7, 1, Sota 7, 8.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.