Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 14 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 14. Die Wahrheil Seite 5. verschließ-n, aber es ist auch ein anderer Appell, der in diesem großen Unglück an mich herantritt, den: ich mich nicht entziehen kann und auch Sie sich nicht verschließen werden. Hochverehrter Vorstand! Ich befinde mich im 80. ten Lebensjahre. Wenn mir auch Gott bis jetzt die Gabe, mich weithin vernehmlich zn machen, erhalten und mich davor bewahrt hat, ans der Kanzel den Eindruck der Gebrechlichkeit zu machen, so muß doch auch ich den Einflüssen und Gefahren des hohen Alters Rechnung tragen. Der graue Staar, an dem ich leide, vermindert meine Sicherheit auf der Estrade. Ich gehe jedesmal, besonders mit der Thora im Arme, voll Angst die wenigen Sinsen hinunter. Ich habe deshalb in den letzten Zeiten wiederholt mit meiner Frau die Notwendigkeit erwogen, das Predigen anfzngeben. Nun hat Gott, in seinem unerforschlichen Ratschlüsse, vor dem ich mich beuge, mii; mein Kind genommen und mich dadurch der Herzensheiterkeit beraubt, die bei mir von jeher der Quell des rednerischen Jmpnlses und Aufschwungs gewesen ist. Vermag ich bei allem Gottvertranen imd Pflichtgefühl in meinem Alter einen dahingeschwundenen Zustand zn erneuern, von dem ich sagen muß, daß es ein Wunder ist, wenn er mir überhaupt bis in mein Alter treu geblieben ist? Hochgeehrter Vorstand! Ich bin in diesen schweren Tagen ernstlich mit mir zu Rate gegangen und zu der Erkenntnis gekommen, daß ich das Predigtamt in seinem ganzen Umfange, ans der Kanzel, bei Trauungen und Leichenbegängnissen ausgeben muß. Es wird mir schwer dieses'Bekenntnis abznlegen. aber srrnt oerti denique fines! 'Diese Gewißbeit wird mir von dem großen Unglück, das mich betroffen hat, nur zu nahe gelegt, und dieser Appell übertönt jeden anderen. Ich gewinne es einfach liidEjt mehr über mich, wie früher mit heiterem Geist und Sinne zu predigen, ich sehne mich nach Ruhe und Zurückgezogenheit, woraus ich gewiß Anspruch habe, und ich muß mich miUdem Gedanken trösten: es ist besser, daß ich sage: „Genug!", als daß ich abwarte. bis es die Gemeinde sagt. Unter diesen Umständen sehe ich mich genötigt, um eine Pensionierung anzusuchen, damit ich von allen Verpflichtungen. die mit dem Predigtamt verbunden sind, befreit werde. Ich lege meine materielle Zukunft in Ihre Hände und darf wohl voraussetzeu, daß mir und meiner Frau nufere bisherigen Sitze im Tempel zur Verfügung bleiben. Was den Vorsitz im Rabbinat betrifft, so bin ich bereit, da er keine Aufregung verursacht, ihn bis auf Weiteres beiznbehalten und stehe überhaupt für die Abfassung von Gutachten und dergleichen zu Diensten. ' Ich bitte hiernach, für Pessach und die folgende Zeit für gefällige abwechselnde Vertretung bei allen Tempelfnnktionen bis zur Wahl eines Nachfolgers Sorge tragen zn wollen. Durch eine möglichst rasche Erledigung dieses Ansuchens. am liebsten ohne meine persönliche Einvernahme, die mich nur anfregen könnte, würden Sie mich besonders verpflichten. Ich verbleibe mit außerordentlicher Hochachtung und Dankbarkeit Ihr ganz ergebener Dr. Gndemann m. p. Wien, 31. März 1914. Euer Ehrwürdeu! Hochverehrter Herr Oberrabbiner! Ihr sehr geschätztes Schreiben vom 10. März l. I. und der darin ausgesprochene Entschluß hat den Vorstand der Kultusgemeinde auf das tiefste bewegt. Er fühlt mit Ihnen die Schwere des Geschickes, das Ihnen einen Entschluß abringen konnte, der so wenig Ihrer stets bewährten Willenskraft entspricht; in ebensolchem Maße ist er sich aber der Verantwortung gegenüber der Gemeinde bewußt. die es ihm verbietet, Bande, wenn auch nur äußerlich zn lösen, durch welche Sie, hochverehrter Herr Oberrabbiner, seit nahezu einem halben Jahrhundert mit der Gemeinde auf das innigste verknüpft sind. Der Vorstand hat deshalb in seiner Plenarsitzung vom 29. März d. I. einhellig den Beschluß gefaßt, Ihrem Ansuchen um Versetzung in den Ruhestand keine Folge zu geben, indem er Die gleichzeitig insolange Sie es wünschen sollten, von allen Berpflichtnngen Ihres Predigeramtes enthebt, es geschieht dies schweren Herzens und mit der Hoffnung, daß es der Gemeinde bei besonderen Anlässen doch noch gegönnt sein wird, sich Ihrer Meisterschaft auch auf diesem Gebiete zn erfreuen; Ihrer kraftvollen, richtunggebenden Tätigkeit in den anderen Zweigen Ihres Amtes kann und will der Vorstand aber auch nicht zeitweise emraren und er bittet Sie deshalb, sich dieser Tätigkeit zu widmen, soweit es in Ihren Kräften steht. Ich kann diese Mitteilung nicht schließen, ohne auch persönlich einem aits tiefstem Herzen quellenden Wunsche Ansdruck zn geben, in dem ich mich Eins weiß mit dem gesamten Vorstande und der ganzen Gemeinde, daß es Ihnen n n b n n s b e s ch i e d e n sein möge. Sie, hochverehrter Herr Oberrabbiner, in nicht allznferner Zeit in wiedererlangter Kraft und Frische Ihres hehren Amtes walten zu sehen. In ansgezeichneter Hochachtung ergebenst Sekretär: Der Präsident: Dr. Emil Adler m. p. Dr- Alfred Stern na. p. Hochgeehrter Herr Präsident! Die Entscheidung, die der geehrte Vorstand über mein Pensionsgesnch gefällt hat, ist im höchsten Grade ehrenvoll für mich iind bildet einen Lichtstrahl in meiner Trauer. Die Ehrung wird noch erhöht durch die Einhelligkeit der Entscheidung und durch die warme und anerkennende Sprache der an mich d. d. 31. März l. I. gerichteten Zuschrift. Es drängt mich,- nicht bloß dem Vorstande in seiner Gesamtheit, sondern jedem einzelnen Mitgliede desselben für das bezeigte Wohlwollen zu danken, und ich darf wohl, um diesen Zweck zu erreichen, nicht vergebens die Bitte stellen, diese Zuschrift in einer Sitzung des Gesamlvorstandes zur Verlesung zn bringen. Ganz besonders aber fühle ich mich Ihnen gegenüber, hochgeehrter Herr Präsident, zn tiefstem Danke verpflichtet, für das außerordentliche Wohlwollen, das Sie mir bewiesen haben und auch in dieser Zuschrift bekunden. Einer derartigen ans tiefstem Herzen quellenden Ehrung seitens des Gemeindevorstandes könnten sich gewiß nur wenige Rabbiner rühmen. Für mich ist sie ein verklärender Abendsonnenschein und der höchste Lohn, den nichts überbieren, ja dem nichts gleichkommeu kann. Ich nehme dankbar davon Kenntnis, daß Sie mich vom Predigen entbinden. Gleichwohl werde ich, sollten Stimmung und Kraft es zulassen, nicht zurückstehen. gelegentlich an die Gemeinde das Wort zn richten. Jedenfalls bin ich bestrebt, der Gemeinde, solange es mir vergönnt sein wird, innerhalb des umfangreichen Rahmens meines rabbinischen Berufes nach Kräften zu dienen. Mit außerordentlicher Dankbarkeit in Hochachtung Ihr ergebenster Dr. Güdemann na. p. Wien, 3. April 1914. Das Frnhtiagsfest E i n e P e ß a ch b e t r a ch t u n g. Bon Dr. M. H. Friedländer. Alljährlich wenn der von den Dichtern aller Zeiten viel besungene imd verherrlichte Frühlingsmonat herannaht und die Gotteskräfte in der Natur sich zu regen