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Die Wahrheit · 1914-04-10 · Heft 14 (10.4.1914) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 14 (10.4.1914)
Date
1914-04-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Leite 4. Die Wahrheit Nr. 14. lichnng ist aber weder der Verkehr, noch der Fahr- und Gaspreis De rbesse r t ermäßigt, sondern im Gegenteil verteuert worden. Die verstadtlichten Unternehmungen wurden nämlich ausschließlich als g e w i n u b r i n g e nde Geschäste angesehen, aber deren gemeinnütziger Charakter keineswegs in den Vordergrund gestelll. Unter der Herrschaft der Christlichsozialen haben sich alle Lebensbedürfnisse, besonders die Fleisch- und Milchpreise und die Wohnungsmiete in Wien in noch nie dagewesener Weise verteuert, woran diese Partei keineswegs unschuldig ist. Diese Partei hat in allen Vertretnngskörpern einen derart rüden Ton eingeführt, daß sich deshalb weite Kreise der gebildeteren Bürgerschaft von der Politik zurückgezogen und bedeutungslosen Strebern vielfach den Platz räumten. Sie vergifteten und korrumpierten jede Wahlperiode so gründlich, daß der Wiener Wahlschwindel seit längerer Zeit schon den Weltrekord erreichte. Sie verschuldeten teils durch Schaffung von Landesnnd Gemeindegesetzen, die den einschlägigen Reichsgesetzeu zuwiderlaufeu, teils durch Gesetzesobstrnierung ein derartiges Gesetzes chaos in Oesterreich und eine derartige Gesetzesmiß ach t n n g innerhalb der Bevölkerung, wie sie vorher niemals in Oesterreich bestand. Bezeichnend für den ethischen Tiefstand der christlichsozialen Partei sind aber folgende Tatsachen. Dr. Lueger erklärte das Institut des gut bezahlten Ltadtrates in Wien seinerzeit als korrupte Einrichtung, hob aber diese Institution als Bürgermeister nicht aus, sondern setzte nur die Bezüge ans die Hälfte herab. Gegenwärtig befinden sich aber besagte Bezüge trotz der Vermehrung der Stadtratstellen wieder ans der alten Höhe. Damit nicht genug hat sich die mittlerweile christlichsozial gewordene niederösterreichische Landesvertretung exorbitant hohe Bezüge für den Landmarschall und seine Vertreter, wie für Landesausschußstellen votiert. Damit aber die Wiener Gemeinderäte nicht leer ausgehen, haben sich diese nicht nur auf allen Tramwaystrecken, sondern auch ans den städtischen Stellwagen nach allen Richtungen die G r a t i s f a h r t votiert. Ja, bedeuten Gemeinderat und Landesvertreter, die doch gewählt werden, keine Ehrenstellen? Wären Gratissahrten zu und von ihren Dienstplätzen für arme provisorische Lehrkräfte nicht etwa eher am Platze? Die erwähnte Tatsache bildet wohl einen vollgiltigen Beweis für den Tiefstand der derzeitigen Gemeinde- und Landesvertretung von Wien und Niederösterreich. R. L. Die Amlsrestgrmtisn des Wiener Oderrabbiners. (Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der Wiener israel. Knltusgemeiude vom 29. März 1914 unter dem Vorsitz des Präsidenten Dr. Alfred Stern.) Präsident Dr. Alfred Stern bringt eine Zuschrift des Herrn Oberrabbiuers Dr. Güdemann zur Verlesung. Das Plenum beschließt einhellig, dem in dieser Zuschrift gestellten Ansuchen des Herrn Oberrabbiners um Pensionierung keine Folge zu geben und von diesem Beschlüsse Herrn Oberrabbiner mit dem Ausdrucke des tiefsten Bedauerns über die Ursachen, welche in ihm diesen Beschluß reifen ließen, sowie mit dem Ausdrucke der Wertschätzung für seine Person und der uneingeschränktesten Anerkennung für seine bisherige Tätigkeit, in Kenntnis zu setzen. Gleichzeitig wird beschlossen, Herrn Oberrabbiner Dr. Güdemann insolange er dies wünschen sollte, von allen Verpflichtungen bezüglich Vornahme von Predigten bei Gottesdiensten, Ansprachen bei Trauungen und Leichenbegängnissen zu entheben, wobei es ihm unbenommen bleiben soll, bei besonderen Anlässen nach seinem Wunsche Funktionen ausznüben. Präsident Dr. Stern stellt uns eine Abschrift des in dieser Angelegenheit zwischen dem Präsidium und dem Herrn Oberrabbiner gepflogenen Briefwechsels, dem zweifellos die Bedeutung historischer Dokumente znkvmmt. zur Verfügung. Diese Zuschriften haben folgenden Wortlaut: Wien, 27. Februar 1914. Euer Ehrwürden! Hochgeehrter Herr Oberrabbiner! In innigster Teilnahme wenden sich die Herzen der ganzen Gemeinde ihrem geistlichen Oberhanpte und seiner hochverehrten Gattin zu, denen das schwerste Geschick widerfahren ist, das Eltern treffen kann, ein blühendes, mit den trefflichsten Gaben des Geistes und des Herzens ausgestattetes Kind zu verlieren, ein Kind, das nicht nur seinen nächsten Angehörigen, sondern allen, die es kannten, lieb und teuer war. Die Dahingeschiedene ist nun allem Erdenleide entrückt, für die Hinterbliebenen aber versagen fast für solchen Schmerz die Worte des Trostes und des Mitgefühls; sie dürfen aber nicht versagen, bei einem Manne, den sein Berns dazu bestimmt hat. Anderen ein Tröster zu sein, der die Kraft und die Gabe besessen hat, in nahezu fünfzigjähriger, segensreicher Wirksamkeit Tausenden und Abertansenden beiznstehen, ihnen angesichts des Todes Trost und Erhebung zu spenden, neue Kraft und nngemindertes Gotlvertranen einznflößen. Und wenn Ihr Herz, bedrückt durch die Wucht des Geschickes, in diesem Gedanken allein jetzt noch nicht Trost zu finden vermag, dem Appelle an ein Gefühl werden Sie sich nicht verschließen können, an Ihr Pflichtgefühl das ihrem ganzen Wirken das Gepräge gibt, das Ihnen bis znm heutigen Tage die Kraft gab Vieles und Schweres zu überwinden und das Ihnen auch die Kraft geben wird, diesen schwersten Schlag Ihres Lebens in Ergebung zu tragen. Es ist Ihre heilige Pflicht der ganzen Gemeinde gegenüber zu erweisen, daß Gottesvertranen und starker Glaube bei Ihnen das vermögen, was Sie durch Ihr Wort bei anderen so oft bewirkt, sich in Ergebung zu finden; es ist Ihre Pflicht aber auch gegenüber Ihrer Gattin, die in fast übermenschlicher Kraft die Gefühle des Mntterherzens überwand, um ihnen Stütze und Beistand sein zu können. In diesem Gedanken werden Sie, hochverehrter Herr Oberrabbiner, Trost finden. Die Liebe und Verehrung der ganzen Gemeinde, das ans tiefstem Herzen quellende Mitgefühl Aller wird Ihnen und Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin und allen Ihren Angehörigen beistehen. Mit vorzüglicher Hochachtung Erster Sekretär. Der Präsident: Dr. Theodor Lieben m. p. Dr. Alfred Stern kl. p. . Wien, 10. März 1914. Hochgeehrter Vorstand! Die geschätzte Zuschrift vom 27. Februar l. I., die Sie an mich und meine Frau gerichtet haben nnd in der Sie nicht bloß die innigste Teilnahme des Vorstandes, sondern auch die der ganzen Gemeinde zu dem unersetzlichen Verlust bekunden, von dem wir durch das Hinscheiden unserer geliebten Tochter nach Gottes unerforschlichem Ratschluß heimgesucht worden sind, bat uns tief gerührt. Jede Zeile, ja jedes Wort in Ihrer Zuschrift atmet das wärmste Mitgefühl, und wenn Sie schon durch diese außerordentliche Teilnahme an unserem Schmerz, mich zu innigstem Dank verpflichten, so wird diese Dankespflicht noch vergrößert durch die anerkennenden Worte, die Sie meiner, wie Sie sagen, nahezu fünfzigjährigen Tätigkeit in unserer Gemeinde widmen und worin ich den schönsten Lohn für mein Wirken finde. Sie richten einen warmen Appell an mein Pflichtgefühl, das mir die Aufgabe auferlegt, vor der ganzen Gemeinde die siegreiche Kraft des Gottesvertrauens nnd des Glaubens zu bekunden. Ich werde diesem Appell, der von so berufener Seite an mich ergeht, mein Ohr nicht

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