Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 14 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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»iedaktton und ridministration: Wien, II/, Novaragasse 27 rNevhon: Redaktion 5509/1V. Administrarion 4838/11, Anakhängige Hertfchrift für Mische O»»zl>ibiig.K li.— H.Ubjiiv'ia.K 7 — *. k. OBerr, Vostlvarkaffatedjtrf.ftomo Nr. 100.91». Interesse». ftiit Shilhirbannte: Inserate: _ Dir viermal geivallen- Nonpareille-Z-iie 25 Heller. Erscheint jeden Isreitag.! j'vur Ausland: ridonnemenl»- und ZuiertionS. betrüge nnd in Wien zahlbar nnd klagbar. Molto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ | •M.i.uMOn.i.» W»,«rf;! >5 Ülutui oder 1» ftrc». Ihr. 14. Wie». 10. April l«.»I4 Inhalt: Ethischer Tiefstand der Christlichsozialen. — Die Aintsresiznation des amt. — Das Martyrinm eines Idealisten. Wiener Oüerrabbiners. — Das Frnhlm.jssest — Verschiedene Nachrichten. . — Das Vorderer- Abonnements-Einladung. Die geehrten Kerren Abonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. April 1914 begonnene II. Huartal ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Mattes keine Unterbrechung erleide. Abonnements-Bedingungen: Ganzjährig Kr. 14.— Kalbjührig Kr. 7.—, Uierteljährig Kr. 3.50. K. k. Postfparkasfen-Konto 1VV.S18. Probenummern gratis zur Verfügung. —— Ethischer Tiefstand der Christlichsozialen. Die Gründer der christlich-sozialen Partei stellten sich ans demokratische Prinzipien nnd wollten angeblich die Bauernschaft und den kleinen Gewerbsmann aus der Ueberuiacht des „jüdischen" Kapitals retten (Freiherr v. Vogelfang). Dies ist die eigentliche Ursache, daß die noch in den achtziger Jahren des abgelansenen Jahrhundertes zahlreichen bürgerlichen Demokraten zum größten Teile ins christlichsoziale Lager abschwenkten. Die allliberale Partei hatte sich stark mit unaufrichtigen Elementen durchsetzt und ihre Prinzipien vielfach ans taktisch-demagogischen Gründen verraten. Die Demokraten konnten sich deshalb als a n l i k o r r lt ptionistische Partei erklären (Dr. Lueger, Dr. Mandl) und die sogenannten Psendoliberalen mit Erfolg bekämpfen. Dr. Lueger gelang es nun, nahezu den ganzen bürgerlichdemokratischen Heerbann ins christlich-soziale Lager hinüberzuführen. Er führte die notleidende Masse, den wohlhabenden industriellen oder Geschäftsjnden als den alleinigen Ausbeuter und Nutznießer der Gemeinschaft vor und breitete den Mantel der christlichen Nächstenliebe über die ungleich zahlreichere Menge der arisch-christlichen Ausbeuter. So wurde nun der Psendoliberalismns in I u d e n l i b e r a l i s m u s umgetanft, was ihm der immer radikaler erwachende Deutsch- Nationalismus sehr erleichterte. Die soziale Seite der neuen Partei wurde aber, um regierungsfähig zu bleiben oder zu werden, immer mehr verdunkelt und verleugnet und die Aufmerksamkeit der Masse aus den Jude u, als den allein Korrupten und Korrumpierenden, abgelenkt. Der bestialische Rassenantisemilismns stellte sogar die empörende Theorie der Inferiorität der jüdischen Rasse ans, verschwieg tendenziös die große Masse der anständigen, ethisch einwandfreien arbeitswilligen und arbeitstüchtigen jüdischen Staatsbürger und die Versolgnugswnt verstieg sich endlich so weit, auch alle jüdischen Tugenden wie Familiensinn, Geschäststüchtigkeit, Lernlnst nnd Bildungseiser als Laster zu erklären. Die Denlsch-Antisemiten schnitten sich natürlich durch diese gehässige Behandlung der Inden vielfach ins eigene Fleisch, denn die Inden, welche früher in slavischen Ländern mit rührender Treue ihr Deutschtum bewahrten nnd dadurch vielfach Pioniere des Dentschrnms waren, fühlten sich durch die geschilderte Behandlung ungerechtfertigt beleidigt und sahen es nun nicht länger ein, warum sie in slavischen Ländern noch fernerhin Märtyrer für die undankbaren Deutschen bleiben sollten und ein jüdisch-deutscher Damm gegen die slavische Flut nach dem andern brach in Böhmen miö Mähren ein. Die Juden mnßten sich durch die Not der Zeit ralliieren und der Zionismus ist nur eine Frucht der deutschantisemitischen Tätigkeit. Mittlerweile gerieten die Christlichsvzialen immer mehr ins klerikale Fahrwasser, während sie vom Sozialismus immer weiter abrückten. Ihre Parteifahne blieb nicht rein und es ist kein Zilfall, wenn gerade unter der Zeit der christlich-sozialen Herrschaft in Wien und Oesterreich die sozialdemokratische Partei so rasend schnell in die Höhe wuchs. Heute erscheint keine politische Partei io sehr von der Korruption durchsetzt nnd zerfressen, wie die sich anfangs als antikorrnptionistisch gebärdende christlich-soziale Partei. Der „kleine Mann", den seinerzeit Dr. Lueger zum politischen Faktor erhob, ist heute noch nicht gerettet und die Lehrerschaft der Volks- und Bürgerschulen Wiens, für die Dr. Lueger als Demokrat das Wahlrecht erkämpfte, kennt heute keme ärgeren Feinde nnd Entrechtet' als die Christlichiozialen. So wie jede Gehaltsregnlierung der Lehrer unter der Herrschaft der Christlichsozialen mit Entrechtungen verbunden war, ebenso verfuhren sie mit ihren Arbeitern, denen sie. wie beispielsweise den Straßenbahnern, sogar bas Koalitionsrecht zu eskamotieren suchten. Als die Christlichsozialen die Tramway nnd die Gasbeleuchtung in Wien verstadtlichen wollten, schimpften sie über die teueren Fahr- und Gaspreise und erklärten die betreffenden privaten Unternehmungen als Ausbeuter. Nach der Berstadt-