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Die Wahrheit · 1914-04-03 · Heft 13 (3.4.1914) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 13 (3.4.1914)
Date
1914-04-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 13. Die Wahrheit Seite 9 Ueberzengimg oder vielmehr aus Fanatismus. Bezüglich Les Vorsteheramtes in der Knltnsgemeinde wie auch betreffs den zu erringenden Ehrenämtern im. der Stadtvertretung rivalisierten die Beiden miteinander. Biltermann jedoch gelang es die Majorität für sich zu gewinnen, weil er es verstanden hatte, dem Volke Sand in die Augen zu streuen, es — da er zuweilen in der Synagoge als Baal Tefilla fungierte, die Gebete in einer Weise vortrug, die jeder Beschreibung spottet — in dem Wahne zu bestärken, daß er ein Kenner des Hebräischen und für das Judentum im hohem Maße begeistert sei. Tatsächlich aber verstand er blutwenig vom Hebräischen, hatte sich bloß einige hebräische Phrasen angeeignel, mit welchen er bei jeder Gelegenheit flunkerte, während sein Rivale als Sohn frommer wohlhabender Eltern in seiner frühesten Jugend in der Bibel gründlich unterrichtet wurde. Zn einer offenen .Feindschaft, ließ der schlaue Bittermann es doch nicht kommen. Obwohl er es sehr gut gewußt, daß Broditsky sein Hauptgegner sei, kam er ihn doch mit einem warmen Händedruck und zuckersüßen Worten entgegen und suchte ihn auf diese .Weise zu entwaffnen. Da Broditsky als echter Slave es — von der Stunde an als sich die Gemeinde slavisiert hatte — für angemessen gefunden hat, jedesmal die Synagoge vor Beginn der deutschen Predigt zn verlassen, so pflegte Bittermann, so :vft er ihm begegnete, dieses Thema zu berühren und zn sagen: Ich muß Ihnen diesbezüglich nur vollkommen beipflichten, wäre ich nicht Vorsteher, würde ich ebenfalls Ihrem Beispiele folgen, denn es ist ja für einen Nativnalslaven sehr peinlich, in einer slavischen Stadt eine deutsche Predigt anhören zn müssen. Nach einem solchen Gespräche begab sich am anderen Tag Bittermann zum Rabbiner und sagte : Sie können, Verehrtester Herr Nabbiner, gar tiicht denken, was ich Ihretwegen alles anhören muß. Der fanatische Broditsky schimpft fort und fort über die deutsche Predigt und hetzt die Leute gegen den dentschpredigenden Rabbi. Ich mnß mich fast täglich für Sie einsetzen, sonst hätten Sie jetzt hier keinen Bestand mehr. Als aufrichtiger (?) Freund rate ich Ihnen sich in einer deutschen Gegend, wo man Sie zweifellos mit .offenen Armen empfangen würde, um einen Posten zn bewerben." „Warum, entgegnete Dr. Abrahamsfohn, haben Sie nur das nicht vor vielen Jahren, als man mich bestürmte, diesen Posten anzunehmen, gesagt, ist denn S. damals eine deutsche Stadt gewesen? Habe ich nicht den damaligen Vor- -staud, als ich zur Abhaltung einer Gastpredigt berufen wurde, in meinem Antwortschreiben darauf aufmerksam gemacht, daß ich der slavischen Sprache nicht mächtig bin? Heute, da ich im vorgerückten Alter stehe, soll ich mich um einen neuen Posten bewerben? Haben Sie nur wenige Jahre -Geduld, denn ich beabsichtige ohnedies mich bald ins Privatleben znrückzuziehen, um den Rest meiner Tage ganz der literarischen Tätigkeit widmen zn können." „Ja, lieber Herr Nabbiner, die Zeiten haben sich geändert, es ist heute eine andere Strömung, wer hätte damals ahnen können, daß es so kommen wird." In dem ganzen Gerede war kein, wahres Wort. Broditsky war allerdings von jeher ein fanatischer Slave, nichtsdestoweniger hat er den Rabbiner als solchen sehr verehrt — jedenfalls mehr als dessen. Freund (?) Bitterrnanu und sich sogar oft sehr lobend über die Gelehrsamkeit, Rednergabe, wie über den Charakter des Rabbiners ausgesprochen; nur wünschte er, daß die Gemeinde, die damals noch einige sehr reiche Mitglieder zählte, Opfer bringen nnd neben dem Rabbiner auch einen slav. Religionslehrer und Hilfs- Prediger, der bei gewissen Anlässen, wo auch Nichtjuden in die Synagoge zn kommen pflegten, eine slavische Ansprache halten könnte, anstellen möge. Bittermann aber hätte es sehr gerne gesehen, daß Broditsky gegen den Rabbiner aggressiv auftrete, das Volk verhetze, so daß der Arme sich gezwungen gesehen hätte, das Feld zn räumen und ihm — Bittermann nämlich dann ein Leichtes gewesen wäre, seine Lieblingsidee verwirklichen, einen slavischen Prediger, resp. Dispensrabbiner, der gleichzeitig als Kantor und Lehrer usw. fungieren sollte — damit die Gemeinde, die in letzter Zeit infolge der antisemitischen Seuche, die auch in jener Gegend zn grassieren begann, bedeutend dezimiert wurde, entlastet werde — anstelleit zn können. Er hatte sich aber gewaltig getäuscht, denn die ganze Gemeinde, besonders die einsichtsvollen. intelligenten Mitglieder derselben, setzte sich für den sehr beliebten, schwer geprüften Rabbi warm ein und selbst Broditsky mit seinen zwei Gesinnnngsgenosfen hatten nichts gegen die Person des Rabbiners einzuwenden; ja noch mehr, inan erzählte sich das Wunder, daß der Stockslave Broditsky eines Tages sich geäußert habe: „Lieber will ich noch den deutschen Prediger, Rabbiner Dr. Abrahamssohn, als einen slavischen Dispensrabbiner sprechen hören." Bittermann mußte gute Miene zum bösen Spiele machen, er erschien öfter beim Rabbiner, um ihm noch immer Beweise seiner aufrichtigen (?) Freundschaft nnd Teilnahme zn liefern, dabei aber benützte er jede Gelegenheit, um dem armen Rabbi die Hölle heiß zn machen. „Ach, dieser böse Fanatiker Broditsky, sagte er oft zn ihm. macht mir große Sorgen. Schaudern greift mich, wenn ich an Ihre Zukunft denke. Ich bin ein leidender Mann — das war das einzige wahre Wort im ganzen Gespräche. — nnd fürchte sehr, das ich in absehbarer Zeit mich gezwungen sehen werde, daß Vorsteheramt, das ich nur um Ihretwegen, um Sie stets schützen zn können, angenommen habe, niederzulegen; dann aber kommt gewiß kein anderer als Broditsky ans Ruder. Ob Sie dann weiter hier Bestand haben werden, ist sehr fraglich." — Verehrtester Herr Präses! entgegnete ihm der Rabbi, ich verstehe wahrhaftig ihre Taktik nicht, fast sämtliche Gemeindemitglieder sind sichtlich bestrebt mir. nicht etwa durch leere Phrasen und süße Redensarten, sondern durch Taten entsprechende Belege ihrer aufrich Ligen Verehrung und innigen Teilnahme zn liefern. Sie aber sprechen so, als hätten Sie wirklich Ursache um meine Zukunft so besorgt zn sein. Ich meinerseits habe keine Angst, denn der Allgütige, der mich liebt — es heißt ja: „Wen Gott liebt, den prüft er" — wird mich nicht verlassen. Mein Gewissen ist rein, ich habe meine Pflichten gewissenhaft erfüllt und mir nichts anderes zu Schulden kommen ließ, als daß ich — mit Beginn der netten Aera — nicht, wie viele andere, plötzlich mein slavisches Herz entdeckt habe. (Fortsetzung folgt) Uerschiedene Uachrichlen. Wien. Der durch seine soziale Hilfstätigkeit in weiten Kreisen bekannte und geschätzte Fabrikant Herr Heinrich Mendl hat sich bereit erklärt, eine wirklich großartige nnd zeitgemäße Stiftung zu errichten. Es soll in der Denisgaffe im 20. Bezirk ans einem von Herrn Mendl erworbenen Grund ein Institut entstehen, das den strengsten Forderungen der Hygiene und Sozialpädagogik Genüge leisten nnd der Erziehung von dreihundert armen Kindern in Mädchennnd Knabenborten gewidmet sein soll. Eine Anzahl von Hörsälen für unentgeltliche Unterrichtsknrse sowie eine große Vortrags- und Konzerthalle für fünfhundert Personen sollen es überdies ermöglichen, in den Abendstunden Erwachsenen Belehrung und Konzerte zn bieten. Die Führung de» Betriebes übernimmt der Verein zur Errichtung und Erhaltung vo,l Horten für schulpflichtige Kinder, der vor sieben Jahren von Dr. Med. Samnely, dem jetzigen Obmann, gegründet wnrde. Die Kosten des Baues sind auf 200.000 Kronen veranschlagt, die der Stifter allein tragen will. Der Betrieb ist auf 25.000 K. pro Jahr präliminiert. Wien. Die diesjährige Generalversammlung des „Vereines zur Bekleidung nnd Unterstützung armer alter Männer Israel. Konfession", der in Anbetracht der ansehnlichen Mittel, die er zur Fürsorge für seine Schützlinge aufwendet und nach der sozialen Tendenz seiner Wirksamkeit zu den bedeutsamsten Wohlfahrtsvereinen unserer Gemeinde zählt, fand Samstag, den 28. März. 7 Uhr abends im Sitziuigssaale der Kultusgemeinde statt nnd erfreute sich eines besonders starken Besuches. Der Vorsitzende, Präsident Isidor Schwarz, begrüßte die Erschienenen insbesondere den Delegierten des Kultusvorstandes, Herrn Dr. Heinrich Schreiber und Herrn Rabbiner Dr. Max Grunwald und verlas hierauf den Bericht über das abgelaufene Bereinsjahr, der gleich dem vom Kassier Gustav Planer erstatteten Kaffaberichte einstimmig znr Kenntnis genommen wurde. Nach dem Berichte der Revisoren wnrde dem Vorstände das Absolutorium erteilt. Herr Dr. Heinrich Schreiber zollte unter lebhaftem Beifalle der Versammlung der Tätigkeit des Vereines und deffen Vorstandes vollste

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