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Die Wahrheit · 1914-04-03 · Heft 13 (3.4.1914) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 13 (3.4.1914)
Date
1914-04-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Se8e ä. " Die [tobt, Goethes Freund, warf Lessing Bestechlichkeit vor. Wenn man berücksichtigt, daß Lessing schon als junger Student tief verschuldet vor seinen Gläubigern ans Leipzig floh, daß er später ein leidenschaftlicher Glücksspieler war, der große Summen im Kartenspiele verlor, so klingen diese Beschuldigungen nicht unberechtigt. Wo alles, was unter dem völkischen Banner ficht — htztzt, kann selbstverständlich der „Semi-Kürschner" allein nicht — lieben. Und so trägt denn auch Herr Ph. Staust in seinem traurigen Machwerk, von dem das Marburger Schöffengericht kürzlich sestgestellt hat, daß die Behauptung, es „stehe ans einem bedauernswerten geistigeti Niveau" und sei ein Seitenstück zu dem „Semi-Gotha", wo „in der schmutzigsten Art Förderer unseres deutschen Vaterlandes in ihren Verdiensten herabgesetzt werden", keineswegs über das berechtigte Maß hinansgehe. in seinem völkischen Fanatismus sein Scheitlein herbei zu dem Scheiterhaufen, ans dem noch nachträglich dieser Schädling der deutschen Volksseele verbrannt werden soll. Er zitiert eine satirische Glosse des alten Sebastian Brunner in Wien gegen Lesfing und fügt aus Eigenem noch hiezu: „Jedenfalls hat Lessing im „Nathan", wo der jüdische Wolf im Pelz des Schafs erscheint, eine rassische Einstellung und Fälschung begangen, die auch mit „dichterischer Lizenz" niemals entschuldigt werden kann." Da Herr Ph. Staust ans das Urteil, des Wiener katholischen Priesters und erfolgreichsten Kopisten der Kapuzinaden Abrahams a Santa Clara offenbar sehr großen Wert legt, so sei dieser Glosse Brunners das Wort eines anderen Wiener christlich-sozialen Führers gegenübergestellt, der bei dem neuzeitlichen Antisemitismus denn doch in ungleich höherem Ansehen steht als der gute alte Sebastian Brunner. Der verstorbene Wiener Oberbürgermeister Dr. Lueger versprach seinerzeit der geplanten Errichtung eines Wiener Lessing-Denkmals durch die Gemeindevertretung die größte Förderung, denn da — so sagte er — wo Goethe und Schiller Monumente besitzen, dürste doch; auch, der „Dritte" nicht fehlen. Wie würde wohl Lueger heute, wenn er das an literarische Leichenschändunggrenzende Treiben gewisser Antisemiten sähe, mit dieser Sorte Gesinnungsgenossen umspringen? Muß doch selbst ein Adolf Bartels, wenn auch widerwillig, dem Genius des Dichters huldigen. Er vergleicht — die größte Ehre, die Lessing überhaupt widerfahren kann — sein literarisches Wirken mit dem des Kamenzer Predigersohnes: „Wie Lessing einst der Herrschaft des Franzosentums in unserer Literatur entgegentral — so kämpfe ich, ein weit Geringerer als Lessing, aber mich ihm an Ernst der Gesinnung zu vergleichen wagend, unerschrocken das Judentum in unserer Dichtung . . ." In dieser posthumen Schändung von Männern, die nicht in die allgemeine Jndenhetze miteinstimmten, liegt übrigens System. Auch der Schimpf, daß sie sich von den Juden kaufen lassen, kehrt immer wieder. Vor einigen Wochen hat das Organ des „Verbandes gegen Ueberhebnug des Judentums" von dem Marquis d'Argens. der Moses Mendelssohn bei Friedrich dem Großen empfohlen halte, geschrieben („Ans Vorposten" Nr. 3): „Es ist nicht bekannt, ob d'Argens mit dem Judentum versippt war, oder ob er nur in jüdischem Solde stand." Selbst der große Reformator des preußischen Staates — freilich zugleich auch der Urheber des Judeuedikts vom 11. März 1812, das den Juden den Genuß der Staatsbürgerrechte verschaffte — Freiherr vou Hardenberg, ist diesem infamen Anwurf nicht entgangen; in einer Versammlung der deutschsozialen Ortsgruppe in Halle bezeichnete der Vortragende Hardenberg als einen „mit jüdischem Gelde bestochenen . . . Hochverräter an unserem Volke". Hat doch diese giftige antisemitische Verleumdung. von den Juden durch Geld bestochen worden zu sein, selbst vor einem Bismarck und Kaiser Friedrich III. nicht Halt gemacht. Es sind wirklich angenehme Zeitgenossen, diese völkischen Wahrheitsküuder. Das Martyrinm eines Idealisten. E ui e R.e m i n i s z e n z. Von Ben Jehuda. (Fortsetzung.) Bittermann war ehrgeizig und herrschsüchtig bisznr höchsten Potenz. Von einer Charakterfestigkeit war bei diesem Manne keine Spur. Wenn es lgalt, in -jüdischen Angelegenheiten das große Wort zu führen, das Judentum nach außen zu repräsentieren, pochteer ans sein jüdisches Herz, auf seine religiöse Begeisterung, girierte sich als feuriger Natioualjude, der die größten Opfer für die verfolgten und bedrückten Glaubens- und Stammesgenossen zu briugeu fähig gewesen wäre, obwohl er oft in seiner engeren Gemeinde so manche unglückliche Familie, wenn sie ihm nicht sympathisch. genug war. darben und v e r k ü m m e r n ließ. — Bot sich aber ihm die Gelegenheit, in n i ch t j ü d i s ch e n Kreis e'nein Ehrenamt zu erringen, ach, da schwärmte er für Assimilation, radikale Reformen, wie für Eut - f e r n n n g alles „Jüdischen" aus dem ganze n G e m e i u d e w e s e n, da war ihm das Judentum Hekuba. Was Wunder also, daß Dr. Abrahamssohn gar bald diesen sonderbaren Mann durchblickte und ihn daher ans Vorsicht in dem Wahne bestärkte, daß er ihn für seinen besten Freund halte; dabei aber dachte er: wehe mir, wenn dieser Mann einmal Präsident der Knltusgemeinde werden sollte! Zehn Jahre lang lebte Dr. Abrahamssohn in S. ruhig, ungestört und unangefochten. Nach diesem Zeiträume jedoch haben in dieser Gemeinde Umwälzungen manigfacher Art statlgefundeu. Der Präsident Dresdner, der schon im vorgerückten Alter stand, sah sich aus Gesundheitsrücksichten gezwungen, sein Vorsteheramt niederznlegen. Es wurde daher selbstverständlich sein Stellvertreter, der. gefürchtete Biltermann, der ans diesen Moment lange Jahre sehnsuchtsvoll gewartet, zum Präsidenten gewählt. Das war.aber ein harter Schlag für den Rabbi Abrahamssohn. „Ach, seufzte er, wojokoni melech chodosch, es ist ein neuer Herrscher zur Regierung gelangt, somit werden die alten Leiden, mit denen ich einst in Z. unter Pfeffer mann zu kämpfen hatte, wieder über mich kommen. Ich gehe auf meinen alten Tagen keiner frohen Zukunft entgegen." Und was der Arme befürchtete, traf auch. ein. Es kamen tatsächlichbittere Tage für ihn. Harte Schicksalsschläge trafen ihn, schwere Prüfungen, von welchen kein Sterblicher hienieden verschont bleibt, mußte er bestehen und unter welchen Umständen? Als er nach S. kam waren die Altslaven noch am Ruder, daher die jüdische Volksschule unbehelligt bestehen konnte. In deutscher Sprache wurde in der Schule unterrichtet, in der Synagoge gepredigt und in der Kanzlei der Kultusgemeinde amtiert. Kaum aber gelangten die Jnngslaven zur Macht, als fast in den meisten jüdischen Gemeinden, in slavischen Gegenden, bezügliche der Sprache neue Reformen eingeführt wurden. Die jüdisch-deutsche Volksschule wurde vorerst slavisiert, dann ganz ausgelassen, in den Synagogen mußte in slavischer Sprache gepredigt und in den Kultttsgemeindekanzleien amtiert werden. Da jedoch Dr.. Abrahamssohn der slavischen Sprache nicht vollommen mächtig war, mußte man in S. ans Rücksicht gegen den alten Mann, der sich der allgemeinen Achtung und Verehrung in-der ganzen Stadt erfreute, ans die slavische Predigt verzichten. Nichtsdestoweniger wurden ihm von Zeit zn Zeit und zwar von jüdischer Seile — christlicherseits wurde ihm bezüglich der Sprache nicht die geringste Unannehmlichkeit bereitet, da jeder vernünftige Mensch einfach einsah, daß man von einem Manne, der im vorgerückten Alter steht, nicht verlangen kann, er soll sich über Nacht slavisieren bittere Stunden bereitet. Außer dem Präses Bittermann hatte es in S. noch einen gewaltigen Assimilanten, vollblütigen Slaven, namens Michael Broditsky, gegeben. Ersterer war Assimilant aus politischen oder richtiger Opportunitäts-Rücksichten, letzterer hingegen ans

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