Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 13 (3.4.1914)
- Date
- 1914-04-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Whvrheit Nr. 13. dieser Aktion. Der Verband für Kurbedürftige. welcher seit 19. Dezember 1913 amtiert, hat bisher 90 Fälle behandelt. Von diesen sind bisher 50 mit einem Kostenaufwand von ca. K 7600.— erledigt worden, 11 Fälle wurden als nicht für den Kurverband geeignet abgelehnt, 7 Fälle wurden ber Krankenfürsorge überwiesen und der Rest ist noch in laufender Behandlung. Beiträge für die Knraktion sind geleistet worden, von der Knltusgemeinde, Chewra-Kadiicha, Armenanstalt. Baronin Hirschstiftnng, Verein zur Unterstützung Kurbedürftiger, dem Franenwohltätigkeitsvereiu I., IV., V., VL, VIII. und XX. Bezirk, Frauenhort Biknr- Chaulim, Greisinnenfürforge, Kaiserin Elisabeth Lehrmädchen- Heim, Baron Springer, Ritter v. Gnttmann. u. A. Was die K i n d e r b e k l e i d n n g s a k t i o n betrifft, wurden von 36 Vereinen (gegen 27 angeschlosseue Vereine im Vorjahre), 2984 Kinder (gegen 2600 im Vorjahre) bekleidet. Dieses Plus ist zum größten Teile der durch die Zentralstelle geschaffenen Organisation zu verdanken, da von derselben nach Abschluß der offiziellen Bekleidungstermine die von den Vereinen mangels Mitteln nicht berücksichtigten Kinder auf gemeinschaftliche Kosten der angeschlossenen Vereine bekleidet wurden. Der neue Kinderkataster erleichterte die Evidenzhaltung der vorgenommeuen und angemeldeten Bekleidungen und die rechtzeitige Verständigung der Vereine betreffs bekanntgewordener Doppelbekleidungen, die in 66 Fällen infolge Anzeigen der Zentralstelle verhindert werden konnten. Infolge der seitens der Organisation geschaffenen Vorsichtsmaßregeln ist nicht nur die Zahl der Konstatierung von Doppelbekleidungen um 50% gesunken, sondern auch die Zahl der faktisch erfolgten Doppelbekleidungen von 19 auf 6 znrückgegangen. Man sollte nun meinen, daß diese Zahlen genugsam beweisen, daß die Zentrallstelle für das jüdische Armenwesen ihrer Aufgabe gerecht wird. Und trotzdem hat uns der Storch ein Brüderchen gebracht, ja er beabsichtigte, die Familie der Zentralstelle moch mehr zu vergrößern, wenn er nicht durch radikale Eingriffe darin gestört worden wäre. Aber ein Brüderchen ist, wie gesagt, immerhin auf die Welt gekommen und es wird bald stärker und größer und mächtiger sein, als sein älterer Familiengenosse. Das i st der Z e u t r a l - A r m e u k a t a st e r der Gemeinde Wien. Sie fanden bereits in allen Tagesblättern Aufrufe an Vereine und Privatwohltäter, von der Einrichtung des Armenkatasters der Gemeinde Wien Gebrauch zu machen, wie wenn die Zentrallstelle für das jüdische Armenwesen bisher vollständig versagt hätte. Nun wäre der natürlichste Einwand, daß unsere Zentralstelle für die Angehörigen mosaischer Konfession, die andere aber für Katholiken und Protestanten eingerichtet wäre. Das ist ganz unrichtig. Die meisten interkonfessionellen Vereine spielen in ihrer Tätigkeit die Rolle eines Leitungsrohres, welche das jüdische Geld, welches sie vereinnahmen, fremden Zwecken zuführen. Nun wäre es freilich das .Ideal humanitärer Anschauung, weder nach Nation noch nach Konfession zu fragen und sich auf den Standpunkt zu stellen, nichts in dem Bedürftigen zu sehen, als einen armen, hilfsbedürftigen Menschen. Lange Jahre ist es mir selbst immer wider den Strich gegangen, erst festftellen müssen, welcher Konfession der Hilfesuchende angehört. Aber nach und nach wird jeder, der einige Hebung in Wohltätigkeitssachen hat, zu der Erkenntnis kommen, daß nicht wir Juden die Schuld an diesem Uebel tragen, sondern daß von vielen, so überaus reichen Hilfsquellen alles, was jüdisch ist, ausgeschlossen wird, daß somit als begreifliches Gegengewicht jenes wenige gar nicht in Relation zubringende Kapital, das ans jüdischen Quellen fließt, auch jüdischen Zwecken zugewendet werden muß, wenn nicht anders unsere Glaubensgenossen von dem größten Teil der Unterstützungen ausgeschlossen werden sollen. Es gibt extrem konfessionell e V e r e i n e, welche bereits in ihren Statuten die Verpflichtung anferlegt erhalten haben, nach der Religion der Petenten zu fragen. Es gibt aber auch eine überaus große Gruppe von interkonfessionellen Vereinen. die sich auf den früher erwähnten, allerdings idealsten Standpunkt stellen: wir fragen nicht danach, wessen Kinder it n sere Hilfe verlange n. Das Ergebnis ist leicht zu ersehen. Nehmen Sie den Jahresbericht, z. B. des Vereines „Treue" zur Hand. Ich erwähne diesen Verein deshalb, weil ich ganz gut weiß, daß seine Mitglieder durch feste Bande an diesen Verein gekettet sind und daß ich diesem Institut durch die beispielsweise Aufführung nicht schade. Der Verein „T r e u e", Asyl für mißhandelte Kinder, weist im Jahre 1913 einen Gesamtumsatz von ca. L 10.000.— aus. Nehmen Sie frenndlichst das Mitgliederverzeichnis zur Hand und Sie werden mit wenigen Ausnahmen finden, daß dort fast lauterjüdische Mitglieder und jüdische Spender verzeichnet sind. Höchst erfreulicher Weise sind mißhandelte jüdische Kinder eine so ungeheure Seltenheit, daß wohl kaum auch nur annähernd das Verhältnis der beitragenden Inden zu den unterstützten jemals hergestellt werden kann. Diese Kette, welche ich früher erwähnt habe, ist es wahrscheinlich auch, welche die Knltusgemeinde in Wien zn einer Spende von K 50.— veranlaßt hat. Ich bitte, mich recht zn verstehen. Es ist gewiß außerordentlich dankenswert, auch zweifellos notwendig, daß mißhandelte Kinder lrnnkenen oder entarteten Eltern oder Pflegeeltern so rasch als möglich entrissen und in ordentliche Verhältnisse gebracht werden. Diese Notwendigkeit einzusehen, haben aber alle Staatsbürger die gleiche Pflicht und es ist ein Unrecht, diese Last ausschließlich auf die Jndenschaft zn wälzen, weil ihre empfindlichen Herzensfasern leichter zn bewegen sind, als die ihrer Mitbürger. „Im Jahre 1913", so heißt es in dem Jahresbericht des Vereines, wurde nur ein Kind anfgenommen, es ist dies die 9 jährige Sofie H.; der Pflegevater ist Kesselschmied und lebt mit einer Frau im Konkubinat; die kleine Sofie wurde übermäßig gezüchtigt und wir übernahmen das Kind im Zustande höchster Vernachlässigung; es wurde von uns in ein K l o st e r gebracht, um ihm die Möglichkeit des Weglaufens zn nehmen. Sein Betragen ist jetzt zufriedenstellend und es ist die Hoffnnng vorhanden, daß es bald ein ordentliches Kind wird. Ja, glaubt die israelitische Knltusgemeinde, glauben die Mitglieder der „Treue" wirklich, daß die Unterbringung und E r z i e h u n g eines Kindes in einem K l o st e r jener wünschenswerte Zweck ist, in dem sich die g a n z e N e u l e i st u n g des Vereines im Jahre 1913 erschöpft? Ein anderer Verein, dem ich ans demselben Grunde gewiß auch nicht schade, wenn ich ihn erwähne, weil auch seine Mitglieder in brüderlicher Treue an ihm festhalten, ist die „Heimat", Mitglieder, Spender, fast ausschließlich Juden. Von 130 Schützlingen die im Jahre 1912 ausgenommen worden, sind 114 römisch-katholisch, 9 mosaisch, im Jahre 1911, 117 römisch-katholisch, 6 protestantisch, 7 israelitisch. Auch dieser Verein wird gewiß keinen jüdischen Schützling von sich weisen, aber seine Statnien an und für sich sind schon so geschaffen, daß der Verein hiezu kaum öfter in die Lage käme. Freilich führt er von den Fällen, die ihm unterkamen, an: Ein Stubenmädchen aus Hohenbach wurde mit Nahrung gestärkt, anfgenommen und ihr ein Dienstplatz verschafft. Ein Mädchen, 20 Jahre alt, ans Kriegern, kam ohne Geldmittel nach Wien, um einen Dienst zn suchen. Sie hatte sich heimlich von ihren Verwandten entfernt, denen sie znrückgestellt wrtrde. Wie gesagt, ich bin weit davon entfernt, die Tendenzen dieser Vereine zn mißachten, oder nicht jener großen, freiwilligen Arbeit, welcher sich die Vereiusfnnktionäre unterziehen, mit dem schuldigen Respekte zu begegnen, allein es sollte doch zur Förderung dieser Vereinszwecke genug Geld zur Verfügung stehen, welches a I I g e m eine n F o n d e n entnommen wird. Darunter wird also die Zentrallstelle immer zu leiden haben, daß sich eine große Reihe von Philantropen auf den gewiß berechtigten Standpunkt stellt,'