Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 13 (3.4.1914)
- Date
- 1914-04-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 13. die politische Rückständigkeit zahlreicher Kreise der freisinnigen Wähler, sondern auch deren Parteileitungen anfgedeckt. Sowohl im 2. als im 1. Wahlkörper gab es weite Wahlkreise, die gar nicht zur Wahl gingen. So im 2. Waylkörper im V. Bez. 46%, ini-VEEL Bez. 44%, im IX. Bez. 34%; im 1. Wahlkörper im I. Bez. 52% (!,\ im IV. Bez. 42%, im IX. Bez. 36% und im VIII. Bez. gar 61% (!!) der wahlberechtigten Bürger, die gar nicht zur Urne kamen. Die streckenden Wähler waren sicherlich nicht ch r i stl i ch s o z i a l gesinnt, denn diese allmächtige Partei leitet ja alle Wahlen offiziell, zeigt sich auch dabei nie wählerisch in den Mitteln oder knickerisch und holt alle Wähler, deren sie habhaft werden kann, prompt für ihre Partei zur Wahlurne. Nachdem trotzdem im 2. Wahlkörper im V. Bez. 12%, im VIEL Bez. 12% und im IX. Bez. 35% der abgegebenen gütigen Stimmen für die Kandidaten der Deutschst eisinnigen lauteten, so erhellt daraus, daß in den genannten Bezirken auch im 2. Wahlkörper ein Sieg oder mindestens ein achtunggebietender Wahlerfolg möglich gewesen wäre, wenn die freisinnigen Parteien es verstanden hätten, aus dem reichhaltigen Reservoir der Wahlstreiker zu schöpfen. Sogar dort, wo sie siegten, im I. und IX. Bez., gab es im 1. Wahlkörper überviele Wahlstreiker und im VIEL Bez. setzten die Bürgerlich-Freisinnigen den christlichsozialen Mandatswerbern gar keinen Gegenkandidaten entgegen, obgleich es dort 61% Wahlstreiker gab. Aus dieser Konstatierung resultiert der Schluß, daß die Deutschfreisiunigen nicht einmal über einen halbwegs verläßlichen W a h l k a t a st e r verfügen. Sie sind keineswegs so wie die Christlichsozialen und Sozialdemokraten jederzeit in der Lage, über ihren Besitzstand Heerschau zu halten. Jede ernst zu nehmende und kampffähige Partei muß vor allem ein ständiges Wahlburean besitzen, in dem alle lokalen Veränderungen gewissenhaft verzeichnet, über alle Parteiauhänger und über neue Wähler, über junge, majorenn uud wahlfähig gewordene Anhänger Buch geführt rmd von dem aus fortgesetzt mündlich und schriftlich für die Partei geworben wird. Freilich erfordert dies auch reiche Geldmittel, diese müssen aber in ausgiebiger Weise von den wohlhabenden Parteimitgliedern beigestellt tverden! Reiche, freisinnige Bürger, die angesichts der Rührigkeit uud — Gewalttätigkeit ihrer politischen Gegner knickerisch bleiben, sind keine ehrlichen Demokraten. So lange solche Dinge möglich bleiben, wie sie im Jahre 1912 zutage traten, als die bürgerlich-freisinnigen Parteien im IX. und XVIII. Bez. außerstande waren, ihre Wahlanslagen zu bezahlen, so lange werden und können dieselben ihren mächtigen und skrupellosen Gegnern nicht gefährlich werden! Tatenlos wird sich das Wahlwuuder des Jahres 1911 nicht wiederholen! Zn dieser politischen Untätigkeit der Bürgerlich-freisinnigen gesellt sich aber leider zum Ergötzen ihrer Gegner ihre Uneinigkeit und persönliche Streberei. Der Bezirksvorsteher des II. Bezirkes, Herr Leopold Blaset, äußerte jüngst im Affekte in einer Versammlung: „Da wird es jedem Arier unmöglich, für die Inden einzutreten." Den Inden kann es recht sein, wenn öffentlich konstatiert wird, daß jeder für sie eintritt, der den christlichsozialen Anschlägen ans die bürgerliche Freiheit und den Fortschritt entgegentritt. Doch kann ein Mann, der den Rassenstandpunkt so rasch über den des Menschentums stellt, keinen Anspruch darauf machen, der richtige Vertreter des Freisinnes.und des demokratischen Gedankens zn sein. Gegenwärtig, wo die mederösterr. Landtagswahlen vor der Tür stehen, ist weiß Gott, keine Zeit für solche Katzenbalgereien. Nur wenn sich sofort alle in Wahrheit freisinnigen Bürger zu ernster, politischer, aber auch zweckmäßiger Arbeit vereinigen, die sie in den Stand setzen kann, die Reklamationsfrist vollständig a u s z u n ü tz e n, wird es möglich sein, alle Wahltricks der christlichsozialen Schädiger Wiens zu paralisieren uud ihnen empfindliche Verluste bei den Landtagswahlen oeiznbringen. Zeigen sich aber die Wiener freisinnigen Bürger hiezu unfähig, findet der große politische Moment wieder ein kleines, schwaches Geschlecht, dann bricht nicht nur für Wien, sondern auch für ganz Oesterreich eine langandanernde Finsternis herein. R. L. Mn falscher Prophet. Von Prof. Dr. Kahan, Znaim. Mit schwerem Herzen habe ich mich entschlossen, folgende Worte uiederzuschreiben und der Oeffentlichkeit zn unterbreiten. Aber es gilt, das Heiligtum des jüdischen Volkes, seine Religion, vor Verunglimpfung und seine Seele vor Vergiftung zu bewahren. Seit einem halben Jahrhundert ungefähr haben protestantische Theologen es unternommen, unsere heilige Schrift, namentlich die Thora zn zerfetzen und ihres Glanzes zu berauben. Der jüdische Gotlesbegriff. die jüdische Moral bekam unter ihren Händen eine verzerrte, abstoßende Gestalt — natürlich damit der christliche Gottesbegrifi und die christliche Moral desto glänzender dastehen sollten. — Und dieses Gift will jetzt Ziegler durch seine B o l ks s ch r i f te u über die jüdische Religion der jüdischen Intelligenz beibringen! Gleich das erste Heft des ersten Jahrganges von Wiener war ein solches Gift. Und nun ist Ziegler selbst ansgezogen uns zwei Propheten, A m o s und Hose a, zn verhunzen nnd zn — vereckeln. Insbesondere seine falschen Uebersetzungen der Prophetenworte fordern zu entschiedener Abwehr heraus. -— Er hat es sich in den Kopf gesetzt zn beweisen, daß Amos nur über die r e l i g iö s e S i t t l i ch k e i t, während H o s e a n n r ü b e r die Trene zn I a h io e und seinem Kult gesprochen hätten. „Die alleinige Verehrung Jahwes brauchte zu Amos Zeiten keinen Verteidiger" (S. 24). „Die Israeliten; sind ihrem Gotte Jahwe niemals untren geworden" (S. 14). Trotzdem hat Hosea über nichts anderes gesprochen als — über den Abfall Israels von seinem Gotte Jahwe! Und Amos war dazu ein Zeitgenosse Hoseas! Und Amos, der angeblich nnr über religiöse Sittlichkeit gesprochen, kündigt Gottes Strafgericht an über die Altäre von Bethel! Oder haben diese Altäre gegen die religiöse Sittlichkeit verstoßen? — Und Amos fordert das Haus Israel im Namen Jahwes ans (5, 4. 6): Suchet mich, dann werdet ihr leben! Suchet aber nicht Bethel auf und nach Gilgal kommet nicht nnd nach Beers ch e b a ziehet nicht. — Das sind natürlich lauter Anfmnnternngen zur religiösen Sittlichkeit! — Hosea klagt (4): es ist keine Treue und keine Liebe nnd keine Gotteserkenntnis im Lande. (Es herrschen dagegen) Meineid, Mord, Diebstahl, Unzucht. Die Thora Gottes ist in Vergessenheit geraten — das alles sind natürlich Verstöße gegen den I a h w e k u l t! Aber der arme Prophet Amos hat von einem Kampf für den reinen Jahweknlt gar nichts gewußt! (32.) — Und wenn Hosea dem Volke zürnst: (12. 7) Du mußt zn deinem Gotte zurückkehren! Bewahre Liebe und Gerechtigkeit nnd hoffe stets ans deinen Gott — so kämpft er n n r für die Reinheit des Jahweknltes. So hat es Ziegler heransgeklügelt. Amos wiederum kennt nnr die religiöse Sittlichkeit, wenn er denen, die bei der „Aschma" Samarias schwören, androht, sie würden sollen und nie mehr anfstehen. — Soll solche Verkehrtheit und Fälschung der Prophetenworte unserer Intelligenz Religion beibringen?' Uebrigens, weißt Dn lieber Leser — Du gehörst doch gewiß zu unserer Intelligenz — weißt Du also, was „Aschma" Samarias ist? Ziegler setzt es bei Dir voraus, ich aber nicht, was Du mir gewiß nicht übelnehmen wirst. Amos selber hat es gesagt, was er unter As ch ma (Schuld) versteht. Das ist, sagt er, wenn man schwört bei dem Götzen (goldenen Kalb) in der Stadt Don — aber Gott behüte, daß Amos gegen fremde Kulte gesprochen hätte — von dem wußte er ja nichts, sagt Ziegler. Amos sprach nur von der religiösen Sittlichkeit!! —