Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 13 (3.4.1914)
- Date
- 1914-04-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ais Wahrheit Kcbadiou mib Dlbimuifttattou: Wien. 11/, Nvvaragasse 27 XeU&bou: Redaktion &509J1V. Administration 4938/11. Anakhangige Hertfchrift für jüdische Vejngspret^: tMiuijIiiavirt.K »4.— Halbiiiv'i,,. K T - ». k. üfterr. Nostlvarkasia- SMeck-Koino Nr. 100.918. Interessen. ,Viir JtnUiGl’rmiitr: JiiJ'rratc: Dt« viermal gcivalten- Aonpareiste-Zeiie 25 Heller. Erscheint jeden Areitng. Für Ausland: ^bonnemeius- und Jnjertions. >U„»a>ivn».8 M», 5 d-rräge nnd in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ rt illiitirt oder 1» ftrcs. Ur. 13 Wien, 3. April I»I4. Inhalt: Dem Oberrabbiner. — Di.e politische Rückständigkeit der bürgerlich-sreisinnigen Parteien. — Ein falscher Prophet. — Zentralstelle für das jüdische Armenwesen. — Eine Schändung Lessings. — Das Dtartyrimu euiei Idealisten. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. Abonnements-Einladung. Die geehrten Kerren Abonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. April 1914 begonnene II. Kuartal ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Ktattes Keine Flnterbrechnng erleide. Abonnements-Bedingungen: Kanzjäyrig Kr. 14.— Kalöjäyrig Kr. 7.—, Dierteljährig Kr. 3.50. K. k. Poftfparkassen-Konto 100.918. =■ - Probenummern gratis zur Verfügung. '—— Dem Oberrabbiner. Glaube und Erziehung haben uns weichherzig gemacht. Wir Judeu sind sentimental, leicht ergriffen und gerührt auch von drittem Leid und fremden Ungemach. Tut nichts; wir schämen uns beffeu nicht. Unser Gemüt ehrt uns und veredelt uns; unsere lange, trübe Leidensgeschichte hat es nicht verhärtet. Eine Welle solcher Empfindungen ist wohl über alle geglitten, die da zugegen waren, als in der letztverflossenen Sitzung des Wiener Kultnsvorstandes ein Brief des Oberrabbiners verlesen wurde, mit dem er Abschied nehmen will von seiner Gemeinde. Ein menschliches Dokument innigster Sprache, aber .unerbittlicher Endringlichkeit, ein Pronnnziamento antiker Größe und schmerzlichster Entsagung. Da sehen wir den kampfgestählten Gottesstreiter, erfüllt von tiefer Gelehrtheit und beseelt von ungeschwächter Glaubensstärke und kindlichem Gottvertrauen, die sich demütig vor dem, wie er selbst sagt, nnerforschlichen Ratschlüsse des Allmächtigen neigen. Er hat ihm die schwere, fast unerträgliche Prüfung anferlegt, ihm ein geliebtes Kind in erblühter Jnngsräulichkeit durch den Tod genommen. Fünfzig Jahre hat der Achtzigjährige dem Dienste der Knltusgemeinde gewidmet, an Ansehen und Geltung es hochgebracht, als Theologe und Meister des Gotteswortes die oberste Stufe erklommen. Diesem beredten und kundigen Munde, dem die Gemeinde in Leid und Freud zu lauschen gewohnt ist, entringt sich wehmütig, aber fest das Bekenntnis, daß das Unglück, das seine Familie betroffen, die Freude aus seinem Herzen gerissen hat, aus der die Liebe zu seinem Amte, die Begeisterung seiner Rede geflossen war. Mit dem Tod seines Kindes ist diese Quelle versiegt, sind Leib und Seele siech geworden, der Flügelschlag der Gedanken lahmgelegt, die Sehnsucht nach der Stille der Einsamkeit eingekehrt. Das Unglück hat mit seiner Wucht den starken Mann in den Winkel der Zurückgezogenheit geschlendert, seinen Willen zerzaust itnd zermürbt, seine Lebenslust und Arbeitsfreude zerbrochen. Und wie mächtig stand sie da! Wer gedenkt da nicht des imponierenden Elans und der Stoßkraft der flammenden Beredsamkeit, zu der er jüngsthin noch ansgeholt hatte, als der Präsident der Gemeinde ihre Mitglieder im Angesichte des Beilisprozesses zu der großen Versammlung in den Mnsikvereiussaal lud. Wer empfing nicht den gleichen unauslöschlichen Eindruck, als an der nämlichen Stätte Jahre zuvor sein edles Phatos sich im Hilsnersalle gegen unsere Widersacher sich erhob und früher noch, als der Aufschrei des gequälten .Herzens im Sofiensaale die Schändlichkeiten der russischen Pogrome gebrandmarkt hat. denn dies halte ich für die Glanz- und Höhepunkte seines Wirkens, weil sie in der zeitgenössischen Kunde unseres religiösen Lebens denkwürdig bleiben, unbeschadet des unvergänglichen Einflusses, den er als Literat, Prediger und Rabbiner ans die mächtige Entwicklung unserer Gemeinde genommen hat. Das alles soll mit einem Male vorüber sein; eine stille Resignation, ein Verzicht auf glückhaftes, öffentliches Schaffen diese Laufbahn kurz schließen. Dieser blendende Patriarchenkopf, der den gedrungenen kräftigen Körper krönte, soll mit seinen blitzenden Angen von der Kanzel des alten Tempels verschwinden, weil herbes Leid seine Seele zerfleischt. Der Kultnsvorstand will der Zeit, die alle Wunden schließt, auch diese Heilung überlassen. Dieser Trost mag ihm und der Gemeinde verbleiben. Doch ging ein Schauer des Mitleids und ein Rauschen der Ergriffenheit durch den Saal; denn die Zeilen des Briefes, die da verlesen und lautlos angehört wurde, drangen in das Gemüt der Zuhörer wie jene Furche des Schmerzes, die sich in das ehrwürdige Antlitz des gebeugten Vaters gegraben haben. Es har sich wohl Jeder eine stille Träne aus dem Auge gewischt. _ d. h. s. Die politische Wckstiindiglreit der bürgerlich - freisinnigen Karteien. Die diesjährigen Gemeinderats- und Bezirksratswahlen Wiens sind, nun abgeschlossen und haben wohl für den bürgerlichen Freisinn keine Veränderung gebracht, aber nicht nur