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Die Wahrheit · 1914-03-27 · Heft 12 (27.3.1914) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 12 (27.3.1914)
Date
1914-03-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seile 8. -- -'Die'Whvrheit---—"-'- Nr. 12. " Brünn. Samstag den 14. März l. I. feierte der Organist der israelitischen Kultusgememde in Brünn, Herr Sigmund Werner, sein 25jähriges Amt-jubilänüi. Ans diesem Anlasse wurde zu Ehren lies Jubilars ein besonders .seierliünr Gottesdienst — unter Leilüng des Oberkantors und Chordirekrors He.rrn Josef Heller — veranstaltet. Nach dem Gottesdienste versammelte^sicd unter, Führung des Herrn Oberkamors Heller das gesamte Tempelpersonale im Sitzungssaqle des Tenipelgebändes. In Anwesenheir Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiners Dr. Levy, desPräsidenten t)er Kiiltusgemeinde Herrn Leopold B ä u e r und des Obmannes der Kultussektiou. Herrn Gustav Tandler, sowie zahlreicher Festgüste, hielt Herr Öberkantor Heller an den Jubilar eine sehr herzliche Mjsp'rache. und überreichte ihm einen wertvollen Ring als Zeichen .seiner besonderen Werrschätznug. -Im Namen, des Chorpersonales überreichte Herr Kantor Goldniaiin eine Silberkassette mit Widmung. Aöül Kültusvorstande erhielt Herr Werner eine sehr ehrende Znschrisl nebst einer ansehnlichen Ehrengäbe. Abends fand zu Ehren des Jubilars eine gesellige Züsamineükunst im Restaurant Donath stall, woselbst durch abwechslungsreiche musikalische Vorträge, wie auch durch die überaus gelungene Rede, des Herrn Öberkantors Heller das Fest einen sehr schönen und würdigen Abschluß fand. Herrn Werner, der Zögling des Blindeiiinstilntes aus der Hohen Warle in Wien und Schüler des bekannten Orgelvirtüosen Labor war, wird dieser Ehrenrag eine dauernde angenehme Erinnerung bilden. Jüdische Bühne. Direktion M. Siegler. „Hotel Stefanie" II.. Täborstraße 12. Freirag. den 27. und Samslag, den 28. März 1914, Zum ersten Male: „Cüawale". Sonntag den 29. und Montag den 30. März. Neu: „Die S tr a ß e n k i u d er". Sonntag den 29. März, nachmittags */,4 Uhr: „Der lustige Vögel". Dienstag den 31. März, „Die 3 M a r u n e s" von Eh. Wolfsthal. Mittwoch den 1. April: „Die weiße Sklavin". Donnerstag den 2. April, Ebrenabend des Herrn Direktor M. Siegler. Großer Lachabend. Zur Aufführung gelangt: 1. „C h u m e z B e r b r e n n e n". 2. „Ä b a l e B a b a l e" von Frau Siegler nnd Herrn Slreng. 3. „Schmorte Berte" von Herrn Siegler nnd Reißmann. 4. „D e r l e b e n d i g e Tote". An diesem Abend, bekommt jeder Besucher einen Klavier-Auszug mit .unterlegtem Text aus Schir Heaschirem zum Andenken. Das Martyrium eines Idealisten. Eine Reminiszenz. . Von Ben Fehrrda. (Fortsetzung.) Gelingt es aber einen gelehrten Rabbiner, wenn auch von mittelmäßigem Talente, einen recht gut dotierten Posten in einer größeren Stadt zu erlangen, dann wird er allgemein, natürlich vom „hamon am** als „Graon“, „Peär hador", mit einem Worte, als eine „Größe" bezeichnet, nnd mit Geld und Ehren überhäuft. Dr. Abrahamssohn, auf den diefe Aeußeruugen einen tiefen Eindruck gemacht haben mochte, erwiderte: „Du hast mich aus einer Welt, in der ich bis jetzt gelebt, förmlich herausgerissen; ich sehe ein, daß die Zeiten sich geändert haben und in ihnen auch die Menschen, während ich fast ein Viertel-Jahrhundert lang meinen alten Idealen treu bleiben zn müssen glaubte. Aber was kann ich jetzt als fünfzigjähriger Mann anfangen, wenn die meisten Gemeinden, die fortgeschrittenen, wie die konservativen, bei der Besetzung eines Rabbinerpostens, nur aus junge Leute reflektieren?" Sei doch nicht so kindisch, entgegnete sein Freund. Ein Mann, der ein gründlicher Kenner des jüdischen Schrifttums ist und eine glänzende Rednergabe besitzt, wird selbst wenn er schon ein Fünfziger ist, noch immer gesucht, denn gelehrte begabteAabbiuer schießen, besonders in unserer Zeit, nicht wie Pilze aus der Erde hervor. Wenn du den festen Entschluß fassen würdest einen Rabbinerposten in einer größeren Provinzstaöt änznnehmen, so wäre ich gern bereit, dir einen solchen in kürzester Zeit zu verschaffen. Vor vierzehn Tagen war bei mir ein Geschäftsfreund. Fabrikant K., ans S., einer bedeutenden Provinzstadl, und erzählte mir unter anderem, daß -sie in. S. bezüglich der Besetzung des seit einem Jahre vakanten Rabbinerpöstens in Verlegenheit seien. Der Posten wurde bereits zweimal ausgeschrieben, mehrere Bewerber haben Prodepredigten abgehalten, bis nun aber habe noch kein -einziger vollkommen entsprochen. Du siehst also, daß es mir ein Leichtes wäre, dir/ der du zweifellos dort allgemeinen BeäfaÜ finden würdest, .diesen Posten zu verschaffen.. Die Stadt S. hat ungefähr 20.000 Einwohner, Mittelschulen und sonstige Lehranstalten und eine-herrliche gesunde Lage; Wie. gesagt, wenn dn diesen Posten, so er dir verliehen wird, auzunehnien. geneigt wärst, wäre ich gern - bereit, dich dein Vorstand in S: wärmstens zn empfehlen. Dr. Abrahamssohn reichte ihm die Hand-nnd sagte: „Ich gebe Dir mein Ehrenwort; daß ich, so .ich reüssieren werde, diesen Posteuschou meiner Kinder wegenbereitwilligst annehmen werde. Sodannverabschiedet^ er! sich von: seinem Freunde in herzlicher Weise und reiste nach Hanse.'Nach ungefähr vierzehn Tagen erhielt er. von dem Vorstand der Knltusgememde S.' eine Zuschrift, in welcher, er. in würdiger Weise eingeladen wurde, behufs Abhaltung einer .Gastpredigt nach S. zu kommen; Dr, Abrahamssohn folgte bereitwilligst diesem ehrenvollen Rusekam nach-S., hielt dort am Sabbath eine Gastpredigt; eroberte im.Sturm die ganze Gemeinde und ' wurde am daranfolgenden Tage von der Generalversammlung per Akklamation zum Rabbiner und Religionslehrer akzeptiert; In der Gemeinde Au. herrschte große Aufregung, als man erfuhr, i daß der Rabbi Abrahamson demissioniert habe; Niemand jedoch konnte es ihm übelnehmen, daß er sich zur Annahme eines so glänzenden Postens entschlossen hatte: Ungefähr drei/ Monate später nbersiedelte er. mit seiner Familie nach S., wo er mehr denn zwei Dezennien verweilte. S. war damals tatsächlich eine Mnstergemeindean deren Spitze als Präses ein reichbegüterter, intelligenter Mann, namens Samuel Dresdner, stand, der den Frieden als das kostbarste Kleinod der Gemeinde betrachtete unddaher jede Art Zerklüftung schon im Keimen zu ersticken suchte, damit den Nichtjuden ja kein Anlaß geboten werde, sich von den eingewanderten Juden — denn im Vormärz dursten in der königlichen Freistadt S. noch keine Juden wohnen — sonderbare Begriffe zn machen. Die meisten Mitglieder dieser Gemeinde erfreuten sich des blühendsten Wohlstandes, denn diese nichtgermanische Stadt war damals noch nicht von der mittelalterlichen Seuche, „Antisemitismns" genannt, ergriffen. Die Knltnsbeamten, besonders der Rabbiner, konnten daher ungestört ihrem Berufe nachgehen, ohne von drückenden Nahrungssorgen gequält zn werden. Dr. Abra.hamssvhn hatte also Ursache mit diesem neuen Posten vollkommen zufrieden zn sein. Nicht nur der Präsident Dresdner sondernauch der Vizepräsident Meier — ein Emporkömmling, der als ehrgeiziger, herrschsüchtiger Mann in der Gemeinde galt — gehörten zu seinen intimsten Freunden niib Verehrern. Bittermann benützte gern jede Gelegenheit, um dein neuen Rabbi entsprechende Proben und Belege seiner aufrichtigen Freundschaft nnd Verehrung zu liefern, um zn zeigen; daß er— der als Krakehler galt, weil er den früheren Rabbinern oft im stillen recht derbe Hiebe zu versetzen pflegte — kein Rabbinerseind sei. Dr. Abrahamssohn, der wohl den Vizepräsidenten bald durchgeblickt, ließ nie merken, daß er ihn als. echten Schlaumeier erkannt habe und das war sehr klug, denn sonst hätte er auch in S. keinen leichten Standpunkt gehabt, da Bittermann nicht nur Vizepräsident; sondern auch Tempelvorsteher war und dieses.Amt sehrgerne in antokratischer Weise verwaltete. Dr. Abrahamssohn hatte seine Pflichten als Rabbiner, Prediger und Religionslehrer in gewohnter Weise äußerst gewissenhaft erfüllt, um sonstige Gemeindeangelegenheiten aber kümmerte er sich . nie,. sein Wahlsprnch lautete: „Ubikeliolan. al tecliad Kewodi“, d. h. mit änderen Worten: „Ich kümuiere mich nicht' was in der meindestube vorgeht, sondern überlasse das alles den Herren Vorstehern"; und. das paßte dem Vizepräsidenten Bittermann, daher er jahrelang - älä .-der ch.eW HrÄm'd. und Verehrer des Dr. Abrahamssohn galt. .Die Vorgänger des Dr. Abrahamssohn aber hatten zuweilen "es /gewagt/ dem ehrgeizigen Vizepräfideüten - in syilägögäjen''Angelegenheiten: Oppösitimc zu machen, was er-nie ertragen könnte.,daher/Läb Differenzen, die, wenn nicht - der Präsident Dresdner..,ras.ch eingegriffen hätte, für die , Rabbinerhöchst unangenehme Folgen gehabt haben würden. - ■■■■-" : il> (Fortsetzung folgt)

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