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Die Wahrheit · 1914-03-27 · Heft 12 (27.3.1914) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 12 (27.3.1914)
Date
1914-03-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 12. herankomme», dann ist mau auch nicht iu der Lage, falsche Wähler rechtzeitig aus der Wählerliste hinaus- und fehlende wirkliche Wühler hineinzu reklamieren. Löffelt man aber die von den Christlichsozialen zubereitete Wahlmache widerstandslos aus. dann hat man hinterher auch kein Recht, sich darüber zu beklagen. Nicht so sehr an dem Wahlsysteme, als an ihrer eigenen politischen Trägheit gehen die bürgerlichen Gegner der Christlichsozialen zu Grunde. Versäumt es der bürgerliche Freisinn diesmal wieder, rechtzeitig das Geeignete vorzukehren, dann muß er für immer aus der politischen Arena Oesterreichs verschwinden! R. L. Ans der Woche. Ueber die seitens der Repräsentanten der kroatischen Zndenfchaft eingeleitete Aktion zur Erlangung der Gleichberechtigung der jüdischen Religion wird aus Bltdapest Nachstehendes berichtet: In den jüdischen Kreisen Kroatiens ist eine Bewegung im Zuge, welche die Erreichung der rechtlichen Gleichstellung der jüdischen Konfession mit den christlichen Bekenntnissen anstrebt. Das interkonfessionelle Landesgesetz vom Jahre 1906 verbietet nämlich den Uebenritt von einer anderen Konfession zur jüdischen. Es ist dies die einzige Ausnahme im Gesetze, welches im allgemeinen den Uebertritt von einem Bekenntnis zum anderen gestattet. Obgleich das Proselytenmachen im Judentum bekanntlich verpönt ist, empsinden die Juden in Kroatien diese Ausnahme mit Recht als Kränkung, und sehen darin das Prinzip der vollen Gleichberechtigung der Konfession zu Ungunsten der Inden durchbrochen. In der ursprünglichen Fassung des Gesetzes fehlten diese die Juden mit Recht kränkenden Sonderbestimmungen, bei der Verhandlung der Vorlage un kroatischen Landtage erhob jedoch der Erzbischof von Agram Dr. Posilowicz im Namen der gesamten kroatischen Geistlichkeit Einspruch dagegen, daß das jüdische Bekenntnis mit den christlichen Konfessionen vollständig gleichgestellt wird. So kam es. daß bezüglich der Juden die erwähnten Ausnahmebestimmungen in die Vorlage eingefügt wurden. Die mißlichen politischen Verhältnisse machten es bisher den Juden unmöglich, eine Aktion zur Revision dieser gesetzlichen Ausnahmebestimmungen einzuleiten, da aber seit kurzem der politische Friede wieder hergestellt ist, hat eine Bewegung iu diesem Smue eingesetzt, au deren Spitze der Rabbiner in Körös (Krusevaz), Dr. Engel, steht. Er berief dieser Tage eine Delegiertenversammlung der kroatischen Juden ein, iu welcher über die weiteren Schritte, welche unternommen werden sollen, beraten wurde. Ueber den jüngst, kurz nach, der Feier seines 70. Geburtstages verstorbenen Geheimen Regierungsrat Professor Dr. Paul Magnus schreibt das „Berl. Tagbl.": Magnus entstammte einer angesehenen alten Berliner Familie — sein Vater war der in weitesten Kreisen bekannte Berliner Stadlrat Meyer Magnus, der sich der besonderen Freundschaft des Kaisers Friedrich und der Kaiserin Viktoria rühmen durfte — und war in feinem ganzen Wesen der Typus eines echten Alt-Berliners. Hier hat er seine Bildung begonnen und abgeschlossen, hier hat er auch sein langes, reiches, wissenschaftliches Leben verbracht. Er war ursprünglich für die Medizin bestimmt gewesen, allein sehr bald überwog bei ihm die Liebe zu den reinen Naturwissenschaften, speziell zur Botanik, in die er durch Ascherson und den unvergeßlichen Alexander Braun eingeführt wurde. Merkwürdig weltabgewandt war Paul Magnus schon als Student. Sein ungewöhnlich üppiger Haar- und Bartwuchs trug ihm damals den Scherznamen „der Waldmenfch" unter seinen Kommilitonen ein, und gutmütig, wie er von Hause aus veranlagt war, ließ er sich diesen Scherznamen auch stets gefallen. Paul Magnus gehörte zu jenen selbstlosen Menschen, die lediglich ihren idealen Bestrebungen sich hingeben, ohne davon viel Wesens zu machen. Er war unermüdlich tätig auf seinem Spezialgebiet, der genaueren Untersuchung und Erforschung der Algen. Auf diesem schwierigen Sondergebiete der Botanik hat sich Paul Magnus eine ehrenvolle Stellung und allgemeine Anerkennung zu verschaffen gewußt. Es sei hier nur noch daran erinnert, daß er kurz vor seinem 70. Geburtstag ein Kapital von 40.000 Mark stiftete, dessen Zinsen für solche Personen verwandt werden sollen, die von der Armendirektion zur Erstattung der durch Verpflegung verstorbener Verwandter in den Berliner städtischen Krankenhäusern entstandenen Kosten herangezogen werden. In Rußland ist der alte, jildenfesndliche Antrag auf Ausschluß der Juden aus dem Militärdienste wieder erwacht. Es ist diesmal der altrussische Adel, der solcherweise in „Staatsrettung" macht. Der am 15. März in Petersburg eröffnete Kongreß des allrussischen Adels beschäftigt sich in Ermangelung anderer Traktanden ausschließlich mit der Frage der Rechtsbeschränkung der Juden. Besser als durch ihren Ausschluß ans dem Militärdienst läßt sich aber diese Ausnahmestellung der Inden nicht begründen und für alle Zeiten festlegen. So beschlossen denn die klugen Leute, dem Ministerrat demnächst eine Vorlage des Ministeriums des Innern über völlige Ausschließung der Juden vom Militärdienst zagehen zu lassen. Der Kongreß wünscht diese Vorlage durch einen Vorschlag zu ergänzen, nach dem statt der Wehrpflicht eine dreijährige Staatsfron oder eine Personalstener einznfnhren wäre. Ob und inwieweit diesen frommen Wünschen der Edlen der russischen Nation praktische Bedeutung innewohnt, ist gleichgültig. Schon die bloße Ventiliernng dieser Frage liefert soviel Wasser ans die reaktionäre Verbandsmnhle, daß die um Pnrischkewitsch. allen Grund haben, sich ihrer Erfolge zu freuen. * * Ueberall, wo die Judenfeinde sich, scheuen, die brutale offene G.ewalt zu gebrauchen oder wo diese nicht wirksam genug war, gilt der wirtschaftliche Jndenboykott als ein beliebtes Mittel, um die Existenz der Inden zu vernichten. So tun es auch die Nationalisten in Rumänien. Nachdem sie zweimal hintereinander versucht hatten, gegen die jüdische Bevölkerung Pogrome nach russischem Muster ins Werk zu setzen, haben sie es neuerdings den raffinierten Polen des Königreiches und Galiziens' abgeguckt und bedienen sich in ihrem Vernichtungskampfe gegen die Inden dieser „zivilisierten" Methoden, wobei sie sicher sind, in ihrer Tätigkeit von den Behörden nicht gestört zu werden. In einem Aufrufe, der dieser Tage in Jassy gedruckt und in einer Massenauflage verbreitet wurde, werden die Rumänen jeden Standes und Alters, darunter die Schüler der Volks- und Mittelschnlen, aufgefordert, die Juden auf der ganzen Linie zu boykottieren. Die sozialistische Bewegung im Lande sei das Werk der Juden, an der Armut des rumänischen Volkes seien die Inden schuld usw. „Jedes Krümchen Brot aus der Hand eines Rnmäneu mitß wieder in den Mund eines Rumänen gelangen, da wir sonst ein Volk nähren, das uns wie eine böse Schlange zu verschlingen möchte." __ Girr Uetrer griff des miihri scher» Kandesraddirrrrtes. Von Rabbiner Jakob Hoffmann in Radautz. In den letzten Tagen ist ein vom 24. Jänner 1914 datierter und an alle k. k. Bezirkshanptmannschaften gerichteter Erlaß der k. k. Statthalterei von Mähren bekannt geworden. Dieser Erlaß, der dem Einschreiten des mährischen Landesrabbinates sein Entstehen verdankt, hat die Bestellung von Rabbinern zum Gegenstände. In diesem Erlasse heißt es unter anderem wortwörtlich: „Weiters hat das mährische Landesrabbinat anher mitgeteilt, daß bei einzelnen Kultnsgemeinden bei der Besetzung erledigter Rabbinerposten

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