Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 11 (20.3.1914)
- Date
- 1914-03-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Tie Wahrdeil Teile 9. Sehr auffallend bleibt daher hier die wesentliche Abiveichnng des Textes des Ors.6ua.l8 sowie des üllissalcs von dem Urtexte der Vulgata, der sonst ganz unverändert übernommen wurde, denn die im ersten Verse zitierte Stelle: flD ominus veniet ad salvandas g e n t e su kommt in dem Texte der Vulgata gar nicht vor und ebenso wenig der zweite Vers: „Etauditan faciet“ usw. der allerdings dem Sinne nach dem Bnlgatatexte teilweise zu entsprechen scheint. Mir scheint aber, daß hier 2 ivesentliche Druckfehler Vorliegen, indem es statt „g 1 o r i a m vocis s u a e “ richtig: „M oriam vocis tuae“ heißen soll, was allerdings einen mit dem Urtexte und der Vulgata übereinstimmenden Sinn geben würde, daß nämlich Gott der Herr, die klagenden Wehrnfe des Volkes erhören wird, während der vorliegende Text schon vom sprachlichen Standpunkte schwer einen Sinn gibt. Den Spuren dieser allerdings besremdlichen Textabweichuug zu verfolgen, namentlich die Prüfung unserer Annahme. daß hier zwei Druckfehler vorliegen, wäre allerdings interessant. Doch sei das berufenen Fachmännern überlassen. Ans genügt der Beweis, daß das alte Testament, für das in neuerer Zeit die klirrende aber schon abgegriffene Münze ^Gift ans Jndea" geprägt wurde, daß namentlich die Psalmen immer eine Hauptqnelle der katholischen Liturgie waren und stets geblieben sind und baß die Psalmen trotz des modernen Antisemitismus als ein fast 3000 jähriges poetisches jüdisches Denkmal in unsere Zeit hereinragen. Das Martyrium eines Idealisten. Eine R e m i n i sz e n z. Boa Beu Jehnda. (Fortsetzung.) Sie brauchen sich nicht einmal selber um diesen Posteu Zn bewerben. Es genügt, wenn Sie mir das Wort geben, daß Sie einer an Sie ergehenden Einladung Folge zu leisten, keinen Anstand nehmen werden. Dr. A. erwiderte: Lieber Freund! Wenn es von Gott bestimmt sein wird, so soll es sein. Ich überlasse also mit Vergnügen Ihnen die Anstragnng dieser ganzen Angelegenheit. Möge der Allgütige alles zum Gnten lenken. Seien Sie versichert entgegnele E. St., daß ich das Weitere ganz in Ihrem Sinne und nach Ihrem Wünsche besorgen werde. Ich hoffe, daß Sie recht bald in die angenehme Lage kommen werden, um mir die erfreuliche Mitteilung über Ihre Vokation machen zu können. Bald nach dieser Verabredung nahm E. St. in herzlicher Weise Abschied Von seinem Freunde und reiste mit dem nächsten Zuge nach B. zurück. Nach wenigen Tagen erhielt Dr. Abrahamssohn vom 'Vorstande der Kultnsgemeinde Au. eine ihn ehrende Zuschrift, in der er in würdiger und höflichster Weise zur Abhaltung einer Gastpredigt eingeladen wurde. Er folgte dem Rufe, per au ihn ergangen, entledigte sich am Sabbath seinerAufgabe, in glänzender Weise und wurde am darauffolgenden Tag von per Generalversammlung einstimmig znm Rabbiner derKnltns- ^gemeinde An. n. des großen zur selben gehörenden Sprengels -ernannt. Drei Monate später, kurz vor den hohen Feiertagen, nahm er von der Gemeinde, wo er sich einer ungewöhnlichen Popularität erfreute. Abschied und zog mit seiner Familie mach seinem neuen Bestimmungsorte An., wo er. mit Jubel -empfangen wurde. Hier war er wieder iu seinem Elemente. .In dieser Gemeinde gab es damals noch mehrere Talmudisten. Er konnte also, wie er es sich eben immer gewünscht, ruhig und ungestört, seinem Berufe uachgehen und seine literarische Tätigkeit fortsetzen. Ungefähr drei Jahre später entschloß er sich, was bei ihm äußerst selten vorkam, eine Ferienreise nach P. zu machen, um Verwandte, die dort seit einigen Jahren wohnten, zu besuchen. Bei dieser Gelegenheit besuchte er auch seinen einstigen Kollegen, der sich herzlich freute, ihn nach so langer Zeit wieder einmal zu sehen. A. mußte ihm zu Liebe einen Tag länger iu P. bleiben und bei ihm wohnen, damit sie Zeit gewiunen, um sich gehörig aussprechen zu können. Als sie so gemütlich beisammen saßen und sich gegenseitig Reminiszenzen erzählten, richtete sein Kollege an ihn folgende Frage: Sage mir, warum warst dn bis jetzt immer so unvorsichtig, ja ich möchte sagen, so ungeschickt in der Wahl deiner Posten. Als du vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren dich um den Rabbinerposten in W. bewerben wolltest, verlangtest dn von mir, dir nähere Auskünfte über die Zustände und Verhältnisse dieser Gemeinde zn erteilen. Ich säumte nicht und schilderte dir haarklein in einem Schreiben diese Kehilla, besonders den berüchtigten P a r n e s R. Sender. Nichtsdestoweniger hast dn mit vollen Händen nach diesen durchaus nicht begehrenswerten Posten gegriffen, den dn nach kaum zwei Jahren zu verlassen dich gezwungen sahst. Dann wähltest du die alte Gemeinde Ir. und zwanzig Jahre später, die gleichfalls alte Kehilla Au. znm Schauplätze deiner Tätigkeit, während du, wie mir erzählt wurde, die glänzendsten Ttelleu in großen Städten, die dir angeboten wurden, abgelehnt hast. Erkläre mir' dieses Rätsel. Und das, entgegnele Abr., erscheint dir, der du mich seit frühester Jugend kennst, so rätselhaft? Erinnerst denn dn dich nicht mehr jener Zeit, da wir gemeinschaftlich die tal. Hochschule, dann die Universität besuchten? Wie oft hattest dn mir damals zum Vorwurf gemacht, daß ich bis ein Uhr uachts studiere, mir keine Ruhe gönne, und dazu dich noch vom Schlafe störe? Ich besitze seit meiner Kindheit eine unbegrenzte Liebe znrWissenschaft nafschi choschko bethora, denn die Thora ist das Element, das unser Leben bedingt. Diesen Wissensdurst zu befriedigen, habe ich mir eben zur Lebensaufgabe gemacht. Da man aber in großen volkreichen Städten nicht so viel Zeit und Ruhe als iu kleineren Orten zum Lernen gewinnt, deshalb habe ich stets Letztere den Ersteren vorgezogen. Dn hast aber dabei vergessen, erwiderte der Kollege, daß „fcempora mutantur etnos mutamur in illis“. Vor dreißig Jahren, als du noch unverheiratet warft und bloß für deine Person zn sorgen hattest, konntest dn dir einen solchen Luxus erlauben, aber heute, wo deine Kinder berechtigte Anforderungen au dich stellen, mußt du das Wort unserer Weisen: imen Kemach en Thora, „wenn man von Brotsorgeit gequält wird, kann man unmöglich seine ganze Kraft dem Studium der Thora widmen", beherzigen und dich vor allem bestreben, in den Besitz einer fetten Pfründe zn gelangen, um einerseits deine Kinder anständig versorgen und andererseits ungestört deinem Beruf uachgehen zu können. Von Idealen allein aber kann mau nicht leben und am allerwenigsten eine Familie erhalten. Die Zeiten sind längst vorüber, wo ein gelehrter Rabbi, selbst wenn er in einem weltvergessenen Dorfe wohnte, sich eines großen Rufes erfreute und von großen angesehenen Gemeinden oft ausgesucht wurde, weil man das tal. Wort beherzigte: ..Nicht der Ort ist es. der den Mann, der an seiner Spitze steht, verherrlicht und dessen Ruf verbreitet, sondern der Manu, wenn er eine achtunggebietende Persönlichkeit ist, ziert und schmückt, ehrt und verherrlicht den Ort seines Wohnsitzes, die Stätte seiner Wirksamkeit". Es mag heute ein Rabbiner der gelehrteste und würdigste Mann sein, bleibt er doch unbeachtet und unberücksichtigt, so er in einem unansehnlichen Orte seine Aemtchen bekleidet. Wie oft hört man im Volke, wenn von einem in einer kleinen Landgemeinde wirkenden Raw die Rede ist, die Aeußerung: „Mit diesem „Räwel" kann wohl nicht viel los sein, sonst müßte er nicht in einem so kleinen Neste versauern". Eine herrliche Logik! Eine hervorragende rabbinische Autorität in einer bewährten ungarischen Gemeinde hat einmal auf einen sehr gelehrten Rabbi, der in einem unbedentenden Orte lebte, scherzweise angewendet den Vers: Wees hakeloho al „Haräwel“. „Das bedauernswerteste Geschöpf ist ein gelehrter Rav in einer Miniatnr-Kehilla". (Fortsetzung folgt.)