Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 11 (20.3.1914)
- Date
- 1914-03-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11. Die Wahrheil. Seite 5. Nicht minder enthusiastisch tritt der positive Rostoker Alttestamentler Prof. Ernst Sellin in seinem Werke: „Der alttestamentliche Prophetismus" für die göttliche Mission der jüdischen Religionslehre ein: „Mögen andere antike Völker unendlich mehr geistiger und materieller Güter gewürdigt sein, mögen ihnen gewaltige Heroen, im staatlichen und kulturellen Leben beschert sein, ja mag auch ihre sittlich-religiöse Entwicklung bald direkt, bald indirekt eine Vorbereitung ans das Gottesreich gewesen sein, eins ist und bleibt eine Prärogative jenes Völkchens im heiligen Lande, auch wenn es dem Historiker als die größte Ironie in der Geschichte der Menschheit erscheint: unmittelbar gesprochen, sich selbst erschlossen hat sich der eine ewige heilige Gott nur ihm, um dort die Stätte zu bereiten, da der Welt die Gnade und die Wahrheit erscheinen sollte". Der theologische Rezensent dieses Werkes in der „Krenz-Ztg.", Schwarzkopff-Berlin, ist von dem Buche Sellins so begeistert, daß er schreibt: „Wer das Buch von Anfang bis zum Ende durchlieft, nein lieber durchstudiert, dem wird die Herrlichkeit des Prophetismns des alten Bundes, ja des ganzen Alten Testaments nicht kleiner, sondern größer und der Glaube an die Wahrheit des göttlichen Wortes von neuem befestigt und gestärkt werden." Als ein bedeutsamer Zenge für die hohe Ethik der jüdischen Religion darf auch der Vertreter des alttestamentlichen Faches an der Berliner Universität, Graf Bandisfin, genannt werden, der in seiner vorjährigen Rektoratsrede zeigte/ wie sich die alttestamentliche Religion entwickelt, wie sie zur Religion des Judentums geworden ist: „ . . . Das Psalmwort: „Wenn ich nur Dich habe,' so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist Du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Heil." (Pf. 73, 25.) — Dieses Psalmwort, das das Bewußtsein unzerstörbaren Friedens durch den alles andere Gut aufwiegendeu Besitz der Gottesgemeinschaft zum Ausdruck bringt, zeigt das religiöse Gefühl auf seinem Gipfelpunkte. Daneben hat das Alte Testament in dem Gebote: „Dn sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst" (Lev. 19. 18) die Bruderliebe als den sich bestätigenden Gottesdienst dargestellt. Es hat damit für das Verhalten der Mitwelt gegenüber einen ethischen Grundsatz ausgestellt, der, in seinem vollen Sinne verstanden, eine Steigerung nicht erfahren kann. Graf Bandisfin hat in dieser seinerzeit viel kommentierten Rede offen ausgesprochen: „Es war die bestimmt jüdischnational gefärbte Form des Glauben an Gott und sein Reich, die in das Christentum herübergenommen wurde" und ferner: „Wirkliche Volksreligion kann nur eine Religion werden, die den Charakter des Volkes rein zum Ansdruck bringt. Tatsächlich ist ... das spezifisch national Bestimmte zum Universalen geworden. Die christliche Bitte, daß Gottesreich kommen möge, ist unverkennbar der Ausdruck allgemein menschlichen Strebens in einer religiösen Form. Die Bitte ist der Herkunft nach israelitisch, dem Sinne nach allgemein human." So urteilen die hervorragenden Theologen der positiven Richtung über das Alte Testament. Gewiß finden sich darin auch Anschauungen und Lehren, die einer modernen religiösen Betrachtungsweise widerstreben, die freier denkende Geister ablehnen. Von dieser innerlichen Abkehr religiös fortgeschrittener Elemente vom Alten Testament bis zur rohen antisemitischen Beschimpfung des „Buches der Bücher" ist freilich ein weiter Weg, ungefähr soweit wie die geistige Distanz zwischen den beiden „dezidierten Nichtchristen" H. St. Chamberlain und Goethe. Der erstere erblickt in der altlestamentlichen Grundlage des Christentums „eine der schrecklichsten Verwirrungen der Weltgeschichte" und.. stellt die kategorische Forderung, „vom Christentum das Bleigewicht des Alten Testaments abzuwerfen", während der Weltweise von Weimar bei der Lektüre des ersten Buchs Mosis, „sich zugleich in der größten Einsamkeit und in der größten Gesellschaft befand und erklärte, daß er „die Bibel lieb und wert" habe, der er fast allein seine sittliche Btldung allein verdanke! IahresVerfammlnng der „Indischen Toynbeehalle". Sonntag, den 8. d. M. fand unter großer Beteiligung der Mitglieder die Jahresversammlung des Vereines ..Jüdische Toynbeehalle" in den Räumender „B'nei B^rith". IX. Universilätsstrasse 4, statt. Nach Verlesung des Protokolls der letzten Hauptversammlung erstattete der Vorsitzende Dr. I. Samuely den Bericht, der von der gedeihlichen Entwicklung des schönen Unternehmens deutlich Zeugnis ablegte. (Die genauen Angaben werden wir nach Erscheinen des gedruckten Jahresberichtes mitteilen.) Der Jsr. Kultusgemeinde, den Hm"Mlitätsvereinen „Wien" u. „Eintracht", sowie dem „Jngendbnnd" wird der aufrichtige Dank für.die werktätige Unterstützung dargebracht. Auch dem wegen Ueberbürdnng mit Bernfsgeschäfleu nach fast 10jähriger Amtsführung scheidenden Sekretär, Herr Guido Fnchsgelb, wird die Anerkennug für seine hingebungsvolle Arbeit durch dessen Wahl in den Vorstand ausgedrückt. Nachdem k. Rat Herr- Jonas Weil namens der Jsr. Knltusgemeinde nnd der Präsident des Vereines „Wien", Herr Rudolf Kohn. das ersprießliche Wirken der „Toynbeehalle" gekennzeichnet nnd fernerer Förderung versichert hatten, legte Herr Heinrich Lederer die wirtschaftliche Lage des Vereines dar, worauf Herr Karl Freund sehr ausführlich über die „Kinderjausen" und die Unterstützung der bedürftigen Toynbeehallebesncher sprach, wobei er des pflichteifrigen Verwalter-Ehepaares lobend gedachte. Auf Grund der Revision des Herrn Jacques Karpeles wurde der Vereinsleitnng das Absolutorium und der aufrichtige Dank der Versammlung erteilt. Auf Vorschlag des Herrn Trebitsch erfolgte die Wahl des Vorstandes durch Zuruf. Die Vereinsleitnng besteht nun ans den Herren: Dr. I. Samuely, Karl Freund, Prof. S. Ehrmann, Kommerz. Rat S. Rosenzweig, H. Lederer, Heinrich Mendl, W. Neumann, G. Fuchsgelb, Dr. Eisinger jun. Dr. Jos. Jerusalem, Prof. I. Pollak, Rud. Kohn. Rich. Lissan. Dr. M. Laub, Dr. M. Schnabl, Prof. Wilh. Roth. E. G. Tanssik, Dr. Rud. Fürth. Dr. Jul. Schorr, Reg. Rat Prof. Wilh. Jerusalem, Berth. Glück. Alsr. Zweig, Viktor Heim, Rob. Sereth. Drr. I. Bellak. Dr. Boxer u. K. Scharmann. Nun beantragt der Vorsitzende, namens der Vereinsleitung, Herrn Heinrich Mendel, der durch eine großartige Stiftung der Toynbeehalle passende Räume, für die Zukunft bereitgestellt hat, zum Ehrenmitgliede zu ernennen. Nach herzlicher und allgemeiner Zustimmung zu diesem Vorschläge, wird die Beratung geschlossen. Verein zur Errichtung u. Erhaltung von H o r t e n js n r schulpflichtige Kinder. Am gleichen Tage und Orte wurde die Jahresversammlung dieses Vereines unter starker Beteiligung abgehalten. Nach Begrüßung der Anwesenden, gibt der Vorsitzende, Dr. I. Samuely. einen kurzen Ueberblick über die Entstehung der Vereinshorte und gedenkt der großen Verdienste des verstorbenen Vorstands-Mitgliedes G. R. Max Frank und der ' hochherzigen Stiftung des Vorstandsmitgliedes Gottlieb Benelheim nnd dessen Gemahlin Regine. (Den Tätigkeitsbericht werden wir nach dessen Drucklegung mitteilen.) Nach Abstattung herzlichen Dankes für die kräftige Förderung an den „Jngeudbund", die Jsr. Kultusgemeinde, die Vereine „Wien" und „Eintracht", den Herren Relig. Jnspekt. Prof. M. Kanitz. Dir. Hecht. Prof. Khnner, die Hortlehrer, gedenkt der Vorsitzende der Mitarbeit des scheidenden Sekretärs G. Fnchsgelb, der sich schon bei den Gründuugsarbeiten eifrig um das gute Werk bemüht hatte. Die Hoffnung, Toynbeehalle und Kinderhorte nicht mehr einmieten zu müssen, ist mm in greifbare Nähe gerückt durch den edlen Entschluß eines großzügigen Menschenfreundes,