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Die Wahrheit · 1914-03-20 · Heft 11 (20.3.1914) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 11 (20.3.1914)
Date
1914-03-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Das Alle Testament im Lichte des Christentum». (Schluß.) In wenigen Monaten geht ein bedeutsames (bei Vanderhoek und Rnprecht-Göltingen erscheinendes) theologisches Sammelwerk seiner Vollendung entgegen: Schriften des Alien Testaments in Auswahl neu übersetzt und erklärt von Prof. D. Dr. Hugo Greßma n », Berlin; Prof. D. Dr. Herm. Gunkel, Gießen; Privatdozent Pfarrer Liz. M. Haller, Bern; Privatdozem Pastor Liz. Hans Schmidt, Breslau; Prof. D. Dr. W. Stärk, Jena und Prof. D. P. Polz, Tübingen. In der 27. Lieferung dieses Werkes wird die welthistorische Mission Ider jüdischen Religion folgendermaßen gewürdigt: „Die Religion ist das allgemein menschlich Wertvolle am Judentum, seine weltgeschichtliche Leistung. Durch sie ist das Jitdenlnm zur Wiege des Christentums geworden. Durch die heiligen Schriften, die die christliche Kirche vom Judentum übernahm, ist die ganze christliche Gedankenwelt mit jüdischem Geist durchsetzt worden. Der mittelparteiliche Heidelberger Theologe Fr. Niebergall hat in einem Aufsatz der „Christlichen Welt" gezeigt, was die großen Propheten Hesekiel und Jesaias als Erneuerer des Volksorganismus geleistet haben. Von ihnen hat die Nachwelt bis zum heutigen Tage lernen können, wie man durch starke Betonung des Gesetzes ein zerstörtes Volksleben wieder aufbaut. Niebergall sagt mit Recht: Sie haben ein unschätzbares Gedankengut hervorgebracht und zwar ist dieses auf dem Wege geschehen, der mit dem Begriff der Heterogonie der Zwecke bezeichnet wurde. Deren Wesen besteht ja darin, daß für bestimmte zeitliche Aufgaben Mittel aufgewaudt werden, die weit über den vorliegenden Zweck hinansgehen, die sich eben darum zu Selbstwerten erbeben. denen auch die Größen dienen müssen, in deren Dienst sie entstanden sind. Diese Selbstwerte sind die reife Sittlichkeit, die Persönlichkeit des Einzelnen, die Menschheit. Es ist allen großen Zeiten eigen, daß sie solche Werte, vielleicht gerade diese großen Hanptwerte der Menschheit, zum erstenmal oder aufs neue ans Licht gebracht haben. Darin liegt etwas Versöhnendes gegenüber der Notwendigkeit des Verfalls, dem auch die glänzendsten Zeiten und die begabtesten Vökler nicht entgesen können. ... ... Dieser Blick in die Tiefe der Zusammenhänge eines Volkslebens hinein gehört zu dem Erbe, daß die Propheten zum geistigen Besitz der Menschheit beigetragen haben." Selbst ein so erklärter Gegner des Judentums und der jüdischen Religion wie Paul de Lagarde senkte doch feinen Degen vor der sittlichen Größe der Propheten, die, wie er sich ausdrückt, „den Instinkt für das Ethos und für Israel" hatten: „In ihnen brennt zum erstenmale in der Geschichte die Flamme der Vaterlandsliebe im reinsten Lichte, der Vaterlandsliebe, welche im Vaterland nicht althergebrachte Gewohnheit freundlichen Daseins, sondern den Träger einer großen Ausgabe, den irdischen Leib eine Idee sucht." (Deutsche Schriften, Seite 224.) Der ständige theologische Mitarbeiter der „Krenz-Ztg.", der Bonner Alttestamentler Geh. Rat Ed. König, hat neuerdings eine Artikelserie über „Babylonien und die messianischen Weissagungen des Alten Testaments" veröffentlicht, in der er zu dem alten Babel-Bibelstreit Stellung nimmt, den er schon einmal behandelt hat. Er hatte damals nachgewiefen: „Das Kultnrgebiet aber, ans dem Israels besondere Größe lag, war seine Religion. Oder in welchem anderen Volke des Altertums wäre der Monotheismus zur Volksreligion geworden? Nicht einmal in dem sonst hochstehenden Volke der Griechen. Wo ferner im Altertum wäre die Verwerfung der Gottesbilder ein so deutliches Prinzip gewesen, wie im zweiten Grnndgebot der Hebräer? Nirgends und am allerwenigsten in Babylonien. Hört man denn nicht, wie die babylonischen Gottesbildschnitzer im Buche Jesaja so oft (40. 19 f; 44. 9ff. nsw.) ironisiert wurden?" Prof. König ging dann näher auf die von der Gegenseite vorgeführten Znknnflserwartungen Babyloniens ein: „Wie hoch erhebt sich darüber die aluestumenttlche Prophetie! Ihr Zentrum liegt im religiös-sittlichen Gebiete. Denn nur in Israels Weissagung wird die ^Tilgung der Menschheitsschnld als die unterste Grundlage' der Harmonie zwischen Gott und Mensch hingestellt. (1. Moses 3, 15 nsw.; Jer. 31, 34 nsw.) und nur die alttestamentliche Weissagung besitzt ihren Gipfelpunkt in der Verkündignug von einem Plane der Gottheit, das religiös-sittliche Heil der Menschen und damit den wahren Frieden der Menschenseele in einem speziellen Gottesreiche zu verwirklichen (1. Mos. 12, 3 nsw.). Aber auch wenn — was Prof. König freilich heftig bestreitet — die eigenartige und hochorientierte Heilweissagnng des Alten Testaments ans einem babylonischen Wnrzelstock erwachsen wäre, so würde, so resümierte er sich damals „zum allermindesten dies zu sagen sein: Nicht genug kann man über den hohen Geisteszng. der ans einem gewöhnlichen physischen Begriff des zukünftigen Menschenheils eine so erhabene Idee des Heils und einen^leidenden Versöhner von Gottheit und Menschheit (Jes. 53. 4 nsw) heransgestaltet hätte". Die weiteren Ergebnisse der Forschungen auf dem Boden Babyloniens und die Entzifferung der nengefnudenen Keilschristen haben Prof. König in seinem damaligen Urteile nur noch bestärkt. Wir übergehen die. Kontroverse gegen die wissenschaftlichen Vertreter Babels und lassen hier nur seine Antwort folgen.auf die Frage. „Woher nun diese geistige Höhe der Znknnftsverkündignng des Alten Testamentes?" : „Diese eminent moralische Art der messianischen Weissagung ist doch auch eine Bestätigung für den so klar und - so hundertfach von den Propheten erhobenen Anspruch, die wahrhaften Sprecher der Gottheit zu sein (vgl. meine Geschichte nsw., S. 112—118). So aber wird schließlich doch' auch auf diesem Wege die Hauptsache an der Heilsverkündignng des Alten Testaments, ihr einzigartiger wahr hast göttlicher Ursprung sich zur allgemeinen Anerkennung hindurch dringen. ... So fällt auf dieses alttestamentliche Znknnftsgemälde ein verklärender Geistesstrahl herein. Es ist der Glanz der Morgenröte, die einen neuen Tag der gottgelenkten Menschheitsgeschichte heranfführt." Die neueren Angriffe Th. Fritschs gegen das Alte Testament, insbesondere sein Buch: „Mein Beweismaterial gegen Jahwe", haben Prof. König Anlaß gegeben, sich in einer besonderen Schrift: „Das antisemitische Hanptdogma" (Markus & Weber, Bonn) mit diesem Schmäher der jüdischen Religion polemisch anseinanderznsetzen. Daß Prof. König keineswegs ein unbedingter Lobredner des heutigen Jndentnms ist, zeigt fein Schlußwort; um so schwerer wiegt daher auch sein Verdikt über die antisemitische Herabwürdigung der alttestamentlichen Grundlagen des Judentums. Er erblickt in dem Jahve-Buch Fritschs nur „kraftstrotzende Ausdrücke" und „mehr Schlagworte zum Betäuben, als Gründe, zum Ueberzeugen." Trotz sichtlicher Mäßigung ka nn auch Prof. König gelegentlich ein scharfes Wort über die frivole Beweisführung Fritschs nicht unterdrücken. Seine Methode „heißt einlegen und nicht auslegen", sie „grenzt an Verleumdung", sie beruht auf „Verkehrung des geschichtlichen Tatbestandes". Ihre Schlnßforderungen sind „geistlos", ihre Behauptungen „haarsträubend". Wenn der Antisemitenführer mit seinem besonderen Wissen und seinen: psychologischen Feingefühl aufwartet, so antwortet, ihm König: „Darauf kann der Verfasser jenes Artikels sich verlassen, daß wir alttestamentlichen Fachgelehrten mehr von den Verschiedenheiten des althebräischen Schristentums wissen als er."

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