Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 11 (20.3.1914)
- Date
- 1914-03-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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»ttbaftfoii lutb Sldminiftration: Wien. II,, Avvaragasse 27 ¥rlc)>&ou: Redaktion 5509/1V. Hbmiutfttatiou 4.938 11. Hnakhangige Aeitschnft für jüöifche ö&eiuiun'vef*: Ganzi.ivng.K 14. H.Nbi»vria. K 7.— JE.!. üsterr. Voftjvarkasia. Scheck-Konto'Nr. 100.918. Interessen. Für Jl'nUii'? heu inte: Jnlvratc: Dtviermal gcivattcn- «onpareille-Zeiie 25 Heller. Erscheint jeden Areitn Fnr Ausland: ^50,-nemenlSnnd Anlertionsber-ägr nnd in Wien zahlbar und klagbar. Rollo: „Das Siegel üottes ist Wahrheit.!“ «&»«,,>'iQn,i.a mutt t> Milde! oder 1« Nrc». Nr. 11. Wien. 20. Min; II» 14. Inhalt: Die Wiener Gemeinderats- und Bezirksratswahlen. — Das Alte Testament im Lichte des Christentums. — Jahresversammlung der „jüdischen Toynbeehalle". — Internationales Profalascha-Kvmitee. — Wilhelm Dannhauser. — Eine psalmistische Advent-Studie. — Das Martyrium eines Idealisten. — Verschiedene Nachrichten. — Oesterr.-ung. Kantorenvereiu. Die Wiener Gemeinderatsnnd Ke;irlrsratsmahlen. Ist die Einteilung der Gemeiuderatswähler nach dem Stande ihres Besitzes in verschiedene Wahlkörper an und für sich schon unsozial und ungerecht, so wächst das Unrecht, das die christlich-soziale Gesetzgeberknnst in Wien am IV. Wahlkörper beging, ins Ungeheuerliche. Trotzdem die Gemeinsamkeit von den besitzlosen Wählern dieses Wahlkörpers Gut nnd Blut in noch größerem Verhält n i s s e als von den wohlhabenderen Bolksschichten heischt, billigte bekanntlich der christlichsoziale Gesetzgeber Geßmann dem IV. Wahlkörper weniger Mandate 51t als den höheren 3 Wahlkörpern und obendrein erhielten die Wähler der besser situierten Bürger das Recht, im IV. Wahlkörper mitzuwählen. Warum gab man aber den Wühlern des IV. Wahlkörpers nicht auch das Recht, in den ersten 3 Wahlkörpern mitzuwählen? Die am 16. März l. I. vom IV. Wahlkörper zu besetzenden Gemeinderatsmandate im XVI. und XXI. Bezirke werden wohl trotz aller versuchten Wahlmanipnlationen der Christlichsozialen von den Sozialdemokraten behauptet werden und selbst das Mandat im HI. Bezirk könnte in dem Falle von der letztgenannten Partei erobert werden, wenn ihnen die freisinnigen bürgerlichen Wähler nachdrückliche Wahlhilfe leisten würden. Die Sozialdemokraten scheinen aber nichts zur Erlangung derselben getan zn haben*). Trister erscheinen für Freiheit und Fortschritt die Wahlaussichten im III. Wahlkörper. Die Wähler dieses Wahlkörpers gehören jener unglücklichen Volksschichte an, auf deren Rücken der Kampf der reichen und besitzlosen Volksschichten vorzugsweise ausgefochten wird. Zn diesem Übel gesellt sich noch die Tatsache, daß die genannte Volksschichte durch den ewig erfolglosen Kampf gegen zwei Fronten mutlos und verschüchtert geworden, es auch versäumte, sich das nötige klare politische Verständnis zn erwerben. Ans diesem Grunde geben die Wähler des HI. Wahlkreises schon sehrlange den Tummelplatz für politische Streber und gewissenlose Demagogen ab. Am erfolgreichsten gehen bekanntlich lange schon die Christlichsyzialen im HI. Wahlkörper krebsen, denn sie führen den wirtschaftlich schwer bedrängten meist arischen Wäh¬ *) Die mittlerweile durchgeführten Wahlen im IV. Wahlkörper haben an dem bisherigen Stande nichts geändert. (Die Red.) lern dieses Wahlkörpers die jüdische Geschäftskonkurrenz als alleinige Ursache ihres Elends vor und versprechen die Befreiung von derselben. Nachdem nun diese Wähler mehr als 15 Jahre schon vergeblich ans die versprochene Rettung hoffen und gegenwärtig noch tiefer im wirtschaftlichen Elende versunken erscheinen, wäre wohl schon Zeit, daß sich diese gewissenlos gefoppten Bürger endlich von der Gefolgschaft hinter der christlich-sozialen Partei losmachen. Leider hat aber auch die freisinnige Bürgerschaft die nötige politische Rührigkeit nicht entfaltet, die zum Zwecke der Aufklärung und politischen Schulung dieser Wählermassen nötig wäre, während die schuldbeladene christlichsoziale Partei weder Mühe noch Kosten scheut, den innigen Kontakt mit den einmal gewonnenen Wählern aufrecht zn erhalten und die Schuld durch demagogische Reden und Schriften von sich auf die anderen abznwälzen. Die Christlichsozialen zählen daher beute noch den III. Wahlkörper zn ihrem nur wenig bestrittenen Besitzstand. Nur bei energischer und zielbewnßter Wahlarbeit ist es der freisinnigen Partei einigermaßen möglich, im II. und IX. Bezirke Wahlerfolge zu erzielen. Wenn ein solcher Erfolg auch im IV. Bezirke erzielt würde, wäre das schon ein besonderer Glücksfall. Im XVI. Bezirke werden die Sozialdemokraten wohl alles daransetzen, auch ans dem HI. Wahlkörper Mandate zn holen. Für die Bezirksratswahlen aus dem II. Wahllörper des IX. Bezirkes stehen die Wahlschancen für den Freisinn etwas günstiger. Die politische Spiegelfechterei der Wiener Deutschnationalen gegen die Christlichsozialen, welche sie ans Anlaß der bevorstehenden Wahlen den Wählern vorzuführen für gut fanden, kann wohl von keinem politisch verständiget! Wähler mehr ernst genommen werden. Dr. Leopold Waber versichert wohl, die Deutschnatioualen kämpfen wieder unentwegt gegen die Christlichsozialen, wer aber nicht an Gedächtnisschwäche leidet, kann den Versicherungen dieses 'kompromißwilligen Wiener Führers der Deutschnationalen keinen Glauben schenken. Mag aber der Wahlerfolg für den bürgerlichen Freisinn diesmal noch so gering ausfallen, so ist es doch kein Grund, darob mutlos zu werden. Die Wahlkörper können für die Wahl des Wiener Gemeinderales keine Ewigkeit mehr andanern! Die kommenden uiederösterreichischen Landtagswahlen werden aber hoffentlich ganz anders ausfallen als im Jahre 1908. Auf, freisinnige Bürger, an die Arbeit für die Landtagswahl! * R. L.