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Die Wahrheit · 1914-03-13 · Heft 10 (13.3.1914) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 10 (13.3.1914)
Date
1914-03-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 10. Die Wahrheit Seite 9. lateinischen Bibelübersetzung liegt also ein Zeitraum von nahezu fünf Jahrhunderten. 3. Jedes Lied des sogenannten Graduale besteht in der Regel aus drei Teilen, nämlich deM sogenannten Introitus (Eingang), dann einem Graduale im engeren Sinne und einem Offertorium (Schluß). Das Graduale ist am Eingänge gewöhnlich mit einem „Ps.", als Abbreviatur Kr Psalm, bezeichnet und schließt gewöhnlich mit dem Ausdruck „Alleluja", d. h. Lobet Gott, Hallelujah. Bei dieser Einteilung ist nur das auffallend, datz durch die Beisetzung des „Ps." nur der betreffende Vers als Psalmvers bezeichnet ist, während oftmals Luch der Anfang und das Ende Psalmenverse, und zwar desselben Kapitels sind, wie das namentlich gleich! heim ersten Graduale für die Adventzeit der Fall ist, wie das unten näher nachgewiesen wird. 4. Bleibt es beffemdlich, datz selbst dort, wo ein Vers durch den Beisatz „Ps." als Psalmvers bezeichnet ist, jede 'Andeutung über das Kapitel selbst im Inder fehlte, so daß, selbst Kr den Fachmann ein -Vergleich mit der Quelle, nämlich der Vulgata oder dem Urtext sehr schwer, wenn nicht ganz unmöglich gemacht wird. Ferner bleibt es beffemdlich-, datz in neuerer Zeit in den Publikationen der Gradualien durch die Zeitungsblätter jede Hindeutung -auf die Psalmen fehlt, daKr aber immer die Komponisten der Musikstücke der jüngsten Zeit mit vollem Namen genannt werden, als wären diese und nicht die alttestamentarisch!-psalmistischen Autoren die eigentlichen Schöpfer dieser Lieder. Cs ist allerdings schwer zu sagen, ob hier Tendenz oder 'Indolenz, ein Leitgedanke überhaupt oder .etwa blötz Gedankenlosigkeit vvrliegt. Letzteres kann jedoch bei -einer so ernsten und gelehrten Kongregation, wie es die Kongregation der Riten in Rom ist, nicht vorausgesetzt werden. Tatsächlich findet sich, dieses Verschweigen der QuMen ünb der Bibelstellen nur in den Gradualien der Ängsten Zeit. In den Missale RomanuM, d. h. die Bücher Kr das Messelesen der Priester, finden wir allerdings zumeist die Quellen angegeben. Dieses Totschweigen der hebräischen Autoren und die bloße Nennung der christlichen Musiker in den Zeitungspublikationen kommt uns jedenfalls gerade so sonderbar vor, wie wenn bei Tragödien oder anderen dramatischen Werken, zum Beispiel Shakespeares, nicht der Autor oder z. B. bei dem jetzt die Theaterwelt so beherrschenden Erstaufführung von „Parsifal" nicht der Autor Wagner, sondern die Berliner und Wiener Regisseure zitiert und bei Dichtungen anderer Art an Stelle der Lottbegeisterten Dichter bloß ihre Rezensenten und Rezitatore genannt würden. -Vielleicht ist das auch nur eine Begleiterscheinung von der überwältigenden Macht, die die Kirchenmusik auf das Gehör der Andächtigen übt, und zwar nicht nur auf das Ohr der Volksmassen, sondem auch auf das nach Harmonie dürstende Gemüt denkender Kirchenbesucher. (Fortsetzung folgt.) Das Martyrium eines Idealisten. E i n e R e m i n i s z e u z. Bon Ben Jehuda. (Fortsetzung.) Am äußersten Punkt des „Ringplatzes", der an die Judeustadt grenzt, waren sämtliche Mitglieder der isr. Gemeinde, die Stadtrepräsentanz nebst den städtischen Beamten und sonstigen Honoratioren, die Lehrer mit der Schuljugend versammelt. In unmittelbarer Nähe des Triumpfbogens, der . beim Eingang in die Judeustadt angebracht wurde, standen .vier junge Gemeindemitglieder mit dem Baldachin, unter -welchem zwei alte ehrwürdige Talmudisten, jeder eine mit Kle-Kodesch reichgeschmückte Thorarolle in der Hand, den neuen Rabbi erwarteten, um ihn in feierlicher Weise in die Synagoge zu geleiten. Die ganze Judeustadt war illuminiert und der Tempel prachtvoll dekoriert. Nachdem ein der Feier des Tages entsprechender Psalm vom Chore angestimmt und der Mincha-Gottesdienst vom Kantor in erhebender und würdiger Weise zelebriert wurde, bestieg Dr. Abrahamssohu die Kanzel und hielt seine Antrittsrede, die nicht nur auf die Glaubensgenossen, sondern auch auf die nichtjüdischen Notabelu einen mächtigen Eindruck gemacht, so daß nach Schluß dieses Festgottesdienstes die Spitzen der Stadtgemeinde nicht umhin konnten der jüdischen Gemeindevertretung zu der glücklichen Aeqnisition, die sie an dem neuen Rabbiner gemacht, zu gratulieren. Abrahamssohn fühlte sich jetzt ganz glücklich und rief mit dem Psalmisten ans: „Dieses ist mein Wohnsitz für immer, hier will ich verbleiben, da ich mich nach einer solchen Stätte gesehnt habe." Er entfaltete von der ersten Stunde an in Tr. eine überaus segensreiche Tätigkeit. War er doch schon in Tr., wo er von einem Pseffermann mit Nadelstichen traktiert wurde, eifrigst bemüht seine ganze Kraft dem ihm anvertranten Amte zu widmen, so verdoppelte er jetzt seine Tatkraft umso mehr, als sämtliche Gemeindemitglieder — vom Präses bis zum Schames herab — ihm stets mit der größten Hochachtung eutgegenkamen. Tein Hauptaugenmerk war auf die Schule, die Pflanzstätte der künftigen Generation gerichtet. Außer den obligaten Religionsstnnden hatte er aus freiem Antriebe täglich wißbegierigen Knaben in Bibel und Talmud Unterricht erteilt imb die amtsfreie Zeit in gewohnter Weise ausschließlich seinen Studien, wie seiner literarischen Tätigkeit widmet. Er schrieb populärwissenschaftliche Werke, die von der Kritik sehr günstig beurteilt werden, reichen Absatz gesunden und seinen Ruf verbreitet hatten. Zn wiederholten Malen wurden ihm glänzende Posten von Vorständen großer Gemeinden des In- und Auslandes angeboteu, die er aber stets dankend abgelehnt. Wenn intime Frennde sich erlaubten ihn zu fragen, warum er dieses oder jenes Avancement so leichten Herzens refüsiert habe, antwortete er: dies geschah aus dem einfachen Grunde, weil ich mir meine materielle Lage durch die Annahme eines Postens in einer großen Stadt durchaus nicht verbessert hätte; denn sehen Sie, hier habe ich ein jährliches Einkommen von 1800—2000 fl. und komme trotz der bescheidenen Ansprüche, die wir an das Leben stellen, knapp ans, wie schwer zu kämpfen hätte ich erst dort, in der großen Welt — selbst wenn das jährliche Einkommen um die Hälfte größer wäre — gehabt, wo die Lebensmittel teuerer und die Bedürfnisse größer sind als hier. Es ist noch kein Rabbiner — es sei denn daß er nebenbei ein tüchtiger Geschäftsmann war — ein reicher Mann geworden. Abgesehen davon, war es noch ein anderer und zwar sehr wichtiger Grund, der mich bestimmte diesen oder jenen Posten in einer Großstadt nicht anznuehmen. Hier widme ich täglich meinem Amte 3—4 Stunden, die ganze übrige Zeit kann ich ruhig meinen Studien und literarischen Arbeiten widmen; in der Großstadt wird der moderne Rabbi, selbst wenn er in der Religionsschule nicht zit unterrichten braucht, von so vielen Funktionen und sonstigen B e r u f s g e s ch ä f t e u so sehr in Anspruch genommen, daß ihm oft kaum Zeit bleibt sich für die zwanzig Minuten dauernde obligate Sabbatrede vorzubereiten. Die Hauptaufgabe eines Rabbiners aber besteht nicht in der Abhaltung zahlreicher Casualreden rc., sondern lilmod ulelamed im Lernen und Forschen, damit er die durch Fleiß und Emsigkeit gewonnenen geistigen Schätze weiter verbreiten und dadurch Religiosität, Moral und Sittlichkeit fördern kann." So verlebte dieser uneigennützige Idealist zwei Dezennien in Ir. In den letzten Jahren jedoch hatte sich feine materielle Lage durch die mittlerweile stattgefundenen Umwälzungen verschlimmert. Infolge der Freizügigkeit haben in Ir. — wie in den meisten alten jüdischen Landgemeinden — die wohlhabenden Mitglieder den Ort verlassen und sind in größere Städte, wo Handel und Industrie blühten, übersiedelt. Mit dem Rückgang der Gemeinde wurde selbstverständlich auch das Einkommelt des Rabbiners in Mitleidenschaft ge-»

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