Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 10 (13.3.1914)
- Date
- 1914-03-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 10. zogen, so daß er trotz seiner Genügsamkeit und Anspruchslosigkeit auch von der Brodsorge nicht verschont geblieben. Jetzt erst sah er ein, daß er in früheren Jahren stark gefehlt, indem er die ihm zu wiederholten Malen angebotenen glänzenden Stellen ausgeschlagen, ohne zu bedenken, daß die Zeit kommen kann, wo in einen, flemeii Städtchen sich nicht mehr, wie ehemals eine große Kehilla für die Dauer, erhalten können werde. „Was soll ich nun tun", sagte er, „geschehene Dinge lassen sich nicht ungeschehen machen. Ich bin halt ein Pechvogel, ein wahrer Schlemiel, dem alles, was er unternimmt schief geht. Trotz all dem bleib ich standhast und verzweifle nicht, denn die Hilfe Gottes kommt oft in einem Augenblicke." Tatsächlich ist auch unversehens plötzlich die Hilfe angekommen. Um jene Zeit wurde nämlich das Rabbinat der alten Gemeinde Au., wo einige Dezennien zuvor eine talmudische Koryphäe, einer berühmten Jeschiba als Leiter Vorstand, durch den Hintritt des gelehrten Rabbi vakant. Da wandte sich der dortige Gemeindevorstand an Herrn E. St., einem würdigen, feingebildeten Mann, der ans Au. stammte und in B. Besitzer eines schönen Geschäftes war. und ersuchte ihn, er möge bei seinem Freunde Dr. Abrahamssohn, dessen Schriften in An. mit besonderem Interesse gelesen werden, anfragen, ob er nicht geneigt wäre den vakanten Rabbinerposten in An. unter günstigen Bedingungen anznnehmen. E. St. besann sich nicht lange, ging sofort zur Bahn und fuhr nach Ir. zu Dr. Abrahamssohn zu Besuch. Dieser freute sich über alle Maßen, seinen alten treuen Freund wieder einmal in seinem Hause begrüßen zu können. E. St. machte ihn sofort mit dem Zweck seines Besuches - vertrant, zeigte ihm den Brief, den er vom Knltusvorstande der Gemeinde Au. erhalten hatte. Dr. Abrahamssohn war ganz erstaunt über diese merkwürdige Fügung und wäre auch gern bereit gewesen diesen Atttrag sofort zu akzeptieren, wenn er nicht Ursache gehabt hätte der Befürchtung Raum geben zu müssen, daß auch die alte ehrwürdige Gemeinde Au. im Laufe der Jahre deziniiert werden könnte. Er sagte daher zu E. St.: „Ich, der ich in einer neuen Gemeinde — in I — traurige Erfahrungen gemacht, würde gewiß immer jede alte, wenn auch minder großen Kehilla der größten neuen Gemeinde vorziehen, denn in der alten Kehilla bestehen noch die alten Institutionen und Traditionen, daher dort der kalte, frostige, alles Heilige und Religiöse zerstörende Jndifferentismtts tticht so leicht wie in der neuen Gemeinde um sich greisen und ein Präses vom Kaliber eines R. Sender Pfeffermann keine Paschawirtschaft führen kann; allein die alten Landgemeinden gehen leider infolge der Freizügigkeit einer traurigen Zukunft entgegen." Herr E. St. beruhigte ihn und sagte: „Es kann allerdings nicht geleugnet werden, daß in den letzten Jahren infolge eingetretener Zeitverhältnisse viele alte Gemeinden dezimiert wurden, allein bei der Gemeiitde Au., die einen großen Sprengel hat, ist das vorläufig nicht zu befürchten, denn die dortige Gegend ist sehr fruchtbar, daher das Geschäft auch vortrefflich prosperiert. Der Umstand, daß die Kultusgemeinde Au. heute mindenstens fünfzig stenerzahlende Mitglieder mehr hat als die in Ir. verdient auch beachtet zu werdet!. (Fortsetzung folgt) Verschiedene Nachrichten. Wien. („M arpeLanefesc h,“ EL Glockengaffe 4.) Am 5. d. fand ein Heßped für verstorbene Mitglieder statt. In meisterhafter Weise verstand Se. Ehrlv. Herr Rabbiner N. Fnedmaun zu schildern, welche herbe Verluste der Verein im heurigen Jahre zu verzeichnen hat, kein Auge blieb tränenleer als er den Namen Adolf Blau erwähnte, noch mehr ergriffen tvaren die zahlreichett Änwesenden als Cantor Ellbogen das Mule B,aclimim-(5Je&et vortrug. Cafetier Herr Josef Blau machte namhafte Spenden für den Verein und für verschiedene Wohltätigkeitsvereiue. Wien. Montag den 9. d. M. ist der Vizepräsident des israelitischen Tempelvereines für Mariahilf und Neubau, Herr Friedrich P o l l a k, Seniorchef und Gründer der gleichnamigen Tücher- und Modewarenfabrik, im 83. Lebensjahre gestorben. Der Verblichene, der sich in den weitesten industriellen Kreisen des höchsten Ansehens erfreute, wurde von den Mitgliedern des Mariahilfer Tempelvereines. dessen Vorstand er nahezu ein halbes Jahrhundert angehörte und an dessen Gründung und Entwicklung er sich große Verdienste erworben hat, allgemein verehrt. 'Das Leichenbegängnis fand Mittwoch den 11. März 11 Uhr vormittags vom Trauerhause VI. Schmalzhofgasse 6. unter überaus großer Teilnahme statt. Unter den zahlreichen Trauergästen bemerkte man außer den Familienangehörigen den Präsidenten der Kulchsgemeinde Dr. Alfred Stern mit den Vorstehern Dr. Markus Spitzer und S. Steiner, den Präsidenten des Mariahilfer Tempelvereines Dr. Jakob Engel mit sämtlichen Vorstandsmitgliedern, die Präsidentin und die Vorstandsdamen des Frauen Wohltätigkeits-Vereines im VI. Bezirke und Vertreter verschiedener Vereine, und Korporationen, die der Verblichene gefördert hatte. In fast endloser Kette bewegte sich der Leichenzng Nach dem Zentralfriedhofe, wo nach Vortrag der rituellen Gesänge durch Oberkantor D nnma nn, Rabbiner Dr. Taglicht, das Leben und Wirken des Heimgegangenen würdigte.. Namens des Tempelvereines nahm Dr. Jakob Engel wehmütigen Abschied von dem verstorbenen Mitgliede und Vorstandskollegen. Im Namen der Angestellten sprach ein Beamter des Hauses und namens der Gemeinde Fulnek^ deren Ehrenbürger der Verblichene war, der Bürgermeister von Fnlnek. Unter den üblichen Tranergesängen wurde hierauf der Sarg zu Grabe geleitet. Wie«. Wochenprogramm der jüdischen T o Y nbeehalle. XX., Othmargasse 46. Samstag. 14. März Musikaufführung, Quartett Bnnzl. Sonntag, 15. März. Die Persönlichkeit Theodor Herzls, Herr Lehrer A. Schwerlfingexf Montag, 16. März, Litterarischer Abend ,,Jugendbund"!. Dienstag, 17. März. Ans der neueren chassidischen Litteratnr, Herr Dr. Ernst Müller. Mittwoch, 18. Mürz, Meine chinesische Reise (Lichtbildervortrag). Frau Samnely-Jaqnes.. Donnerstag, 19. März, Bilder aus der ältesten Kultur der Menschheit, Herr Dr: Emm. Kohn. Freitag, 20. März,, Bibelvortrag, Herr Lehrer Löw-Vogel. Znaim. Sonntag nachts starb im Alter von 71 Jahren Luise spitzer geb. Blum, die Frau des Großindustriellen Herrn Adolf Spitzer in Znaim. Sie war vonhervorragender Herzensgüte und Frömmigkeit; wie beliebt und allseitig verehrt die Verstorbene lvar, zeigte sich bei ihrem Leichenbegängnis, zu dem sich die Elite der Znaimer Gesellschaft, Juden und Christen, eingefunden hatten. So bemerkte man namentlich den gesamten Knltnsausschnß nrit dem Vorsteher Herrn R. Wotzilka an der Spitze, den Vorstand des Fraueuvereiues mit Präsidentin Frau Lonise Brüll/sowie der Chewra Kadischa mit Herrn Obmann Fr. Haas. Außerdem bemerkte man Herrn Bürgermeister Dr. Homma, Be-- zirkshauptmann Bach, zahlreiche Offiziere, Landessanitäts--- inspektor Dr. Wolfenstein, Bahnrat Reich, Obmann des Turnerklubs Robert Weiner, Regimentsarzt Dr. Wolfenstein und zahlreiche andere illustre Persönlichkeiten aus nah und fern. Der Bedeutung der Verklärteit und dem Schmerze ihrer zahlreichen Angehörigen gab unser/Rabbiner Prof. Dr. Kahan in seiner Trauerrede kurzen aber beredten Ans-- druck; die kantoraleu Funktionen versah in würdiger Weise unser Oberkantor Herr S. Handgriff. Znm Schluß sei noch, erwähnt, daß ihr Sohn Arnold, Chef der Spiritnsraffinerie in Znaim und ihre Schwiegersöhne, die Herren Major D. Glück, Oberkommiffär Dr. R. Wagner, beide-.in Wien;, sowie Fabrikant H. Kienzl in Znaim sind. Bei der Kranz-! ablösnng gingen bedeutende Spenden für unsere Wohltätigkeitsvereine ein.