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Die Wahrheit · 1914-03-13 · Heft 10 (13.3.1914) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1914
Issue
Heft 10 (13.3.1914)
Date
1914-03-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 10. Die Wahrheil. Seite 5. In allen Kreisen, die mit den politischen Verhältnissen und Stimmungen des Landes vertraut sind, hält man alle diese Aktionen für völlig aussichtslos. In dem athenischen Blatte „Athiuai" widmet Max Nordau der Frage, wie Griechenland sich den unter seine Herrschaft gelangten Israeliten gegenüber verhalten wird, eine eingehende Besprechung, in welcher es zum Schlüsse heißt: „Meine Freunde, bleibet ruhig, wo ihr seid. Setzet euer gewohntes Leben fort und habet Vertrauen in die brüderlichen Gesinnungen der Griechen. Bedienet euch ihnen gegenüber weder der Heuchelei noch der List, um so mehr als sie euch doch durchschallen würden. Seid frei und offen und saget: „Euer Heldenmnt hat euch zu den Herren unserer Vaterstadt gemacht, welche ursprünglich eine griechische Stadt war. Wir beugen uns vor dem Schicksalsbeschlnß, aber verlanget nicht, daß wir uns über euren Sieg und den Fall der Türkei freuen, indessen werden wir uns aller Pflichten unterziehen, die unsere neue Stellung uns auserlegt. Wir waren den Türken dankbar für die Art und Weise, in der sie uns behandelten, und wir werden die gleichen Gesiuunngen für euch hegen, wenn auch ihr uns gut behandelt." Eine derartige Sprache und Offenheit werden von den Griechen leicht verstanden werden; sie werden euch schätzen und Vertrauen zit euch fassen. Es ist nicht leicht für euch, die. griechische Sprache zu erlernen, nur die oberen Klaffen können dies tun, das niedere Volk und die alten Leute werden es nie fertig bringen, aber die nächste Generation kann ohne Schwierigkeiten griechisch sein. Dieser muß nun alle Aufmerksamkeit zugewendet werden. Die griechischen Uuterrichtsaustalteu müssen vermehrt werden uub in absehbarer Zeit werden die Saloniker Juden, welche durch die griechischen Schulen gingen, ebenso rein griechisch sprechen, wie ihre Glaubensgenossen in Athen. Sie werden sehr schnell den unbegrenzten Horizont erkennen lernen, den ihnen die Freiheit, die Gesetze, die Zivilisation, der Geist und die Traditionen der Griechen eröffnen. Während der Zeiten des Äbsolntismus dachte mau nicht einmal an diese Frage und nach der Einführung der ottomauischen Verfassung hatten sie viel weniger Freiheit als früher, da sie die türkische Sprache nicht kannten. Wenn aber die Israeliten am öffentlichen Leben eines freien Volkes teilnehmen können, so wird ihr Selbstbewußtsein rasch erwachen. Sie werden sich mit dem Eifer, der sie charakterisiert, den öffentlichen Angelegenheiten widmen und es hängt nur von ihnen, von ihren geistigen Fähigkeiten, von ihrer Kultur und bürgerlichen Tugenden ab, um Gemeinderäte in Saloniki, Abgeordnete der Kammer in Athen, sogar Minister, höhere Beamte, Universitätsprofefforen, Richter imb Offiziere werden zu können. Die griechische Nation besitzt ein großes Unterscheidungsvermögen. Sie erkennt den Wert der Fähigkeiten und gibt jedem Bürger den Platz, den er durch diese verdient. Ich bin überzeugt, daß diese von mir suggerierte Methode, in Praxis nmgesetzt, gute Früchte tragen wird. Durch sie wird es in einigen Jahren für Griechenland keine jüdische Frage mehr geben. Statt dessen wird es sich um eine Bevölkerung von 100.600 guten Patrioten bereichert sehen, deren größtes Bedauern das sein wird, daß sie nicht schon seil langen Jahren, griechisch waren. Bisher gehörte dem türkischen Staatsrat, der höchsten Verwaltungsbehörde des osmanischen Reiches, kein Jude an. Nunmehr steht die Ernennung eines jüdischen Richters, Zeki Bey Albala, znm Mitglied des Staarsrates bevor. Er gehört auch dem neu gewählten Medschliß dschismani au. Seine Haltung ■ in innerjüdischeu Angelegenheiten kann als neutral bezeichnet werden, doch steht er dem Nationaljndentnm freundlich gegenüber, hat Verständnis für die moderne jüdische Entwicklung und gilt als sympathischer Charakter, der sicherlich die jüdischen Interessen in seinem ueiten ehrenvollen Amt nicht vernachlässigen wird. Da die Direktion der jüdischen Kolonisationsgesellschaft Jca in Paris ans verschiedenen Gegenden Rußlands,. Galiziens und Ungarns Gesuche um Ueberlassung von Boden in den Jca-Kolonien in Brassten erhält, ersucht sie bekannt zu geben, daß im Jahre 1914 nur eine geringe Anzahl jüdischer Familien, welche sich jedoch bereits in Brasilien befinden, in den Jca-Kolonien angesiedelt werden. Sowohl im Jahre 1914 als auch in den darauffolgenden drei Jahren ist eine Ansiedluug neuer Ankömmlinge in den brasilianischen Kolonien der Jca völlig ausgeschlossen, da sie über keine freien Plätze verfügt. Die „New-Iork Times" veröffentlicht folgende iuteressante Daten über den jüdischen Religionsunterricht in New-Iork: Es gibt in New-Iork 29 Sonntagsschnlen mit 5669 Schülern und 217 Lehrern, 42 Synagogenschulen mit 4131 Schülern und 130 Lehrern, 17 „Insfcitufcional Thora schools“ mit 6952 Schülern nnd 140 Lehrern, 24 Talmudschulen mit 10.710 Schülern und 163 Lehrern, 468 Cheders mit 13.952 Schülern nnd 653 Lehrern; im ganzen also 580 Schulen mit 41.404 Schülern und Lehrern. Die Bezahlung der Lehrer ist dürstig. Die Zahl von 41.404 Schülern ist bei den 200.000 schulpflichtigen jüdischen Kindern gering. Das „Erziehungsbnreau", das diese Angelegenheit untersuchte, fand die Zustände teilweise recht betrübend und beklagte besonders den Mangel an der Erziehung der Mädchen. Es sollen neue Gebäude errichtet, die Gehälter verbessert, die Mädchen in größerer Anzahl herangezogen werden. Der Leiter des Bureaus ist Dr. Samson Benderly, der aus Palästina stammt. Atttilemitismns nnd öffentliche Moral. Unter diesem Titel hielt im „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" der Gemeinderat, Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Robert G r a n i t s ch am 26. Feber 1914 vor einem sehr distinguierten Publikum eiueu Vortrag, den wir nachstehend auszugsweise wiedergeben: Der Redner wies einleitend daraus hin. daß die Verfolgung des Juden um seiner Religion und Abstammung willen schon im direkten Gegensatz zum Begriffe der öffentlichen Moral stehe, sowie, daß gerade die Religion der Nächstenliebe, als welche sich die christliche ausgebe, sich zufolge ihrer schweren Bedrückung des Judentums in schroffstem Widerspruch zu den Fundamentalsätzen ihres Stifters: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst", „Liebet euere Feinde" und „Mein ist die Rache" setzte. Bekanntlich hat allmählich eine vollständige Entrechtung der Inden stattgefnnden, ursprünglich aus religiöser Unduldsamkeit, die auf R a ch eg efüh l wegen der Kreuzigltng Christi zurückznsühren ist. daher eben deshalb mit der Religion nichts zu tint hat, dagegen den Mißbrauch derselben durch streitbare Geistliche, die ihre Herrschaft anszubreilen und zit festigen trachteten, zur Voraussetzung haben. Die Bedrücknngen dauerten sodann in verschiedenen Formen weiter an, bis speziell bei uns das berühmte Toleranz-Edikt Kaiser Josefs II., 1782 auch darin Wandel schuf, wenn auch nicht gänzliche Gleichberechtigung brachte. Letztere wurde erst 1867 durch die Staatsgrundgesetze erreicht, während beispielsweise Preußen bereits 1850, Nordamerika sogar 1778 damit vorgegangen war. Gegenüber der bei uns herrschenden Reaktion, welche wieder alle Errungenschaften der freihitlicheu Bestrebungen zunichte machen möchte, müsse auf die großen Nachbarstaaten, namentlich Italien mit Neid geblickt werden. Dort sei das Staatsweseu blühender denn je, wiewohl nicht nur tlicht die „Befreiung vom Einflüße des Jndentnmes" versprochen wurde, sondern sogar ein Jude, überdies Großmeister der Loge, Bürgermeister der Hauptstadt (von 1907 bis 1913) gewesen, ein Jude (Luzzatli) die Finanzen geleitet, ein Jude (Sounini) ein großer Staatsmann gewesen und

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