Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1914
- Issue
- Heft 9 (6.3.1914)
- Date
- 1914-03-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Nr. 9. . Die Wahrheit verschiedene Völker gewesen seien..Und so kommt er denn in seinen neuerdings auch als Flugblatt verbreiteten „sieben Thesen" zu folgendem Ergebnis: . . 3. Die ält-testämentlichen Schriften stellen zum wesentlichen Teil eine Sammlung aus den Literaturen und Religionen älterer vorjüdischer Kulturvölker dar, denen durch! Ueberarbeitnng der äußere Anschein einer Einheitlichkeit zu geben versucht worden ist. die.aber bei näherem Zusehen die Ungleichartigkeit ihres Ursprunges deutlich verraten. 4. Die Schriften der Propheten, entsprangen aus der geistigen Abwehrbewegung der israelitischen Bauernbevölkerung gegen die zunehmende Verjudung und sittliche Korruption. Es sind die antisemitischen. Schriften des Altertums. 5. Wo ein erhabener Gottesbegriff und ein tiefes sittliches Pathos in den alt-testamemlichen Schriften auftauchl, geht es auf die israelitische Quelle zurück. . . ." Das ist nun freilich eine mehr als rabulistische Unterscheidungsweise. Die Propheten quasi als Vorläufer der Herren Th. Fritsch, Bartels, Chamberlain und Genossen abzustempeln ist doch aber , wohl nur ein schlechter antisemitischer Witz. Wie man auch — vom orthodoxen, liberalen, oder freigefftigen Standpunkte aus. — über die Bnßprediger des Alten Testaments urteilen mag — sie als Vergleichsobjekte dem üblen Demagogentum des neuzeitlichen Antisemitismus au die Seite zu stellen — dazu stehen sie dentl doch in der Geschichte der Menschheit zu hoch. Darüber herrscht in allen wahrhaft christlichen Kreisen nur eine Meinung. (Schluß folgt.) Zionismus und Ualionnlismns. Von Jakob H. Schiff. Vortrag in der C. C. N. I. Meuorah Society, 7. Januar*). Die Ausführungen einer der bedeutensten Persönlichkeiten des amerikanischen Judentums über das vorstehende Thema werden sicherlich in den weitesten Kreisen mit großem Interesse ausgenommen werden: Sie waren so freundlich, mich einzuladen, einen Vortrag in Ihrer Gesellschaft zu halten und stellten mir die Wahl des Themas frei. Ich habe als Gegenstand „Zionismus tind Nationismus" gewählt und bitte um Erlaubnis, die Gründe auseinanderzusetzen, die mich dazu veranlaßt haben. Mit dem Heranwachsen der Nachkommen unserer Glaubensgenossen, die in den letzten beiden Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts hierhergekommen sind — viele dieser jüngeren Generation sind bereits hierzulande geboren — trat ein amerikanisches Judentum ins Leben, dem notwendigerweise die verantwortliche Eutscheidnng über die künftige politische und soziale Stellung der Juden innerhalb dieser großen Nation zufallen muß. Ja, ich gehe noch weiter und füble mich berechtigt, meine Ueberzeugnng anszusprechen, daß der emporkommenden Generation der amerikanischen Juden und insbesondere denen, die jetzt zu Männern heramvachsen, zweifellos die Führerschaft in der jüdischen Welt zukommen wird. Wegen dieser schweren Verantwortung, der nicht anszuweichen ist, ist es so sehr wichtig, daß wir klar einsehen lernen, - was der Jude in seinem Geburtslande sein sollte/ und welche Stellung er zu seinen Glaubensgenossen in anderen Ländern der ganzen Welt nehmen soll. Bis vor dreißig oder vierzig Jahren war die jüdische Bevölkerung der Welt, die verschiedenen Länder einzeln genommen — außer Rußland und einigen slawischen Ländern — verhältnismäßig klein. Erst mit dem Beginn der Unterdrückung und Verfolgung — hauptsächlich in Rußland und Rumänien — die sich zuerst Anfang der achtziger Jahre so sehr steigerten und seidem so rapide zugenommen haben, wurden die jüdischen Massen dieser Länder gezwungen, andere Heimstätten zu suchen, und so begann, was eine ssüdische „Völkerwanderung", oder Exodus genannt werden kann, die noch nicht ihr Ende er- *) Aus dem „American Hebrew", 16. Januar 1914, nach der „Allgemeinen Zeitung des Judentums". reicht hat, und die zu der starken Vermehrung der jüdischen Bevölkerung fast aller zivilisierten Länder geführt hat. .Nach unserem Lande,. das zu ihm kommenden.Fremden gegenüber so gastlich ist, lenkten unsere verfolgten Glaubensgenossen mehr als nach irgendeinem anderen Lande ihre Schritte, und dies hatte zur Folge, daß gegen eine jüdische Bevölkerung von 250.000 vor 30 Jahren jetzt in den Vereinigten Staaten . wahrscheinlich mehr als zwei Millionen unseres Volkes wohnen. Das rapide Einströmen eiiie^ neuen, bis zu einem gewissen Grade fremden Elements in die Bevölkerung' der Länder der Diaspora erweckte bald von neuem — insbesondere in Europa, wie vielleicht natürlich — und mit vergiftender Kraft die Vorurteile, die immer gegen die Juden existiert hatten, und die — ein je wichtigerer Faktor sie im Wirtschaftsleben eines Landes werden — mit um so größerer Stärke bei der einheimischen Bevölkerung in die Erscheinung treten. Solch Vorurteil kann, wie wir wissen, Formen annehmen und. nimmt sie gewöhnlich an, die für diejenigen, gegen die es sich kehrt, außerordentlich unbequem werden, und hindert häufig das berechtigte Streben nach Glück und Zufriedenheit — das. angeborene Recht eines jeden Menschen — und macht sogar zeitweise die Bewahrung der. Selbstachtung schwierig. - Ans dieser Situation heraus, die sich in jenen Ländern immer mehr verschärfte, wo Siege lind Niederlagen in Eroberungskriegen starke Heimats- und Natioualitätsgefühle hervorgerufen hatten, wie besonders in Deutschland und Frankreich, und wo folglich die Grenzlinien zwischen Rassen und zwischen Bekenntnissen ziemlich scharf gezogen waren, /rwuchs zweifellos zuerst das Verlangen der Juden, auf der Basis dessen, was sie für eigenes besonderes Erbe hielten, eine kompakte internationale Masse ihres eigenen Volkes zu bilden, so daß auch sie ihrerseils Zuflucht uehmeu könnten zu der einigenden Entwicklung von Rasse und Nationalität. Es. braucht kaum erwähnt zu werden, daß es Theodor Herz! war, der, in tiefem Gefühl der Demütigung für die moralischen — sogar mehr als die tatsächlichen — Leiden der Juden, mit einer Kraft des Ausdrucks, die ihn fast an die Seite der Propheten stellte, mit der Voraussicht und der Organisationsfähigkeit des echten Staatsmannes begabt, zuerst die Idee des Zusammenschlusses der Juden der ganzen Welt in eine homogene Organisation erfaßte und verwirklichte, die die Wiedergewinnung Palästinas und dieAufrichtnng eines jüdischen Staaies daselbst — eines „Jndeusttaates", wie Herz! es nannte — zum Ziele hat, der eine rechtlich gesicherte Heimstätte für die Inden und ein Rückhalt für die Juden in aller Welt werden sollte. So begann der Zionismus und machte bei den Juden in jedem Lande der Diaspora weitere Propaganda. Wir wissen, daß er sich wie ein Lauffeuer ausgebreitet hat, wie er die Juden jeder Richtung des Glaubens und Unglaubens ergriff, wie er alt und jung um sein Bannen scharte, und wir können zugeben, daß er ein neues jüdisches Bewußtsein und jüdische Selbstachtung erweckte. Ich bin kein Zionist, wenn der Ausdruck die Juden als nationale Separatisten unter den Nationen der Welt bezeichnen soll, oder auch wenn damit gemeint ist, sie zu einem vom Glauben ihrer Ahnen unabhängigen Volk zu machen. (Fortsetzung folgt) Verschiedene Nachrichten. Wien. (Em i g r a n t e n fü r s o r g e d e r Is r a e li t i s ch e tt Allianzzu SB i-eit.) Während des Monates Februar 1914 wurden von der Zentrale der Israelitischen Allianz iu Wien insgesamt 117 Emigranten, davon 106 russische und 11 rumänische, weiterbefördert, u. zw. : 85 nach den Vereinigten Staaten, 1 nach Argentinien, 8 nach Kanada, 4 nach England, 15 nach Frankreich und 4 nach anderen Ländern. In ihre Heimat zurückbefördert wurden 33 Rückwanderer. Während des Aufentvaltes in Wien wurden im Monate Februar für 31 Personen zusammen 66 Tage Logis nndvolle Verpflegung bezahlt und an 24 Personen zusammen 66 Speisemarken für die israelitische Volksküche ausgegeben. Es fuhren zu ihren Männern 11 Frauen, zu Eltern (resp. Kindern) 16 Erwachsene und 21 Kinder, zu Geschwistern 26 Erwachsene und 2 Kinder, zu sonstigen Verwandten 37 Erwachsene, ohne Verwandte 4 Personen. Dem Beruf nach waren unter den Be-